Johann Georg Platzer, Allegorie des Geschmacks, Detail links im Streiflicht, farbreduziert

5. Januar 2015 / Paul-Bernhard Eipper

Eine Kupferplatte mit Vorgeschichte: Beispiel für kunstvolles Recycling

Konservieren & Restaurieren

In unseren letzten beiden Beiträgen zur Blogserie Genauer hinsehen haben wir uns damit beschäftigt, wie man die Rückseiten von Gemälden bestmöglich schützt - vor Temperaturschwankungen und Verschmutzung. In unserem letzten Teil der Blogserie geht es um "Recycling" von Kupferstichplatten.


Als die Alte Galerie im Jahr 2007 die Ausstellung Delikatesse der Malerei. Meisterwerke von Johann Georg Platzer zeigte, wurden im Vorfeld dazu an einigen Kunstwerken konservatorische Untersuchungen durchgeführt. Dabei fanden wir ein spannendes Beispiel für das „Recycling“ von ausgedienten Kupferstichplatten!

Johann Georg Platzer (1704–1761) war bereits zu Lebzeiten ein hochgeschätzter Künstler, seine Werke waren etwa an den Höfen von Wien, Berlin, Dresden, St. Petersburg und Stockholm vertreten. Auch in der Sammlung der Alten Galerie befinden sich einige Tafeln von Platzer. Zwei davon – Allegorie des Gehörs und Allegorie des Geschmacks – hat der Künstler auf je eine Hälfte einer Kupferplatte gemalt, die zuvor als Druckstock für eine Landkarte im Einsatz war. Für diese Art der Weiterverwendung von Materialien kennen wir zwar mehrere Beispiele – als üblich kann man sie dennoch nicht bezeichnen.

 

Malen auf Kupfer

Kupfer gilt neben Stein und Eisen als Malgrund, der besonders resistent gegen Schädlingsbefall ist und noch weitere für die Malerei positive Eigenschaften aufweist. Bereits im 12. Jahrhundert wurde auf Kupfer gemalt, und um 1600 war dieses Metall bereits ein gebräuchlicher und auch erschwinglicher Malträger: Eine Kupfertafel kostete in etwa so viel wie eine Holztafel. Anders als für die Verwendung für Drucktechniken, müssen die Oberflächen von Kupfertafeln für eine Bemalung mit Ölfarben nicht so glatt poliert sein – sie werden allerdings vor der Bemalung entsprechend grundiert. Oft haben Maler aber auch das Durchscheinen des kupfernen Bildträgers in die Farbkomposition mit einkalkuliert.

 

Landkarte ans Licht geholt

Schon mit bloßem Auge erkennt man ansatzweise, dass sich unter den beiden Platzer-Allegorien etwas verbirgt – ein Team von Fachleuten des Universalmuseums Joanneum sowie von Joanneum Research hat diese Spur aufgenommen und die barocken Tafeln mit moderner Technik untersucht: Mithilfe einer vereinfachten Version des „Photometric Stereo“-Verfahrens konnten die dargestellten Szenen als 3-D-Struktur errechnet werden.

Dabei wurden die Objekte aus mehreren Richtungen beleuchtet und mit hochauflösenden Kameras aufgenommen. Die Original-Textur wurde anschließend eliminiert, während die „Schatteninformation“ erhalten blieb – so konnte die verborgene Information unter der Malschicht, die einer Abbildung der unbemalten Kupferplatte ähnelt, buchstäblich ans Licht geholt werden.

Verborgene Informationen helfen bei der Datierung

Es zeigte sich, dass auf der Kupferplatte, die Platzer vor der Bemalung in zwei Hälften teilte, die Landkarte des Herzogtums Bayern dargestellt ist. Zu sehen sind Ober- und Niederbayern sowie Teile Böhmens, Oberösterreichs, Salzburgs, Tirols und Schwabens. Vorlage für diesen Nachstich war die in mehreren Auflagen herausgegebene Bayernkarte von Willem Janszoon Blaeu (1571–1638) bzw. von dessen Sohn Joan Blaeu (1596–1673), die wiederum auf eine Karte von Gerhard Mercator (1512–1594) zurückgeht.

Zwischen den gedruckten Blaeu-Karten und der Grazer Kupferplatte gibt es dennoch einen deutlichen Unterschied: Auf allen vergleichbaren Bayernkarten Blaeus ist in der rechten unteren Ecke die auf der Titelkartusche thronende Bavaria dargestellt, die in ihren Händen das gekrönte bayrische Rautenschild hält. Auf der Grazer Druckplatte hingegen befindet sich über der identisch gestalteten Titelkartusche ein kreisrund gestalteter Bereich. In dessen Zentrum ist das gekrönte Wappen des Herzogtums Bayern in ovaler Form sichtbar, links und rechts gehalten von heraldischen Löwen.

Umgeben ist das Wappen von einer Inschrift, die zum Teil aufgrund der pastosen Malschicht unleserlich ist: „MAX EMANVEL COM PAL RHE VT BAVARIAE D[VX … R I ARCHIDAPI[…]ECT“ – diese Nennung von Kurfürst Maximilian II. Emanuel von Bayern schränkt den Entstehungszeitraum der Karte auf dessen kriegsbedingt unterbrochene Regierungszeit (1679–1706 sowie 1714–1726) ein. Der höchstwahrscheinlich im Auftrag des Kurfürsten ausgeführte Nachstich dürfte nur in einer sehr kleinen Auflage gedruckt worden sein, falls es überhaupt zu einem Druck kam. Bisher ist keine gedruckte Ausführung bekannt.

 

Text: Paul-Bernhard Eipper

Kategorie: Konservieren & Restaurieren
Schlagworte: Blogserie Genauer hinsehen


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