7. Bezirk LIEBENAU

Die Ursprünge des Stadtbezirkes Liebenau gehen auf dörfliche Siedlungen zurück, deren wichtigste Liebenau („auf der lieben Au“) – ursprünglich „Vatersdorf“ – war. Aber auch Engelsdorf, Neudorf und das Murfeld haben ihre eigenen Traditionen. Der südlichste Teil des Bezirkes gehörte lange zu
Thondorf.

Der Verlust der Nachbarschaft sowie die Anonymität der Menschen in den großen Städten hat dazu geführt, sich verstärkt mit Stadtteilkultur zu beschäftigen.
Wenn auch alte Bezirks- und Grätzeltraditionen verschwunden sind, wenn manche Viertel zu reinen Schlafstätten wurden, so bilden doch Bezirk, Stadtteil und Straße die oft letzten Bezugspunkte soziokultureller Identität. Mit Geschichte und Alltag dieser kleinen Räume beschäftigten sich Karl A. Kubinzky und Gerhard M. Dienes in zahlreichen Ausstellungen und Publikationen.

„Ein Ort, den man suchen muß, der von Waldungen umgeben liegt, in denen wirkliche, natürliche Bäume stehen, und mit denen man reden kann, wie mit Bäumen von Alter und Erfahrung.“
Karl von Holtei

1852 erwarb das Ärar das Schloss Liebenau. Durch die in der Folge hier einziehende Kadettenschule erlangte der Ort überregionale Bedeutung. Die Kadetten und ihre Lehrer kamen aus den verschiedenen Teilen der Habsburgermonarchie. Die Schule trat als Wirtschaftstreibende und Konsumentin auf, beharrte aber auch auf ihrer Selbstständigkeit und Abgeschlossenheit und blieb so ein Fremdkörper in der Gegend. Dass die jungen Kadetten nicht immer zur Freude der zivilen Nachbarn beigetragen haben, kann unterstellt werden. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Schule zur Bundeserziehungsanstalt (BEA) und 1935 zur Militärmittelschule, unter den Nationalsozialisten war es das „Haus Liebenau des Großen Militärwaisenhauses“. 1947 wurde als Teil der nun zivilen Schulverwaltung hier die Bundeserziehungsanstalt als Realgymnasium eröffnet, die spätere „Höhere Internatsschule des Bundes, Graz-Liebenau“.

1914/1915 versuchten viele junge Triestiner der Einziehung zur k. u. k. Armee zu entgehen. Das „Caffè San Marco“ in Triest war nicht nur ein Treffpunkt der irredentistischen Jugend, hier gab es auch eine Passfälscherwerkstätte für antiösterreichische Patrioten, die sich nach Italien absetzen wollten. Der Besitzer des Cafés, Marco Lovrinovich, wurde in der „österreichischen Strafbaracke in Liebenau bei Graz“ inhaftiert, weil er sich in beide Augen den Trachom-Erreger injiziert hatte, um nicht als Soldat gegen Italien kämpfen zu müssen, wie Claudio Magris ausführt.

Das Lager Liebenau wurde 1940 angelegt. 1943 waren hier ca. 5.000 Zwangsarbeiter/innen für das Puchwerk interniert. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs war es Zwischenstation für ungarische Jüdinnen und Juden auf ihrem Todesmarsch zum KZ Mauthausen. Dutzende von ihnen starben hier, über hundert wurden hier ermordet. „Man will uns weismachen, alles sei abgetan, wir können die Vergangenheit ad acta legen. Dabei taucht der historische Ungeist allerorten wieder auf.“
Martin Polack, Profil, 1.9.2019

Puchwerk


1942 entstand das Werk Thondorf des Grazer Betriebes der Steyr-Daimler-Puch AG. Die Produktion war auf die Rüstung ausgerichtet. Zur  kriegswichtigen Arbeit wurden auch Zwangsarbeiter/innen verpflichtet und besonders Fremdarbeiter/innen herangezogen. Die Nachkriegszeit spiegelt sich in den Firmendaten: 1952–1967 Motorroller Ab 1954 Mopeds Ab 1957 Herstellung des Kleinwagens „Puch 650T“ auf der Basis des Fiat 500 Ab 1958 Produktion des Geländewagens Puch-Haflinger, ab 1971 des Puch-Pinzgauer 1974 Ende der Motorradproduktion 1979 Beginn der Produktion des Puch-G (Mercedes-G) 1987 wird das letzte Puch-Rad produziert 1998 die Steyr-Daimler-Puch AG geht in die Magna Steyr Graz über.

Seit dem Bau des Werkes Thondorf der Steyr-Daimler-Puch AG entstand eine großflächige Siedlung an Einfamilienhäusern von relativ homogener Einheit und in seiner randstädtischen Gestaltung mit Bewohnerinnen und Bewohnern von sozialer Ähnlichkeit.

„Eichbachgasse 900“, die „Zigeunersiedlung“

 

Die Wohnwagen- und Barackensiedlung, bewohnt von Roma, lag jenseits des Autobahnzubringers Graz-Süd. Ein Quartier ohne Hinweisschild, ohne Kanal- und Wasseranschluss. Leben am Rande der Stadt für Menschen am Rande der Gesellschaft.
 

Museum für Geschichte

Sackstraße 16
8010 Graz, Österreich
T +43-316/8017-9800
geschichte@museum-joanneum.at

 

Öffnungszeiten
Mi-So, Feiertag 10 - 17 Uhr

 

13. April
1. Juni
26. Oktober
8. Dezember

24. bis 25. Dezember