Queen Elizabeth I of England dancing with Robert Dudley, Earl of Leicester, Penshurst Place in Kent, French Valois school, cirka 1580, Foto: Wikimedia Commons

20. Juli 2013 / Christoph Pelzl

Die vergnüglichen Seiten der Schuhe

Museum für Geschichte

Wie müssen Schuhe gefertigt sein, um damit auch tanzen zu können? Die Kulturjournalistin Christa Höller* hat die Entwicklungen seit dem Barock in ihrem Gastbeitrag zusammengefasst!

16. Jahrhundert: Flache Schuhe für eine sichere Landung

Vermutlich haben Menschen immer schon getanzt: zur Feier von Göttern und der Natur oder aus reiner Lebensfreude. Eigene Schuhe hatte man zunächst nicht dafür. Als die höfische Aristokratie entstanden war, feierte sie ihre Feste mit Musik und Tanz, und seit dem 16. Jahrhundert wurden auch eigene Schuhe für diese Vergnügungen angefertigt.

Am Hof der lebenslustigen englischen Königin Elizabeth I. wurde oft und gerne getanzt. Kleidung und Schuhe zu diesem Anlass folgten der jeweils herrschenden Mode. Einer dieser Tänze war die Galliarde für Paare – übermütig, schnell, im Dreivierteltakt. Die Dame wurde dabei von ihrem Tänzer bis zur Schulterhöhe in die Luft gehoben. Ein überliefertes Gemälde zeigt Elizabeth I. bei diesem Tanz: Sie trug flache, absatzlose Schuhe – Vorläufer der Ballettschuhe. Vermutlich hätten sich die Damen mit Absatz-Schuhen bei der „Landung“ verletzt.

Queen Elizabeth I of England dancing with Robert Dudley, Earl of Leicester, Penshurst Place in Kent, French Valois school, cirka 1580, Foto: Wikimedia Commons

17. Jahrhundert: Unbequeme Absätze um „größer“ zur erscheinen

Hundert Jahre später tanzte der französische König Ludwig XIV. oft und gerne, aber von Übermut war dabei keine Rede. Am französischen Hof forderte der Rang des Monarchen gemessene, würdevolle Bewegungen. Eines seiner Kostüme machte sogar Geschichte: Ludwig erschien als Sonne, als Herrscher der Sterne. Diesem Ballett verdankt Ludwig seinen Beinahmen „Sonnenkönig“. Ein erhaltenes Bild zeigt deutlich seine Schuhe: Sie hatten dicke, mehrere Zentimeter hohe, ziemlich unbequeme Absätze, die ihn größer und damit bedeutender erscheinen ließen.

Der König tanzt, Foto: UMJ / N. Lackner

18. Jahrhundert: Keine hohen Absätze mehr

Im 18. Jahrhundert bezauberte die französisch-spanische Tänzerin Marie Camargo das Publikum. König Friederich der Große engagierte sie nach Berlin. Sie forderte ein derart hohes Honorar, dass Friederich entsetzt ausrief: „So viel bekommen nicht einmal meine Minister!“, worauf die Camargo kühl antwortete: „Dann lassen Majestät eben Ihre Minister tanzen.“ Die Spezialität dieser Tänzerin waren hohe Sprünge, die aber durch die damals üblichen langen Kleider und hohen Absätze behindert wurden. Kurz entschlossen kürzte sie die Kleider und schaffte die hohen Absätze ab. Seither gibt es solche im klassischen Ballett nicht mehr.

 

19. Jahrhundert: Der Spitzenschuh setzt sich durch

Das Zeitalter der Romantik brachte den Spitzentanz. Fließende, aller Erdenschwere entrückte Bewegungen waren das Ideal dieser Zeit. Eine neue Art des Tanzschuhes wurde dafür erfunden: der Spitzenschuh. Vermutlich als erste hat ihn Genevieve Gosselin getragen. Im Jahr 1813 tanzte sie in Spitzenschuhen, mit denen sie 1 Minute lang bewegungslos auf der Spitze stehen konnte.

