Digitally-Enabled-Participation, CC-BY Franziska Mucha

19. Mai 2020 / Eva Tropper

Digitale Beziehungen zwischen Menschen und Museen

Forschung | Joanneum Digital | Museumseinblicke

Ein Online-Vortrag von Franziska Mucha im Rahmen der Museumsakademie Joanneum zum Nachhören und Nachsehen

Als wir im Oktober vorigen Jahres einen Workshop mit dem Titel Museum ohne Schließzeiten. Projekte für ein digitales Publikum durchführten, konnten wir nicht ahnen, was wenige Monate danach geschehen würde. Dass eine flächendeckende Schließung der Museen aufgrund von Covid-19 das ‚digitale Publikum‘ zumindest vorübergehend zum einzig möglichen machen würde. Dass viele Museen auf eine völlig neue Weise erfinderisch werden würden, um ihre Besucherinnen und Besucher auf digitalem Weg zu erreichen. Und dass die Fragen, die wir im Oktober diskutiert hatten, plötzlich eine ungeahnte zusätzliche Relevanz bekommen würden.

Tomás Saraceno, In Orbit, 2013, Ausstellungsansicht in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, K21 Ständehaus, Düsseldorf. Kuratiert von Marion Ackermann und Susanne Meyer-Büser. Courtesy Tomás Saraceno; Tanya

Diskutiert hatten wir nämlich, welchen Einfluss unsere „Kultur der Digitalität“ (Felix Stalder) seit geraumer Zeit auf das Museum nimmt – und die Beziehungen der Institution zu den Besucherinnen und Besuchern unter neue Bedingungen stellt. Wie verändern sich Arten der Interaktion? Welche neuen Erwartungshaltungen entstehen vonseiten der Museumsbesucher/innen, die nicht mehr bloß passiv rezipieren wollen, sondern für die neue Praktiken der Teilhabe – wie etwa in sozialen Medien – selbstverständlich sind? Welche neuen Formen der Gemeinschaftlichkeit entstehen über das Netz, und was kann die Rolle des Museums dabei sein? Inwiefern also ist die digitale Transformation mitnichten nur ein technologischer Prozess, sondern auch ein zutiefst sozialer, der neue Qualitäten der Beziehung zwischen Menschen und Museen herstellt?

Diese Frage der Beziehung zwischen Menschen und Museen und das Nachdenken über unterschiedliche Formen der Beteiligung stand auch im Mittelpunkt der Keynote von Franziska Mucha unter dem Titel „Öffnung für User*innen. Crowd- und Community-Sourcing im Museum“. Infolge der veränderten Lage konnten wir Franziska dafür gewinnen, ihren Input am 8. Mai 2020 zu wiederholen – diesmal via Zoom und für ein digitales Publikum. Das Interesse an der Veranstaltung war so groß, dass wir beschlossen haben, den Vortrag hier zum Nachhören und Nachsehen zur Verfügung zu stellen.

Franziska Mucha war von 2016 bis 2018 Kuratorin für digitale Museumspraxis am Historischen Museum Frankfurt und hat dort das „Stadtlabor digital“ (Online-Stellung 2017) aufgebaut. Derzeit ist Franziska Mucha PhD-Studentin an der Universität Glasgow und erforscht im Rahmen des „European Training Network: Participatory Memory Practices (POEM)“ Crowd- und Community-Sourcing im Museum.

Was ist Partizipation im digitalen Raum?

In ihrem Beitrag schafft Franziska Mucha ein differenziertes Verständnis für ‚beteiligende‘ Projekte im Feld des Crowd- und Community-Sourcings von Museen und entwickelt präzise Möglichkeiten der Benennung. Oft werde der Begriff des Partizipativen relativ beliebig eingesetzt – tatsächlich aber lasse sich dieser Begriff in unterschiedliche Formen und Grade der Beteiligung aufschlüsseln. Hier plädiert Franziska Mucha für eine größere begriffliche Schärfe.

Formen des Crowdsourcings, CC-BY Franziska Mucha

So sei die dominante Form des Crowdsourcings im Museum in einer direkten Linie mit den früheren „ehrenamtlichen Tätigkeiten“ zu sehen, bei denen bestimmte, klar umrissene Tätigkeiten nun von Userinnen und Usern auf digitalem Weg übernommen werden – etwa das Vergeben von Schlagworten, das Transkribieren von gescannten Dokumenten oder das Verorten von Objekten („Description of collections“). Diese Form der Teilhabe sei stark auf die Bedürfnisse des Museums zugeschnitten und unterscheide sich signifikant von Formaten, in denen mehr Eigeninitiative und inhaltliche Beteiligung von Userinnen und Usern gefordert sei – so etwa beim Aufruf, Sammlungsobjekte zu kommentieren und mit spezifischem, Community-abhängigem Wissen anzureichern („Interpretation of collections“), oder aber bei der Aufforderung, selbst auf digitalem Weg zu Sammlungen beizutragen („Creation of collections“).

