Die Grenze im Süden

Helmut Konrad und Petra Greeff

Grenzen sind vielschichtig. Sie entstehen im Kopf, äußern sich in Sprachen, Sitten und Gewohnheiten oder religiösen Zugehörigkeiten. Grenzen manifestieren sich in der Landschaft und auf Landkarten. Sie werden gesichert und bewacht, infrage gestellt und überwunden. Gerade die südliche Grenze der Steiermark ist ein gutes Beispiel für das Entstehen und Argumentieren von Grenzlinien: Diese Grenze wurde durch das alte Kronland geschoben, wieder verändert und schließlich in ihrem heutigen Verlauf fixiert.

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1900–1918. Die Zeit vor der Grenzziehung

Die Steiermark war bis zum Zerfall der Habsburgermonarchie 1918 das viergrößte Kronland Cisleithaniens, also des westlichen Teils der beiden Reichshälften von Österreich-Ungarn. Mit dem Frieden von St. Germain (1919) wurde dem neu gegründeten Königreich Jugoslawien ein Gebiet zugeschlagen, das rund ein Drittel der Fläche der Steiermark umfasste. In diesem Kapitel von "Kulturgeschichte online" erzählen wir die Geschichte der Menschen und der Region rund um diese neu entstandene Grenze.

Die Grenze im Kopf

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verdichtet sich die nationale Frage innerhalb der Habsburgermonarchie zur Sprachenfrage: Das zweisprachige Kronland Steiermark wird zum Schauplatz des Ringens um die „Sprachgrenze“.

Diese Grenze ist nicht schlüssig zu ziehen: die Städte Marburg/Maribor oder Cilli/Celje sind etwa „Sprachinseln“ mit mehrheitlich deutsch sprechender Bevölkerung, während die meisten Menschen im ländlichen Umfeld Slowenisch sprechen.

Die deutschsprachige Seite versteht die Region als „Grenzfeste“: Im Kampf um die Schulen, mit topografischen Ausschilderungen, im Theater und in Vereinen wird öffentlichkeitswirksam der „deutsche“ Charakter der Untersteiermark verteidigt. Unhinterfragt geht man davon aus, dass die „deutsche Kultur“ überlegen ist.

Die slowenischsprachige Seite ringt um ihr Selbstverständnis, das sich schwieriger gestaltet, denn diese Sprachgruppe ist auf mehrere Kronländer verteilt. Die Grenzen im Kopf werden also schon vor dem Ersten Weltkrieg gezogen.

Die Menschen der Region

Wenn neue Grenzen durch alte Kulturlandschaften gezogen werden, bleibt im Alltag vieles unverändert: Landwirtschaft und Gewerbe ebenso wie Feste, Rituale, Speisen und Getränke.

Regionale Lebens- und Arbeitsweisen widerspiegeln sich auch in den Gesichtern der Menschen – auf beiden Seiten der Grenze. Porträtfotos lassen keine staatliche Zuordnung zu. Unterschiede waren damals vor allem sprachlich festzumachen, doch Sprache ist auf den Fotos nicht hörbar.

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Deutsche Schule in Ljutomer/Luttenberg,

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Die reale Grenzziehung

Dem Ersten Weltkrieg folgt die Implosion des Habsburgerreichs. Auf dem Gebiet der Monarchie entstehen neue Staaten, teilweise im Zusammenschluss mit benachbarten Ländern, mit Bezug zu historischen Grenzen oder mit dem Verweis auf (sprach-)nationale Zugehörigkeiten.

Die Grenze zwischen dem neuen SHS-Staat (dem späteren Jugoslawien) und der Republik (Deutsch-)Österreich musste jedenfalls durch die alte Steiermark verlaufen, die konkrete Grenzlinie aber erst begründet werden: Das geschah teilweise mit Gewalt wie am „Marburger Bluttag“ am 27. Jänner 1919, aber auch mit Argumenten wie den vermeintlichen Sprachgrenzen oder der naturräumlichen Trennlinie, der Mur.