Was aber war das Besondere an den neuen Schuhen, in denen man auf den Spitzen der Zehenspitzen stehen konnte? Es waren ganz flache Slipper mit durchgehender Sohle. Der Oberteil ist bis heute aus Satin in verschiedenen Farben gefertigt, für das klassische Ballett in weiß oder zartrosa. In einer modernen Choreografie können Ballettschuhe auch farbig sein, wie etwa die roten Schuhe des Feuervogels im gleichnamigen Ballett von Igor Strawinsky. Gekreuzte Bänder halten sie um das Fußgelenk und oberhalb des Gelenks um das Bein fest.

Die Schuhspitzen sind auf verschiedene Art verstärkt. Zunächst wurden sie einfach mit Wolle ausgestopft, später wurde diese Wolle mit Leim verfestigt. Italienische Ballettschuhe hatten Metalleinlagen in den Spitzen, die aber den Russinnen zu hart und zu laut waren. Deren Schuhe waren mit Kork verstärkt. In Westeuropa bestand die Spitze der Ballettschuhe aus mehreren Schichten Leinen, die mit Leim verfestigt waren. Die Außenseite der Schuhspitze war durch Nähte verstärkt. Da sich diese Nähte schnell abnützten, hatten Ballerinen immer eine Nadel und Stopfgarn bei sich. Diese Art der verstärkten Schuhspitze hat sich bis heute erhalten. Es gibt seit einigen Jahren auch mit Plastik verstärkte Schuhspitzen, die Schuhe selbst sind innen mit Schaumstoff und Gel gepolstert. Die Sohle besteht aus einem speziellen Plastikmaterial. Übrigens: Kinder dürfen nie auf Spitze tanzen, auch wenn ehrgeizige Eltern es gerne sehen würden. Das gesamte Körpergewicht ruht dabei nämlich auf ein paar Quadratzentimetern, wodurch das kindliche Skelett schwer geschädigt würde.

Romantische Tänze

Zurück in die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts. Das Zeitalter der Romantik liebte alles Weiche, Fließende, Geheimnisvolle. Eines der berühmtesten Ballette jener Zeit war Die Sylphide, die Geschichte eines Zauberwesens, das sterben muss, sobald es an die Erde gefesselt wird. Der Spitzentanz war ideal geeignet, das Feenhafte eines Zauberwesens auszudrücken. Die 1804 geborene italienische Tänzerin Marie Taglioni war die Verkörperung dieser Sylphide. Als begehrteste Ballerina ihrer Zeit tanzte sie mit brillanter Technik alle großen Hauptrollen, beherrschte den Spitzentanz, feierte Triumphe in allen europäischen Hauptstädten, erhielt Riesengagen und wurde mit Schmuck überschüttet. Als sie sich 1847 von der Bühne zurückzog, wurden die Tanzschuhe ihres letzten Auftritts von einem Koch zubereitet und von fanatischen Bewunderern gegessen. Das Rezept für dieses Gericht ist leider nicht überliefert.

Ihre Rivalin um den Ruhm der besten Tänzerin war die 1810 geborene Wienerin Fanny Elßler. Ihr Vater war Kammerdiener und Notenkopist von Joseph Haydn. Zusammen mit ihrer Schwester Therese besuchte sie die Ballettschule am „Theater an der Wien“ und wurde schon mit acht Jahren in das Kinderballett des „Theaters am Kärnthnertor“, dem Vorläufer der Wiener Hofoper, engagiert. Sie wurde zur großen Konkurrentin der Taglioni. Das Lager der Ballettfreunde war in zwei Teile gespaltet, die „Taglionisten“ und die „Elßleristen“. Ab 1825 gastierte Fanny Elßler an allen großen Theatern Europas, und ihre Tournee durch die USA wurde zu einem niemals zuvor erlebten Triumph. Einmal wurde sogar eine Sitzung des US-Senats abgesagt, damit die Abgeordneten eine Vorstellung Fanny Elßlers sehen konnten. Ihre Tanzschuhe hatten aber keine verstärkte Spitze, sondern waren federleichte Slipper mit dünnen, biegsamen Ledersohlen. Das Oberteil  aus feinem Stoff war oft bestickt und immer farblich auf ihr Kostüm abgestimmt. Einen dieser Schuhe können Sie in der Ausstellung Ihr Auftritt! im Museum im Palais sehen.

