Rissverschweißung mit Fadenbrücken. Foto: P.-B. Eipper

2. Januar 2015 / Paul-Bernhard Eipper

Ein Gemälde wird „gestreckt“

Konservieren & Restaurieren

In unserer neuen Serie "Gemälderestaurierung - Step by Step" wollen wir die Restaurierung eines Gemäldes Schritt für Schritt nachvollziehen.

Im Teil 1 dieser Serie haben wir einen kleinen Eindruck davon bekommen, wie der Zustand des Gemäldes Venus und Amor von Govaert Flinck vor seiner Restaurierung ausgesehen hat: Die Malschicht hob sich flächig vom Untergrund ab, die Leinwand war zweifach doubliert, beschnitten und teilweise unter der Malschicht geschrumpft – es war also klar, dass die weitere Vorgangsweise von der Rückseite her begonnen werden musste: Die Doublierung musste entfernt werden.

 

Facing und Abnahme der alten Doublierung

Um das Gemälde zu diesem Zweck überhaupt erst auf eine Wollfilzunterlage wenden zu können, ohne dass die Malschicht noch weiter beschädigt wird, musste zunächst ein sogenanntes „Facing“ durchgeführt werden – darunter versteht man das Sichern von Mal- und Grundierungsschichten, das in diesem Fall mit Spezialpapieren und Hausenblasenleim erfolgte. (Dieser Leim wird aus der Schwimmblase des Störs gewonnen – dieser Fisch ist Kaviar-Freunden auch als „Beluga-Stör“ ein Begriff.) Dann wurde das Gemälde gewendet.

 

Facing. Foto: P.-B. Eipper

Facing. Foto: P.-B. Eipper

 

Mit Skalpell und Heißluftgerät konnten die beiden dick aufgetragenen Doublierungsmassen weitgehend entfernt werden, woraufhin sich die originale Leinwand unverzüglich entspannte.

Rissverschweißung

Im Regelfall doubliert man heute ein Gemälde nicht mehr, wenn Durchstoßungen aufgrund unsachgemäßer Behandlung oder Transport entstanden sind. Man beschränkt sich auf die tatsächliche Schadstelle. Wie bereits in Teil 1 erklärt, wurde die Leinwand dieses Gemäldes aus zwei einzelnen Gewebebahnen zusammengenäht. Diese Naht war im Laufe der Jahrhunderte locker geworden (für die Doublierungen hatte man diese abgeschnitten), und auch an anderen Stellen der Leinwand fanden sich Durchstoßungen und weitere Beschädigungen. Diese „Löcher“ wurden mit einer temperierbaren Lötnadel und speziellen Klebern (wässrige Mischungen von homopolymeren und copolymeren Polyvinylacetaten) verschweißt. Nach dem Schließen der Durchstoßungen wurde das Gemälde auf einen temporären Spannrahmen fixiert und über mehrere Wochen gedehnt.

 

Rissverschweißung mit Fadenbrücken. Foto: P.-B. Eipper

Rissverschweißung mit Fadenbrücken. Foto: P.-B. Eipper

Neue Doublierung

Da das Gewebe im Laufe der Zeit stark an Stabilität verloren hatte, fiel die Entscheidung, das Gemälde in seiner gesamten Fläche in zwei Schritten neu zu doublieren. Nachdem eine Vorfixierung mit dem Bügeleisen ausgeführt wurde, um das Bild überhaupt erst wenden zu können, erfolgte anschließend die eigentliche Doublierung mit einem modernen Schmelzsiegelkleber (Beva 371) bei ca. 65 ° C auf dem Heizvakuumtisch. Danach wurde das Bild auf den von der letzten Restaurierung noch vorhandenen und jetzt vergrößerten Kiefernholzrahmen wieder aufgespannt und kontinuierlich gedehnt. So wurde weiter Platz für die Farbschicht geschaffen und das alte Format annähernd zurückgewonnen.

 

Am Umschlag sieht man die originale und die neue Leinwand. Die Aufnagelung erfolgte mit verzinkten Spannnägeln. Foto: P.-B. Eipper

Am Umschlag sieht man die originale und die neue Leinwand. Die Aufnagelung erfolgte mit verzinkten Spannnägeln. Foto: P.-B. Eipper

Kategorie: Konservieren & Restaurieren
Schlagworte:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Benutzen Sie diese HTML Tags und Attribute:

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>