Der Friedensvertrag von Saint Germain gibt die Grenzlinie grob vor. Die Festlegung des genauen Grenzverlaufs und die Regelungen des „kleinen Grenzverkehrs“ nehmen aber noch einige Zeit in Anspruch.

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1919–1945: Leben an der Grenze

Die Grenzziehung durch den Friedensvertrag von Saint Germain war für die Bewohner/innen der Region großteils schmerzhaft, doch in den Folgejahren stellte sich eine gewisse Normalität ein. Repressalien gegen die deutschsprachige Minderheit im neuen Jugoslawien bewogen viele Menschen zum Verlassen des Landes, andere passten sich sprachlich den neuen Machtverhältnissen an. Ursprünglich gab es etwa 73.000 deutschsprachige Menschen in der Untersteiermark, im Jahr 1921 waren es nur noch 22.500, 1931 bezeichneten sich hier 12.400 Personen als deutschsprachig. Auch die slowenischsprachige Minderheit nördlich der Grenze wurde benachteiligt. Der jeweils vertraglich ausgehandelte Minderheitenschutz wurde vielfach unterlaufen, vor allem im Schulwesen.

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Eine gewisse Normalität

Das Alltagsleben entlang der Grenze pendelte sich langsam ein: Die Mur wurde für Freizeitaktivitäten und Wassersport genutzt, Passierscheine erlaubten den kleinen Grenzverkehr, der vor allem für die Landwirtschaft und die Weinernte wichtig war. Beim Grenzübertritt musste man beachten, dass der Straßenverkehr in Jugoslawien auf der rechten Fahrspur geführt wurde, während in Österreich Linksverkehr galt. Grenzübertritte waren recht einfach, und so konnten im Juli 1934 auch die geschlagenen nationalsozialistischen Putschisten in Jugoslawien Schutz suchen.

Gut 20 Jahre lang war die Südgrenze der Steiermark für viele eine schmerzende Wunde – vor allem für jene, die die Untersteiermark meist unfreiwillig verlassen mussten. Aber die Bevölkerung der Grenzregion akzeptierte die neue politische Realität und lernte, mit ihr zu leben.

Straße im Steirischen Grenzland, undatiert, Fotograf unbekannt, Multimediale Sammlungen/UMJ

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Mit dem Faltboot auf der Mur unterwegs zwischen Weitensfeld und Spielfeld, 24.07.1934, Fotograf unbekannt, Sammlung Walter Feldbacher, Weinburg

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Mauthnereck bei St. Oswald ob Eibiswald, Fotograf: Nikolaus Strametz, Foto: Sammlung Thürschweller, Aibl

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Grenzkarten von Karl Schlögl und seiner Ehefrau Antonia. Privatbesitz Walter Feldbacher, Weinburg

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Grenzkarten von Karl Schlögl und seiner Ehefrau Antonia. Privatbesitz Walter Feldbacher, Weinburg

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Familie Unger bei einem kleinen Zollamt, undatiert, Fotograf unbekannt, Multimediale Sammlungen /UMJ, Schenkung Kriegl

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„Grenzlandtreffen“ in Bad Radkersburg am 07.08.1938, Fotograf: Alfred Steffen, Multimediale Sammlungen/UMJ

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Die Verschiebung der Grenze nach Süden

1938 wurde Österreich in das nationalsozialistische Deutschland eingegliedert, das damals gute Beziehungen zu Jugoslawien hatte. Doch am 27. März 1941 putschten in Belgrad Offiziere erfolgreich gegen die deutschfreundliche Regierung und am südlichen Balkan brauchte Italien die militärische Unterstützung Hitlers. So begann am 6. April 1941 von Graz aus ohne Kriegserklärung der militärische Überall des Deutschen Reichs auf Jugoslawien.

