Paläontologische Grabungen des Universalmuseums Joanneum in einer Tongrube bei Gratkorn. Foto: Gross Martin

13. Juli 2017 / Martin Gross

Die Fossillagerstätte Gratkorn – Ein 12 Millionen Jahre altes steirisches „Naturdenkmal“

Forschung

Paläontologische Grabungen des Universalmuseums Joanneum in einer Tongrube bei Gratkorn förderten eine der bedeutendsten Wirbeltierfaunen Zentraleuropas aus dem Zeitbereich vor rund 12 Millionen Jahren zutage. Obwohl erst ein Bruchteil des Fundhorizontes erkundet werden konnte, ist diese Fossillagerstätte bereits jetzt eine wissenschaftlich etablierte Schlüssellokalität in der Erforschung Miozäner Ökosysteme und Lebewelten.

Die bis dato geborgenen rund 1500 Fundstücke dokumentieren eine breite Palette von Wirbeltieren (Fische, Amphibien, Reptilien, Vögel, Säugetiere); darunter finden sich auch einige neue Arten. Daneben liegt eine reiche fossile Flora und Wirbellosen-Fauna vor (Mollusken, Krebstiere).

Die herausragende wissenschaftliche Bedeutung der Lagerstätte Gratkorn liegt vor allem in ihrem Alter (es gibt kaum Fundstellen in Zentraleuropa aus dem Bereich vor 12 Mio. Jahren) und in der Vielfalt der gefundenen Wirbeltiergruppen – vom Krokodilmolch bis zum Hauerelefanten.

Fossilien: a) benagte Knochen, b) Eulengewölle, c) Hamsterschädel, d) Flughörnchen, e) Haarigel, f) Hirschgeweih. Foto: Gross Martin, Böhme Madelaine & Prieto Jerome

Eine einmalige Gelegenheit

Im Jahr 2005 wurde eine der reichsten zentraleuropäischen Wirbeltierfaunen aus der Zeit vor rund 12 Millionen Jahren im Zuge geologischer Kartierungen entdeckt – die Fossillagerstätte Gratkorn. Bisher wurden über 60 Wirbeltierarten nachgewiesen, die aus einem fossilen Boden (Paläoboden) stammen. Die Fossillagerstätte Gratkorn ist von internationaler wissenschaftlicher Bedeutung und kann aus folgenden Gründen als steirisches „Naturdenkmal“ betrachtet werden:

1) Die Fundstelle ist vergleichsweise genau auf rund 12.2–12.0 Mio. Jahre datiert (oberes Mittel-Miozän). Gerade aus diesem Zeitbereich existieren nur sehr wenige Wirbeltierfundstellen in Zentraleuropa, da nachfolgende tiefgreifende Erosion (Mittel-/Ober-Miozän-Grenze) derartige Ablagerung nahezu völlig ausräumte. Dies führt zu einem „paläobiologischen Blackout“ von rund einer Million Jahren, aus dem terrestrische Ökosysteme kaum bekannt sind.

2) Gratkorn liefert ein breites Spektrum von allen wichtigen Wirbeltiergruppen. Die Einbettung der Skelettreste in das Sediment erfolgte sehr rasch und vor Ort. Dadurch bietet diese Fundstelle einen einzigartigen „Schnappschuss“ des Ökosystems vor rund 12 Mio. Jahren. Mehrere neue, weltweit nur aus Gratkorn bekannte Arten wurden bisher wissenschaftlich beschrieben (2 neue Schneckenarten, 1 neue Muschelkrebsart, 2 neue Kleinsäugerspezies). Weitere sind zu erwarten.

3) Die Überreste umfassen zahlreiche, oft komplette Skelette von kleinen Wirbeltieren (Amphibien, Reptilien und insbesondere Kleinsäuger). Derartige Fossilien werden in der Regel durch Aussieben der besonders widerstandsfähigen Zähne gewonnen. Die tatsächliche Morphologie des gesamten Tieres bleibt oftmals unbekannt. Mit den Skelettfunden von Gratkorn ergeben sich völlig neue Möglichkeiten, deren Biologie zu rekonstruieren (z. B. Bewegung, Nahrung, welche Tiergruppe überhaupt).

4) Vor allem die Kleinsäugerfunde ermöglichen detaillierte überregionale Vergleiche (u. a. Iberische Halbinsel, Kleinasien), die wesentlich zur Präzisierung der bestehenden, vorwiegend auf Großsäugern basierenden Zeitgliederung beitragen.

5) Unterschiedliche Erhaltungszustände der Knochen und deren Fundlage erlauben eine detaillierte Rekonstruktion der Einbettungsgeschichte am Fundort.

6) Die Erforschung der Wirbeltierfauna der Tongrube St. Stefan erfolgt multidisziplinär. Dadurch ist eine gesamtheitliche Rekonstruktion des ehemaligen Lebensraumes möglich (regionale Geologie, Sedimentologie, Paläobotanik, Mikropaläontologie, Wirbellose).

