Ausstellungsansicht, "Das gute alte West-Berlin", 2016,
Foto: Universalmuseum Joanneum/J.J. Kucek

9. April 2016 / Marion Kirbis

Das gute alte West-Berlin. Günter Brus und das Berlin der 1970er-Jahre

Neue Galerie mit BRUSEUM

Das BRUSEUM in der Neuen Galerie Graz zeigt zur Zeit die Sonderausstellung Das gute alte West-Berlin. Sie erzählt vom künstlerischen Schaffen in Brus’ Exil West-Berlin und der Zusammenarbeit mit dem Künstler/innen-Netzwerk jener Zeit.

Neben den damals entstandenen Werke von Günter Brus werden auch viele Editionen und Gemeinschaftsarbeiten präsentiert. Ein Großteil der gezeigten Arbeiten stammt aus unterschiedlichen Privatsammlungen und ist erstmals zu sehen.

Kunst und Revolution

Am 07.06.1968 fand an der Universität Wien vor einem Publikum von rund 400 Menschen die künstlerisch-politische Aktion Kunst und Revolution der Wiener Aktionisten statt. Später wurde sie unter dem Namen „Uni-Aktion“ (oder auch, verunglimpfend: „Uni-Ferkelei“) bekannt. In den Beiträgen der Teilnehmer wurden zahlreiche gesellschaftliche Tabus gebrochen. Günter Brus erklärte bereits in früheren Aktionen seinen Körper zum künstlerischen Medium.

Bei Kunst und Revolution verletzte er sich selbst, beschmierte sich mit seinem Kot und sang onanierend die österreichische Bundeshymne. In der repressiven österreichischen Kulturszene mutierte das Geschehene zum Skandal, in der Boulevardpresse entbrannet eine regelrechte Hetze gegen Brus.

Darüber hinaus kam er tatsächlich vor Gericht und wurde wegen „Herabwürdigung österreichischer Symbole und Verletzung der Sittlichkeit und Schamhaftigkeit“ zu einer sechsmonatigen Haftstrafe verurteilt. Dieses Urteil bewegte Brus und seine Familie, ermutigt von einer Postkarte Gerhard Rühms, schließlich zur Flucht aus Österreich.

Auf nach West-Berlin

Die Flucht nach West-Berlin traf Günter Brus hart. Er und seine Familie waren auf die Auswanderung nicht vorbereitet und die extremen Reaktionen auf seine Aktionskunst riefen beträchtliche Selbstzweifel in ihm hervor. Berlin stellte sich für ihn aber schließlich als „willkommener Ort, wo man sowieso hätte hingehen müssen“, heraus. Die dortige internationale Kunstszene, die mehr Freiräume genoss als in Österreich, imponiert ihm. „Ich empfand Berlin auf Anhieb als eine Art Heimat, zumindest als einen Gipsverband nach einem schweren Hals- und Beinbruch […], diese Stadt ist die einzige, nach der ich Heimweh-gefühle im Herzen trage“, schreibt Günter Brus in Das gute alte West-Berlin.

Berliner-Jahre

„In Berlin scharte sich ein Netzwerk um Brus, welches das Fundament der Ausstellung bildet. Brus‘ Arbeiten sind hier zwischen denen des Netzwerkes eingebettet“, erklärt Kurator Roman Grabner die Hintergründe der aktuellen Schau in Graz. Brus gründete mit Otmar Bauer, Hermann Nitsch, Gerhard Rühm und Oswald Wiener die „Österreichische Exilregierung“ und gab deren Publikationsorgan Die Schastrommel heraus, die 1975 in Die Drossel umbenannt wurde. Aus der provokanten Geste als Reaktion auf die erfahrenen Repressionen durch Staat und Gesellschaft wurde eine Plattform für zeitgenössische Kunst und eine wesentliche Publikationsmöglichkeit für avantgardistische Künstler abseits des Kunstmarkts.

Ausstellungsansicht, "Das gute alte West-Berlin", 2016, Foto: Universalmuseum Joanneum/J.J. Kucek

Ausstellungsansicht, “Das gute alte West-Berlin”, 2016,
Foto: Universalmuseum Joanneum/J.J. Kucek

Im Laufe der Jahre haben nicht nur Brus, Nitsch und Konsorten die Möglichkeiten des Mediums genutzt, sondern es wurden auch lyrische Texte von Georg Baselitz publiziert, Arbeiten von Dieter Roth oder Antonius Höckelmann veröffentlicht, Maria Lassnig in Erinnerung gerufen und die bildnerischen Arbeiten von Dominik Steiger das erste Mal herausgegeben. In der Ausstellung wurden rare Sonderausgaben gezeigt, die sich durch aufwendige Aufmachung und Originalwerke auszeichnen. Unter anderem ist auch ein verschollen geglaubter Trickfilm zu sehen, der 1975 als Zusammenarbeit von Brus und Wiener entstand.

Steiger gab etwa ab 1976 die Zeitschrift Nervenkritik in Wien heraus, die Beiträge und Arbeiten von Günter Brus, Dieter Roth oder Oswald Wiener in Österreich publizierte und die enge Verknüpfung der deutschen und österreichischen Künstlerszene zeigt. „Die Ausstellung erzählt nicht nur von Berlin, sondern auch von Wien. Zwischen den beiden Städten bestand eine Verbindung, die hier spürbar wird“, fasste Grabner bei der Eröffnung zusammen.

TIPP

Die Grazer Ausstellung Das gute alte West-Berlin findet parallel zur großen Retrospektive Günter Brus. Störungszonen im Martin-Gropius-Bau in Berlin statt.

Kategorie: Neue Galerie mit BRUSEUM
Schlagworte: BRUSEUM


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