Die deutschsprachige Bevölkerung der Grenzregion begleitete jubelnd die Truppen der deutschen Wehrmacht. 11 Tage später unterschrieb Jugoslawien die bedingungslose Kapitulation. Die Grenze des Deutschen Reiches wurde bis Kroatien vorgeschoben, der Grenzverlauf vor 1918 war damit weitgehend wiederhergestellt. Langfristig sollte die Untersteiermark wieder in die Steiermark eingegliedert werden. Zunächst war sie jedoch ein sogenanntes CdZ (= Chef der Zivilverwaltung)-Gebiet und unterstand dem steirischen Gauleiter Siegfried Uiberreither.

Damit begann eine radikale und grausame Germanisierung: Slowenische Aufschriften mussten verschwinden, Amts- und Unterrichtssprache wurde ausschließlich Deutsch, aus der Steiermark rückten Lehrer/innen ein, Namen wurden eingedeutscht. 36.000 Sloweninnen und Slowenen, bei denen man einen Anteil „deutschen Blutes“ vermutete, verschleppte man ins „Altreich“. Rund 80.000 Menschen wurden nach Süden deportiert, darunter praktisch alle slowenischsprachigen Intellektuellen. Selbst Kinder wurden von ihren Eltern getrennt. Der „Steirische Heimatbund“ erfasste deutschsprachige Personen und slowenischsprachige, die zur Kollaboration bereit waren.

Der aufkommende Widerstand wurde niedergeschlagen: „Banditen“ wurden verfolgt und in Massenexekutionen getötet. „Wehrmannschaften“ aus Mitgliedern des Heimatbundes wurden zur Bekämpfung von „Banden“ eingesetzt.

Die „General-Gercke-Brücke“ in der Nähe von Maribor/Marburg,

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Die am 07.04.1941 von den jugoslawischen Truppen vor dem deutschen Einmarsch zerstörte Marburger Reichsbrücke, Fotograf: Alfred Steffen,

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April 1941: Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Maribor/Marburg

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Maribor/Marburg, gesprengte Draubrücke, April 1941, Fotograf: Alfred Steffen, Multimediale Sammlungen/UMJ

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Hölzerne Behelfsbrücke über die Drau in Maribor/Marburg, 1941, Fotograf: Alfred Steffen, Multimediale Sammlungen/UMJ

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Hölzerne Behelfsbrücke über die Drau in Maribor/Marburg, 1941, Fotograf: Alfred Steffen, Multimediale Sammlungen/UMJ

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Panzersperren als Hindernis gegen die deutsche Wehrmacht bei Šentilj/St. Egidi, Fotograf: Alfred Steffen, Multimediale Sammlungen/UMJ

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St. Veit am Vogau, Durchzug der 125. Infanterie-Division (auch „Wiesel-Division“ genannt), 1941, Foto: Gemeindearchiv Marktgemeinde St. Veit in der Südsteiermark

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St. Veit am Vogau, Durchzug der 125. Infanterie-Division (auch „Wiesel-Division“ genannt), 1941, Foto: Gemeindearchiv Marktgemeinde St. Veit in der Südsteiermark

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St. Veit am Vogau, Durchzug der 125. Infanterie-Division (auch „Wiesel-Division“ genannt), 1941, Foto: Gemeindearchiv Marktgemeinde St. Veit in der Südsteiermark

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Vormarsch der deutschen Wehrmacht durch Leutschach, 1941, Foto: Julius Pinnitsch, Leutschach

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Soldat der deutschen Wehrmacht auf der Hauptstraße in Križevci pri Ljutomeru/Kreuzdorf, 1942, Sammlung Walter Feldbacher, Weinburg

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Pfarrer Josef Kurzmann in geselliger Runde im kühlen Schatten der Kirche von Sv. Barbara v Halozah in Cirkulane/St. Barbara bei Pettau.