„In all diesen drei Formen des Crowd-Sourcings geht es um eine Partizipation an einer gemeinsamen Wissensproduktion. Hier wird Wissen ko-kreiert. Aber die verschiedenen Aktivitäten, an denen Userinnen und User teilhaben können, sind sehr unterschiedlich in ihrem Gestaltungsspielraum“ – Franziska Mucha

Beziehungen zwischen Museum und User/in anstoßen

In verschiedenen Modellen macht Franziska Mucha deutlich, wie sich das große Feld der Beteiligung im Museum begrifflich aufschlüsseln und profitabel einsetzen lässt, um unterschiedliche Formen der Beziehung zwischen dem Museum und seinem Publikum zu ermöglichen. Sie diskutiert aber auch kritisch, inwiefern nicht auch eine Kapitalisierung der Beziehung zwischen dem Museum und seinen Userinnen bzw. Usern die Folge sein kann – wenn etwa hinter der beteiligenden Absicht nur die einer Umverteilung von Arbeit steht.

Als Beispiel aus ihrer eigenen praktischen Erfahrung dient ihr das partizipative Projekt des Stadtlabors am Historischen Museum Frankfurt. Ausgehend von der Prämisse, dass alle Bewohnerinnen und Bewohner von Frankfurt eine Expertise in Bezug auf die Stadt haben, in der sie leben, werden seit 2010 beteiligende Projekte im Stadtraum durchgeführt und Wissen und Erfahrungen in Bezug auf die Stadt gesammelt. Die Ergebnisse daraus werden sowohl in Ausstellungen gezeigt als auch teilweise in die Sammlungen des Historischen Museums übernommen.

Stadtlabor Sommertour 2016, CC-BY-SA Historisches Museum Frankfurt

Die digitale Erweiterung des Stadtlabors diente zunächst einmal vor allem als ein Archiv: für die Dokumentation der unterschiedlichen Workshops und partizipativen Formate im öffentlichen Raum. Zugleich wurde das Stadtlabor digital aber auch als eine Plattform konzipiert, an der sich alle online beteiligen können. Franziska Mucha schildert hier allerdings, dass die beteiligende Funktion der Website nicht ‚von selbst‘ gegeben gewesen sei, sondern dass es dabei sowohl unterschiedlicher Anreize im Zugehen auf örtliche Communities sowie einer durchaus intensiven Betreuung und Moderation bedurft habe.

„Was heißt Öffnung für Userinnen und User? Meiner Meinung nach geht es dabei nicht nur um die technische Möglichkeit – also eine Website zu haben, auf der Userinnen und User Beiträge hochladen können –, es geht vielmehr auch um ein Umdenken. Die wichtige Frage, die sich Institutionen stellen müssen, ist: Was ist eigentlich interessant und relevant für Userinnen und User?“ – Franziska Mucha

Corona-Krise als Motor für digitale Teilhabe

Dass ein ‚Anlass‘ als Multiplikator für Beteiligungsprojekte fungieren kann, wurde mit Blick auf die Nutzung der Plattform im Kontext der Pandemie-Erfahrung deutlich. Etwa die Hälfte aller Beiträge auf der Seite des Stadtlabors digital wurde in den allerletzten Wochen, also in der Zeit des Shutdowns hochgeladen. Bewohnerinnen und Bewohner von Frankfurt nutzten die Seite stärker als zuvor in eigeninitiativer Weise, um Fotos, Zeichnungen, Videos und Audios auf die Seite hochzuladen und damit zu einer vielstimmigen „creation of collections“ beizutragen.

 

Literatur zum Beitrag

*Gesser S., Gorgus N., Jannelli A. (2020) Das subjektive Museum. Partizipative Museumsarbeit zwischen Selbstvergewisserung und gesellschaftspolitischem Engagement, Bielefeld: transcript.

*Humanities Commons Group: Crowdsourcing. Available at: https://hcommons.org/groups/crowdsourcing/ (accessed 14 May 2020).

*Dickel S. and Thiem C. (2016), Bestellte Massen. Auf dem Weg zu einer Theorie des Crowdsourcing. In: Lessenich S (ed.) Geschlossene Gesellschaften. Verhandlungen des 38. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie

*Eveleigh A. (2014), Crowding Out the Archivist? Locating Crowdsourcing within the Broader Landscape of Participatory Archives. In: Ridge M (ed.) Crowdsourcing our cultural heritage: Farnham, Burlington, VT: Ashgate, pp. 211–230.

*Facer K. and Enright B. (2016), Creating Living Knowledge: The Connected Communities. Programme, community university relationships and the participatory turn in the production of knowledge.

*Pruulmann-Vengerfeldt P. and Runnel P. (2019), The museums as an arena for cultural citizenship: Exploring modes of engagement for audience empowerment. In: Drotner K., Dziekan V., Parry R. and Schrøder K. (eds), The Routledge handbook of museums, media and communication: Abingdon, Oxon, New York, NY: Routledge, an imprintoftheTaylor & Francis Group, pp. 143–158.

*Purkis H. (2017), Making digital heritage about people’s life stories. International Journal of Heritage Studies 23(5): 434–444.

*Stalder F. (2017), Kultur der Digitalität. Berlin: Suhrkamp.

*Wong A. (2016), The Complexity of ‘Community’: Considering the Effects of Discourse on Museums’ Social Media Practices. Museum and Society 13(3): 296–315.

Kategorie: Forschung | Joanneum Digital | Museumseinblicke
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