6. März 2014 / Peter Pakesch

Decoding Fear – Zu Besuch bei James Benning in Pine Flat

Kunsthaus Graz

Im Rahmen der Vorbereitungen zu James Bennings erster Personale in einem europäischen Museum reiste Joanneums-Intendant Peter Pakesch nach Kalifornien, um dem amerikanischen Filmemacher einen Besuch in seiner Heimat abzustatten.

Zunehmend stieß man in den letzten Jahren bei Filmfestivals auf Werke von James Benning, diesen eigenartigen und schwer einzuordnenden Filmemacher, dessen landschaftliche Filme immer wieder einen ganz eigenartigen, nahezu hypnotischen Sog entwickeln konnten. Die Person dahinter war von Mythen umrankt. Die Erkenntnis, dass er eigentlich als bildender Künstler angefangen hatte, und eine erste Installation von Two Cabins verdichteten das Interesse an ihm.

 

Ausstellungsansichten, James Benning: Two Cabins, neugerriemschneider, Berlin, 2012 2-channel HD-Video Installation (color/sound), Schreibmaschine auf Sperrholz-Podest, hölzerner Schreibtisch und Bleistift auf Sockel aus Holz und Gips, Foto: Jens Ziehe, Berlin. Courtesy neugerriemschneider, Berlin.

Ausstellungsansichten, James Benning: “Two Cabins”, neugerriemschneider, Berlin, 2012
Foto: Jens Ziehe, Berlin. Courtesy neugerriemschneider, Berlin.

Sein Umgang mit den Medien, mit Film, Video, Computer, Malerei und Kunsthandwerk schien sich in einer ganz eigenen Art und Weise zu verbinden. Da war um einiges mehr zu entdecken, als es die Beiträge auf den Filmfestivals versprachen. So kam die Entscheidung zustande, ihn für eine Ausstellung im Kunsthaus Graz einzuladen. Später haben wir erfahren, dass er bereits einiges bei uns gesehen hatte, für Screening Real – Connor Lockhart Warhol war er sogar eigens angereist!

 

Mammutbaum

James Benning vor einem Mammutbaum,
Foto: © P. Pakesch

So reiste ich zu ihm nach Kalifornien. Die Reise führte mich in die Sierra Mountains, ca. 3 ½ Stunden nördlich von Los Angeles gelegen. Pine Flat heißt der kleine Ort, in dessen Nähe Bennings Haus und vor allem auch die beiden Hütten stehen, um die es uns in der Folge ging. Aus Erzählungen war mir Pine Flat bereits bekannt: Sharon Lockhart realisierte dort in der idyllischen ländlichen Einöde bereits ein sehr erfolgreiches und dadurch bekanntes Werke selben Namens. Sharon hatte auch immer wieder von ihrem Lehrer Benning gesprochen, und wie wichtig er für ihr Denken und Arbeiten war.

 

Sierra Mountains

James Benning in den Sierra Mountains,
Foto: © P. Pakesch

3 ½ Stunden Fahrt, aus Los Angeles heraus und weiter durch das Central Valley, Landwirtschaft, unendliche Zitrusplantagen, Erdölförderung, große Gefängnisanlagen, die Gegend hauptsächlich flach und weit, dann plötzlich die Hügel – und aus dem Nichts taucht nun die spektakuläre Landschaft der Sierra Mountains auf. Ein Treffen in einem sehr eigenwilligen Hotel in einem engen Tal. Benning kommt dort jeden Tag hin, um einzukaufen und das Internet zu verwenden. Obwohl er noch nicht so lange dort lebt, ist ihm gleich anzumerken, wie sehr er mit dem Ort verbunden ist. Er erzählt, wie ihm die Gegend bei Motorradfahrten auffiel, wie er sich mit seiner Freundin Sharon Lockhart darüber ausgetauscht hat, wie er den Grund und das Haus erwarb. Über die beiden Hütten, die er baute, als er das eigene Wohnhaus adaptiert hatte; über das Interesse an den Nachbauten nach Thoreau und Kaczynski. Über die Simulation dieser Umstände, das Interesse an deren Bibliotheken, die Einrichtung der Hütten, authentisch und imaginiert, über damit verbundene Fantasien, das Bedürfnis, möglichst viel biografisches und authentisches Material des „Unabombers“ in diese fiktive Situation einzupassen. All das wird uns auch in der Grazer Ausstellung begleiten. Ein Labor des Rückzugs, in dem Benning sich auch all den anderen Simulationen zuwendet, wenn er malt und wenn er Quilts näht. Die Idylle schwankt zwischen dem Naturschönen und dem Unheimlichen.

 

Tehachapi Loop 2

Tehachapi Loop,
Foto: © P. Pakesch

Die Natur gewinnt: Ausflüge in die Wälder mit den gigantischen Bäumen und in die Szenarien des romantischen Westens folgen. Wahrhaft spektakulär. Am Rückweg soll ich mir noch einen ganz besonderen Ort ansehen: Tehachapi Loop, einen Ort im Film RR, an dem die Zugstrecke eine große Schleife macht, um die Steigung für eine Anhöhe zu meistern. Wenn ich dort wäre, müsste ich sicher nicht lange warten, alle 10 bis 15 Minuten würde dann ein Zug vorbeikommen. Dieser kam dann auch und brauchte fast noch einmal so lange, um diese Passage zu überwinden. Dann zurück nach Los Angeles, zum Flughafen und nach Europa. Die Differenz ist kaum vorstellbar, in der kurzen Abfolge zwischen den Orten; sie materialisiert sich auf das Wunderbarste auch am Ort der Ausstellung – Schritt für Schritt, Objekt für Objekt, Projektion für Projektion, Text für Text. Ein großes amerikanisches Panorama, von New England (Thoreau) bis in den (Wilden) Westen.

Text: Peter Pakesch

James Benning. Decoding Fear
Kunsthaus Graz, Spcae01, Lendkai 1, 8020 Graz
Eröffnung: 06. März 2014, 19 Uhr
Laufzeit: 07.03.-01.06.2014

Kategorie: Kunsthaus Graz
Schlagworte: Film | James Benning | Reise nach Kalifornien


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