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Der Gegenschlag

Die Wiederherstellung Österreichs in den Grenzen von 1919 war ab 1943 das Kriegsziel der Alliierten. Im Gebiet des ehemaligen Jugoslawien bildete sich aus den Partisanenverbänden die Volksbefreiungsarmee (NOV). Sie war schon bald die führende Kraft im Kampf gegen die deutschen Besatzer, aber auch gegen die kroatische Ustascha und die slowenische Heimwehr (Domobranzen). Die kommunistisch dominierte NOV stand unter der Führung von Josip Broz Tito. Im Kampf mit den deutschen Truppen überschritt die NOV auch die alte Grenzlinie, die in der Moskauer Deklaration 1943 wieder als neue Grenze zugesichert wurde. Nach Kriegsende kontrollierte die NOV monatelang Gebiete in der Südsteiermark bis zur Sulm. Die Alliierten duldeten jedoch keine Änderungen der Grenze und ab Juli 1945 war die Steiermark in den Grenzen von 1919 Teil der britischen Besatzungszone in Österreich. Vor allem nach dem Bruch Titos mit Stalin war der Gedanke an Grenzänderungen im Süden Österreichs hinfällig geworden.

Im neuen Jugoslawien südlich der Mur wurde die deutschsprachige Bevölkerung brutal verfolgt. Wer nicht nach Norden fliehen konnte, musste mit der Internierung in Konzentrationslagern rechnen. Im Lager Sterntal/Strnišče wurden ca. 10.000 Menschen festgehalten, etwa 5000 Personen kamen dort ums Leben. Auf slowenischem Boden gab es sechs weitere Lager für Deutschsprachige, dazu kamen Lager für die ungarische Minderheit und Angehörige der slowenischen Heimwehr. In politischen Umerziehungslagern sollte in den Folgejahren der kommunistische Machteinfluss gefestigt werden. Mit Einschränkungen war Jugoslawien nunmehr Teil des europäischen „Ostblocks“ und die Südgrenze der Steiermark Teil des „Eisernen Vorhangs“, der Europa von der Ostsee bis zur Adria auf Jahrzehnte spalten sollte.

 

Kriegsopfer

...

Verursacher / Täter

Faschismus

Nationalsozialismus

Titoismus

Todesopfer gesamt

> 6.000

> 40.000

< > 30.000

davon ermordete Kriegsgefangene und Zivilisten

> 3.000

> 25.000

> 25.000

Internierte, Gefangene, Vertriebene, Flüchtlinge

> 100.000

> 200.000

> 150.000

Insgesamt

109.000

265.000

205.000

Quelle: Jože Dežman, Totalitäre Epizentren in der Alpen-Adria Region im Licht der Ereignisse im Frühjahr 1945 in Kärnten, 22-25. In: Florian Thomas Rulitz, Die Tragödie von Bleiburg und Viktring, Klagenfurt/Celovec, Ljubljana/Laibach, Wien/Dunaj 2011.

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Barackenlager Kapfenberg, Küche der Familie Tursky, Sammlung Dr. Gabriela Stieber, Hitzendorf

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Ansichten des Flüchtlingslagers Wagna kurz vor dessen Auflösung, Fotos vom 24.09.1955, Fotograf: Egon Blaschka, Multimediale Sammlungen/UMJ

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Weingarten direkt an der Staatsgrenze 1945, Foto: Familie Gross, Ratsch

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1946–2018: Leben mit der Grenze