Fossilien: a) zertrampleter Schweinekiefer, b) Schweinehauer, c) Hirschferkelkiefer, d) zerbissene Knochen, e) fossiler Kot. Foto: Gross Martin, Böhme Madelaine & Prieto Jerome

Was wissen wir

Aus dem bisherigen geologisch-paläontologischen Befund ergibt sich ein reich strukturiertes Biotop innerhalb einer Überschwemmungsebene eines Flusses in einem bedeutend trockeneren und wärmeren, savannenartigen Gebiet (mittlere Jahrestemperatur ~15 °C; mittlerer Jahresniederschlag ~500 mm; vgl. Graz heute: ~10 °C/820 mm). Nur durch die sehr rasche Überdeckung mit Seesedimenten (?<1 Jahr) wurden die Fossilien für Millionen Jahre „konserviert“.

Die exakte Dokumentation der Fundlage ermöglich interessante Rückschlüsse auf die Einbettungsgeschichte der Fossilien: Zersplitterte Knochenreste und Funde von fossilem Kot weisen etwa auf Raubtiere und Aasfresser hin; angenagte Knochenstücke belegen die Aktivität von Nagetieren post mortem; Anhäufungen von Kleinwirbeltierknochen werden als fossile Eulen-Gewölle interpretiert.

Die Wirbeltierfundstelle Gratkorn verdankt ihre Entstehung keinem katastrophalem Ereignis – wie häufig bei Fossillagerstätten der Fall –, sondern der ungewöhnlichen Überlieferung eines fossilen Bodens. Sie bietet damit einen relativ kompletten Einblick in die steirische Lebewelt „an Land“ vor mehr als 12 Mio. Jahren.

Was bleibt zu tun

Die geschätzte Gesamtausdehnung des Fundhorizontes beläuft sich auf mehr als 15.000 m2. Davon wurden seit 2006  rund 4.000 m2 rekultiviert. Lediglich  rund 400 m2 (!) konnten bisher vom Team des Universalmuseums Joanneum und der Universität Tübingen wissenschaftlich begraben werden …

Bisher gefundene Wirbeltiere. Foto: Gross Martin

Weiterführende Literatur:

Gross M., Böhme M. & Prieto J. (2011): Gratkorn: A benchmark locality for the continental Sarmatian s.str. of the Central Paratethys. – International Journal of Earth Sciences, 100(8): 1895–1913.

Gross M., Böhme M., Havlik P. & Aiglstorfer M. (2014): The late Middle Miocene (Sarmatian s.str.) fossil site Gratkorn – the first decade of research, geology, stratigraphy and vertebrate fauna. – Palaeobiodiversity and Palaeoenvironments, 94: 5–20.

Böhme M., Prieto J. & Gross M. (2014): Terrestrial vertebrates from the Sarmatian (late Serravallian) of the Central Paratethys – The fossil site of Gratkorn (Styrian Basin, Austria). – Palaeobiodiversity and Palaeoenvironments, 94: 1–4.

Kategorie: Forschung
Schlagworte: Fossilien | Geologie | Naturkundemuseum | Paläontologie


Folgende Beiträge sind für dich interessant:

  • Von der Tongrube ins Museum Ein 11,5 Millionen Jahre alter Baum für das Naturkundemuseum Ingomar Fritz, Sammlungskurator der Abteilung Geowissenschaften, führte gestern Nachmittag die 15 am Projekt beteiligten Personendurch die Ausstellung im Joanneumsviertel, die sich sichtlich über ein Wiedersehen mit "ihrer […]
  • Wie funktioniert das eigentlich mit der Tier- und Pflanzenpräparation? Martin Unruh postierte sich im Leseraum unserer Dauerausstellung. Umringt von einer Vielzahl an interessanten, in Plastiksäcken verpackten Skeletten wie jenen eines Fischotters, Bibers oder diverser Vögel, erzählte der Präparator von theoretischen Grundlagen der Knochenpräparation und […]
  • Wie und warum bewegt sich die Landschaft? Von Talbildungen und gletscherbedingten Landschaftsformen bis hin zu Schwemmfächern: Es sind anschauliche Beispiele, mit denen die Sonderausstellung Landschaft ist Bewegung. Geologie und Klima modellieren den Bezirk Liezen ihre Besucher/innen vom 19. März bis 31. Oktober zum Staunen […]
  • Valentinsgrüße aus dem Museum Wer war Valentin? Welcher Valentin genau am 14. Februar verehrt wird, lässt sich heute nicht sicher sagen. Der Tag der Liebenden wird häufig auf die Legende des Bischofs Valentin von Rom zurückgeführt, der im 3. Jahrhundert Brautpaare heimlich nach christlichem Ritus traute, was damals […]
  • Landschaft im Wandel „Meistens schauen die Wanderer ja nur auf die Tier- und Pflanzenwelt, doch wir wollen zeigen, dass auch Geologie spannend sein kann“, meint der Grazer Geologe Kurt Stüwe, der zusammen mit dem Schweizer Fotografen und Piloten Ruedi Homberger fantastische Luftaufnahmen der Alpen gemacht […]
  • Raubtierfütterung im Kleinformat Ungefähr jeden zweiten Tag sollten die Tiere gefüttert werden. Während Fische mit gewöhnlichem Fischfutter verköstigt werden, erhalten Hummer und Krebse gefrorenes Muschelfleisch oder Sardinen. „Wann und wie viel ich ihnen gebe, ist mehr eine Gefühlssache“, erzählt Tierpfleger Johannes […]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Benutzen Sie diese HTML Tags und Attribute:

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>