Damenschuh, Tänzerin Fanny Elßler (1810–1884), Solotanz „Cracovienne“, 1842, Seide, Leder,
Leihgeber: Österreichisches Theatermuseum, Wien
Foto: UMJ / N. Lackner

Besonderen Erfolg feierte Fanny Elßler mit  der Cachucha. Das war ein spanischer Tanz, bei dem sie sich selbst mit Kastagnetten begleitete. Aber Fanny gehörte der untergehenden Zeit des Biedermeier an. Den brillanten Spitzentanz konnte sie sich nicht mehr aneignen, diese Technik muss eine Tänzerin schon in ihrer Ausbildung lernen, später ist das unmöglich. 1851, erst 40 Jahre alt, trat Fanny Elßler von der Bühne ab. Vor einigen Jahren wurde ihr Schicksal auch in einem Ballett dargestellt: Susanne Kirnbauer, ehemalige Erste Solistin des Wiener Staatsopernballetts, schuf Libretto und Choreografie zu Fanny Elßler, Frau und Mythos.

Jahrhundertwende: Tanzen ohne Schuhe

Um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert verzichteten Tänzerinnen manchmal ganz auf Schuhe. Bloße Füße galten als fortschrittliche Waffe im Kampf gegen das Spießbürgertum. Die bekannteste dieser Tänzerinnen war Isadora Duncan. Über ihr turbulentes Leben wurden mehrere Bücher geschrieben. Sie verzichtete auf Bühnenbild, Kostüme und festgelegte Choreografie und tanzte in feine Schleier gehüllt mit bloßen Füßen. Ein solcher Schleier brachte ihr auch den Tod: Sie fuhr in einem offenen Sportauto die Straße an der Riviera entlang, als sich ihr langer, wehender Schal in einem Rad des Autos verfing und sie strangulierte.

Die Mode der bloßen Füße im Tanz setzte sich aber nicht durch. Ohne Schuhe betritt heute keine Tänzerin die Bühne, es sei denn in sehr progressiven Choreografien. Im täglichen Training trägt die Tänzerin sogenannte Schläppchen. Das sind ganz leicht Stoffschuhe, in Österreich kann man sie auch „Patschen“ nennen. Die Sohle ist aus Leder und etwas schmaler geschnitten als bei gewöhnlichen Schuhen, weshalb man sie „Biskotten-Sohlen“ nennt. Sie ermöglichen dem Fuß größere Beweglichkeit. Ein neues Paar Schläppchen wird mit einem Hammer bearbeitet, damit es von Anfang  an so weich wie möglich ist. Schuhe und Stiefel für Kostüme wie bei ungarischen oder russischen Volkstänzen – auch für Männer – haben ebenfalls diese verschmälerten Sohlen.

Hohe Absätze für das Tanzturnier

Vielleicht haben Sie schon in Fernsehen das eine oder andere Tanz-Turnier gesehen. In den lateinamerikanischen Tänzen wie Samba oder Cha Cha Cha tragen die Tänzerinnen Sandaletten mit extrem hohen und dünnen Absätzen. Sie machen auch Sprünge, nach denen sie auf diesen dünnen Absätzen landen. Die Gelenke von der Wirbelsäule bis zu den Knöcheln und Zehen sind dabei immer der Gefahr einer Verletzung ausgesetzt, aber dieses Risiko wird in Kauf genommen.

„Laute“ Schuhe für den Stepptanz

Man könnte grundsätzlich jeden Tanz auch ohne Schuhe ausführen, auch wenn das sehr unbequem wäre. Es gibt aber einen Tanz, der eigens für bestimmte Schuhe geschaffen ist. Vielleicht haben Sie Filme mit Marika Röck gesehen oder amerikanische Filme mit der unvergleichlichen Eleanor Powell. In ihren Tanznummern tragen sie Schuhe, an deren Sohlen Metallplättchen so locker angeschlagen sind, dass sie bei jedem Schritt ein metallisches Geräusch erzeugen. Stepptanz-Schuhe haben sozusagen ein Schlagzeug an den Füßen – der Tänzer ist gleichzeitig auch Musiker.

Eleanor Powell, Filmstill “Ship Ahoi”, Youtube

Ausstellungstipp:
Ihr Auftritt. Schuhe mit Geschichten, Museum im Palais

Dr.Phil. Christa HÖLLER studierte Psychologie und Anglistik, und arbeitete als Psychologin. Sie arbeitet als Kulturjournalistin für Zeitschriften im In-und Ausland.

Kategorie: Museum für Geschichte
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