In den besonders schrecklichen letzten Tagen und Wochen des Zweiten Weltkrieges wurde die steirische Südgrenze Frontverlauf. Die Bedrohungen und Grausamkeiten des unmittelbaren Kriegsgeschehens hatten die südliche Steiermark erreicht. Am 15. April 1945 gelang es den sowjetischen Truppen, die Stadt Radkersburg einzunehmen, obwohl die 9. SS-Panzerdivision sowohl die Eisenbahnbrücke als auch die Murbrücke gesprengt hatte. Mit der Roten Armee zogen schließlich auch bulgarische Truppen und Tito-Partisanen in die Stadt ein. Die steirische Bezirkshauptmannschaft hatte sich nach Mureck zurückgezogen, die Sowjets errichteten ihre eigene Bezirkshauptmannschaft und die Partisanen erhoben Anspruch auf die Stadt. Erst nach über drei Monaten konnten vereinbarungsgemäß die britischen Besatzer die Kontrolle übernehmen und somit den alten Verlauf der Grenze wiederherstellen. Als Jugoslawien 1947 bei einer Außenministerkonferenz in London erneut Gebietsansprüche an seiner Nordgrenze gegenüber Österreich erhob und auch Radkersburg wieder für sich forderte, hatte sich die Weltpolitik aber bereits zu wandeln begonnen. Spätestens seit dem Bruch mit Stalin 1948 hatte Tito nicht mehr die Rückendeckung in Moskau und jene Linien, die in Jalta und Potsdam durch Europa gezogen worden waren, gingen als damals unverrückbarer und bald praktisch undurchdringbarer „Eiserner Vorhang“ quer durch Europa nieder.

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Das Kriegsende und die Folgen

Die 1947 eröffnete Behelfsbrücke über die Mur in Radkersburg blieb vorerst für den Verkehr gesperrt. Es dauerte einige Jahre, bis die Frage des kleinen Grenzverkehrs geregelt werden konnte. Ohne Zweifel war der Abschnitt des Eisernen Vorhangs, der die Südgrenze der Steiermark bildete, der durchlässigste Teil der Trennlinie zwischen den Welten. Jugoslawien hatte bald erkannt, wie sehr sich der Fremdenverkehr als Devisenbringer eignete, und 1969 eröffneten Bundespräsident Jonas und der jugoslawische Staatschef Tito gemeinsam die neue Brücke in Radkersburg. Das Raab-Olah-Abkommen von 1961, ein Meilenstein in der Entwicklung der österreichischen Sozialpartnerschaft, beinhaltete auch die Möglichkeit, den österreichischen Arbeitsmarkt für ausländische Arbeitskräfte zu öffnen. Die Wirtschaft im Land erlebte einen Boom und billige Arbeitskräfte fehlten vor allem in jenen Bereichen, in den Österreicher und Österreicherinnen nicht mehr tätig sein wollten. Der Zuzug sogenannter „Gastarbeiter“ wurde mit bilateralen Abkommen geregelt, 1964 mit der Türkei und 1966 mit Jugoslawien. Aus Jugoslawien kamen die Arbeitskräfte überwiegend aus den strukturschwachen Gebieten des Südens, aber auch die Nahwanderung in die Steiermark wurde zum Thema. Gastarbeiter wanderten also nach Norden, während sich Sommertouristen in Richtung Süden auf den Weg machten. Die Grenze war überwindbar geworden.

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Die Gastarbeiterroute

Ziel der Arbeitsmigration aus dem Südosten Europas war aber nicht nur Österreich, sondern vor allem die Bundesrepublik Deutschland. Auch dort wurde in den Sechzigerjahren der Zuzug aus dem Süden Italiens von „Gastarbeitern“ aus Jugoslawien und der Türkei abgelöst. Diese Arbeiter waren zu den Feiertagen meist auf dem Weg in ihre Heimat. Der günstigste und vor allem weitgehend alpenpassfreie Weg führte dabei von München über Salzburg, das Ennstal, den Schoberpass, Bruck an der Mur, Graz und Spielfeld. Für gut zwei Jahrzehnte wurde diese Route zur europäischen Todesstrecke. Wenig Autobahn, kaum Überholmöglichkeiten, übermüdete Fahrer in oftmals technisch mangelhaften Autos machten vor allem die Strecke zwischen Schladming und Bruck zu einem Hotspot. Der Ausländeranteil unter den Fahrern und Fahrzeugen betrug zu den Stoßzeiten bis zu 70 %. Allein auf der nur 12 Kilometer langen Umfahrung von Leoben gab es zwischen 1965 und 1975 nicht weniger als 62 Verkehrstote und 178 Schwerverletze. Im gesamten steirischen Abschnitt dieser Route gab es damals mehr als 5.000 Verkehrsunfälle pro Jahr. Nicht unbeträchtlich waren allerdings auch die Abfallmengen, die sich am Straßenrand anhäuften. Dass es keine ausreichenden Toilettenanlagen gab, trug zusätzlich zur Verschärfung der Lage bei. Das echte Nadelöhr auf dem Weg in den Süden war aber dann der Grenzübertritt nach Jugoslawien in Spielfeld. Kilometerlange Staus und stundenlange Wartezeiten ließen oftmals die Nerven aller Beteiligten blank liegen. „Stau“ wurde zur oft gehörten Spitzenmeldung in den Verkehrsnachrichten.

Erstmals trat das Phänomen Grenzstau zu Weihnachten 1969 auf. Es gab heftigen Schneefall und die Straße war vereist, sodass ohnehin nur langsames Fahren möglich war. Die langsame Zollabfertigung auf jugoslawischer Seite führte bei den Wartenden zur Unruhe, die sich auch in Gewalt entlud. Letztlich musste das Bundesheer mit 120 Mann vor Ort erscheinen, um die Ordnung wiederherzustellen. Obwohl die jugoslawischen Grenzer in Stoßzeiten etwa 20 Fahrzeuge pro Minute abfertigten, war dies deutlich zu wenig, um die heranfahrenden Massen zu bewältigen. Trauriger Höhepunkt waren die Weihnachtsfeiertage von 1974, als der Grenzstau eine Länge von 70 Kilometern erreichte und damit bis nach Graz zurückreichte.

Die „Gastarbeiterroute“, die ja auch den lokalen Verkehr behinderte und ein sicheres Queren nicht immer leichtmachte, trug nicht gerade dazu bei, die Fremdenfeindlichkeit im Lande zu reduzieren. Die türkische Arbeitsmigration lebte meist in isolierten Subkulturen. Aber auch die jugoslawischen Arbeitskräfte fanden nur sehr wenig Anerkennung. Unabhängig von ihrer regionalen Herkunft sprach man von diesen Menschen als „Jugos“, nannte die Gastarbeiter „Tschuschen“ und integrierte sie lange Zeit nur zögerlich bis gar nicht in die österreichische Gesellschaft. Und an der Grenze beförderten diese Vorurteile nicht gerade das gedeihliche Zusammenleben im sogenannten kleinen Grenzverkehr. Die Grenze war auch Vorurteilsgrenze, man sah sich im Norden auf der überlegenen Seite. Dennoch, die Tabakwaren waren südlich der Grenze billiger – manchmal schon ein Grund, die Trennlinie zu überschreiten.

Es gab aber auch positive Initiativen. 1978 wurde die Arbeitsgemeinschaft Alpe-Adria gegründet, an der neben anderen Ländern auch Slowenien und die Steiermark beteiligt waren. Und sogar schon 15 Jahre früher startete durch eine Initiative des damaligen Kulturlandesrats Hanns Koren das Experiment „trigon“, bei dem in Biennalen Künstlerinnen und Künstler aus Jugoslawien, Italien und Österreich ihre Positionen zu definieren versuchten. Protest blieb freilich nicht aus.

An der „grünen Grenze“ wurde etwa bei der Weinernte auch grenzüberschreitend zusammengearbeitet. Außerdem gab es gemeinsame kirchliche Feste, etwa in Sveti Duh/Heiliggeist. 1980 besuchte die österreichische Staatsspitze Titos Begräbnis. 1984 fanden die Olympischen Winterspiele in Sarajewo statt.

 

Grenzübergang Spielfeld: Fahrzeugkolonnen von „Gastarbeitern“ auf dem Weg nach Jugoslawien und in die Türkei, 1975. Fotograf: Alfred Steffen, Multimediale Sammlungen/UMJ

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Grenzübergang Spielfeld: Fahrzeugkolonnen von „Gastarbeitern“ auf dem Weg nach Jugoslawien und in die Türkei, 1975. Fotograf: Alfred Steffen, Multimediale Sammlungen/UMJ

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Farbpostkarte, Raststation bei Spielfeld, 1970er-Jahre. Fotograf unbekannt, Sammlung Walter Feldbacher, Weinburg

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Reisende am Bahnhof Spielfeld besteigen einen Zug nach Zagreb, undatiert. Fotograf unbekannt, Privatbesitz, Josef Knapp, Eckberg

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Reisende am Bahnhof Spielfeld besteigen einen Zug nach Zagreb, undatiert. Fotograf unbekannt, Privatbesitz, Josef Knapp, Eckberg

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Männer verlassen den Duty-Free-Shop in Spielfeld mit gut gefüllten Einkaufssackerln, undatiert. Fotograf unbekannt, Privatbesitz Josef Knapp, Eckberg

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Gastarbeiter machen Pause auf einem Rastplatz bei Spielfeld, 20. August 1988. Fotograf: Harry Stuhlhofer

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Gastarbeiter bei einer Abkühlung am Rastplatz Spielfeld, 20. August 1988. Fotograf: Harry Stuhlhofer

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Grenzübergang Spielfeld: Zollbeamte überprüfen das Auto eines Gastarbeiters, 20. August 1988. Fotograf: Harry Stuhlhofer

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Männer verlassen den Duty-Free-Shop in Spielfeld mit gut gefüllten Einkaufssackerln, undatiert. Fotograf unbekannt, Privatbesitz Josef Knapp, Eckberg

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Der Krieg 1991

Nach Titos Tod erhob Serbien unter Slobodan Milošević den Anspruch, die dominante Rolle in Jugoslawien einzunehmen. In den anderen Teilrepubliken des föderalistischen Staates wurden daraufhin bald kritische Stimmen laut, allerdings war bis 1990 der Bestand des Gesamtstaates Jugoslawien auch international nicht angezweifelt.

Doch 1991 zerfiel Jugoslawien Schlag auf Schlag: Slowenien und Kroatien erklärten am 25. Juni ihre Unabhängigkeit, die Führung in Belgrad entsandte zwei Tage später Truppen in die abtrünnigen Teilrepubliken – der Krieg begann. Anders als im übrigen Jugoslawien dauerten die Kämpfe in Slowenien nur 10 Tage an – zwangsläufig auch direkt an der österreichischen Grenze, die mehrfach verletzt wurde: Ein jugoslawisches Kampfflugzeug kam sogar bis nach Graz. Das Bundesheer zeigte sich bereit, die Grenze zu schützen, die Grenzübergänge in Bad Radkersburg und Spielfeld waren auf slowenischer Seite zentrale Kampfschauplätze. Schaulustige wollten das Geschehen hautnah verfolgen, Medien berichteten ausführlich über den Krieg an der Grenze.

Anfang Juli 1991 zogen die jugoslawischen Truppen ab, im Dezember erhielt Slowenien eine demokratische Verfassung, im Jänner 1992 wurde der neue Staat von Österreich anerkannt. So begann ein neues Kapitel der Zusammenarbeit mit der Republik Slowenien, dem neuen Nachbarn südlich der Grenze.

 

Krieg 1991 in Gornja Radgona. Fotograf unbekannt, MiaZ – Museum im Alten Zeughaus, Bad Radkersburg

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Krieg in Gornja Radgona, 28. Juni 1991. Fotograf: Heribert Klöckl, Bad Radkersburg, MiaZ – Museum im Alten Zeughaus, Bad Radkersburg

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Die Herausforderung der Flüchtlingskrise

Slowenien wurde rasch ein guter Nachbar in Europa. Schon 1992 trat der junge Staat der UNO bei, im Jahr 2004 wurde Slowenien mit sehr großer Zustimmung der Bevölkerung Mitglied der Europäischen Union. Zeitgleich hat der Staat das Schengener Abkommen ratifiziert, somit entfielen ab 21. Dezember 2007 auch die Grenzkontrollen zwischen Slowenien und Österreich. Die Grenze wurde also vollständig durchlässig, die Schilder am Straßenrand markierten sie als historisches Relikt.

2015 stand die Grenze erneut im Fokus der Öffentlichkeit: Der Krieg in Syrien trieb Millionen von Menschen in die Flucht, viele von ihnen machten sich auf den Weg nach Europa. Über den Balkan und Ungarn kamen sie im Spätsommer 2015 an die Grenze im Burgenland, und als Ungarn die Grenze zu Serbien schloss, wichen viele über Slowenien aus. Am 17. Oktober 2015 standen 1000 Flüchtlinge in Spielfeld, innerhalb von drei Tagen stieg die Zahl auf 4500. Auch am Grenzübergang in Radkersburg stauten sich Massen. Am 21. Oktober durchbrachen gut 1000 Menschen die Grenze in Spielfeld und versuchten nach Deutschland zu gelangen – entlang der Bahngleise oder in überteuerten Taxis.

Durch die Ereignisse im Nahen Osten, vor allem durch den blutigen Bürgerkrieg in Syrien, konnten zahllose Menschen ihr Überleben nur durch Flucht sichern. In den Nachbarländern Syriens waren bald vier Millionen Menschen zu versorgen, die internationale Hilfe lief spärlich. Meist über die Türkei und dann in überfüllten Booten nach Griechenland machten sich viele Flüchtlinge daher auf den Weg, um an sichere Orte zu gelangen, die ihnen außerdem eine Lebensperspektive zu bieten schienen. Wunschdestination war Westeuropa, vor allem Deutschland, aber auch Österreich. Über andere Routen von Nordafrika aus strömten Menschen nach Spanien, Frankreich und teilweise weiter nach Großbritannien. Die europäischen Staaten sahen sich vor allem durch die große Zahl der Flüchtlinge herausgefordert. Über Griechenland, Makedonien und Serbien gelangten die Menschen an die österreichische Grenze im Burgenland. Im September 2015 strömten – nach der humanitären Entscheidung, die Grenze zu öffnen – etwa 200.000 Menschen ins Land, von denen allerdings 90% nach Deutschland weiterwanderten. Und als im Oktober 2015 Ungarn die Grenze zu Serbien mit einem Zaun schloss, bot sich der Weg über Slowenien an die steirische Grenze als Alternative an. Schon am 17. Oktober standen gut 1.000 Flüchtlinge vor dem Grenzübergang Spielfeld. Auch in Radkersburg waren es etwa 350. Die Zahl stieg in den nächsten Tagen deutlich an. Die Eisenbahnlinie zwischen Leibnitz und Maribor/Marburg musste den Betrieb einstellen, da sich viele Menschen auf den Geleisen nach Norden bewegten.

Diese Ereignisse veränderten das politische Klima in Österreich. Mit der Angst vor „Flüchtlingswellen“ wird Politik gemacht. Die Grenzübung im Juni 2018 war ein Höhepunkt dieser erneuten Rufe nach einer „sicheren Grenze“.

 

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Pfingstwallfahrt Sveti Duh na ostrem vrhu/Heiliggeist am Osterberg, undatiert. Fotograf unbekannt,

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Torte anlässlich des EU-Beitritts von Slowenien, 2008. Fotograf unbekannt, Privatbesitz Josef Knapp, Eckberg

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Szenen am Grenzübergang Spielfeld, Oktober 2015. Fotograf: Alexander Danner

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Szenen am Grenzübergang Spielfeld, Oktober 2015. Fotograf: Alexander Danner

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Tobias Rehberger, Woher der Wind weht/Od koga piha veter, 2015, Kunstwerk an der Steirischen Weinstraße, 26. Oktober 2018 Institut für Kunst im öffentlichen Raum Steiermark, Fotografin: Mirella Konrad

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