1946–2018: Leben mit der Grenze

In den besonders schrecklichen letzten Tagen und Wochen des Zweiten Weltkrieges wurde die steirische Südgrenze Frontverlauf. Die Bedrohungen und Grausamkeiten des unmittelbaren Kriegsgeschehens hatten die südliche Steiermark erreicht. Am 15. April 1945 gelang es den sowjetischen Truppen, die Stadt Radkersburg einzunehmen, obwohl die 9. SS-Panzerdivision sowohl die Eisenbahnbrücke als auch die Murbrücke gesprengt hatte. Mit der Roten Armee zogen schließlich auch bulgarische Truppen und Tito-Partisanen in die Stadt ein. Die steirische Bezirkshauptmannschaft hatte sich nach Mureck zurückgezogen, die Sowjets errichteten ihre eigene Bezirkshauptmannschaft und die Partisanen erhoben Anspruch auf die Stadt. Erst nach über drei Monaten konnten vereinbarungsgemäß die britischen Besatzer die Kontrolle übernehmen und somit den alten Verlauf der Grenze wiederherstellen. Als Jugoslawien 1947 bei einer Außenministerkonferenz in London erneut Gebietsansprüche an seiner Nordgrenze gegenüber Österreich erhob und auch Radkersburg wieder für sich forderte, hatte sich die Weltpolitik aber bereits zu wandeln begonnen. Spätestens seit dem Bruch mit Stalin 1948 hatte Tito nicht mehr die Rückendeckung in Moskau und jene Linien, die in Jalta und Potsdam durch Europa gezogen worden waren, gingen als damals unverrückbarer und bald praktisch undurchdringbarer „Eiserner Vorhang“ quer durch Europa nieder.

Das Kriegsende und die Folgen

Die 1947 eröffnete Behelfsbrücke über die Mur in Radkersburg blieb vorerst für den Verkehr gesperrt. Es dauerte einige Jahre, bis die Frage des kleinen Grenzverkehrs geregelt werden konnte. Ohne Zweifel war der Abschnitt des Eisernen Vorhangs, der die Südgrenze der Steiermark bildete, der durchlässigste Teil der Trennlinie zwischen den Welten. Jugoslawien hatte bald erkannt, wie sehr sich der Fremdenverkehr als Devisenbringer eignete, und 1969 eröffneten Bundespräsident Jonas und der jugoslawische Staatschef Tito gemeinsam die neue Brücke in Radkersburg. Das Raab-Olah-Abkommen von 1961, ein Meilenstein in der Entwicklung der österreichischen Sozialpartnerschaft, beinhaltete auch die Möglichkeit, den österreichischen Arbeitsmarkt für ausländische Arbeitskräfte zu öffnen. Die Wirtschaft im Land erlebte einen Boom und billige Arbeitskräfte fehlten vor allem in jenen Bereichen, in den Österreicher und Österreicherinnen nicht mehr tätig sein wollten. Der Zuzug sogenannter „Gastarbeiter“ wurde mit bilateralen Abkommen geregelt, 1964 mit der Türkei und 1966 mit Jugoslawien. Aus Jugoslawien kamen die Arbeitskräfte überwiegend aus den strukturschwachen Gebieten des Südens, aber auch die Nahwanderung in die Steiermark wurde zum Thema. Gastarbeiter wanderten also nach Norden, während sich Sommertouristen in Richtung Süden auf den Weg machten. Die Grenze war überwindbar geworden.  

 

Die Gastarbeiterroute

Ziel der Arbeitsmigration aus dem Südosten Europas war aber nicht nur Österreich, sondern vor allem die Bundesrepublik Deutschland. Auch dort wurde in den Sechzigerjahren der Zuzug aus dem Süden Italiens von „Gastarbeitern“ aus Jugoslawien und der Türkei abgelöst. Diese Arbeiter waren zu den Feiertagen meist auf dem Weg in ihre Heimat. Der günstigste und vor allem weitgehend alpenpassfreie Weg führte dabei von München über Salzburg, das Ennstal, den Schoberpass, Bruck an der Mur, Graz und Spielfeld. Für gut zwei Jahrzehnte wurde diese Route zur europäischen Todesstrecke. Wenig Autobahn, kaum Überholmöglichkeiten, übermüdete Fahrer in oftmals technisch mangelhaften Autos machten vor allem die Strecke zwischen Schladming und Bruck zu einem Hotspot. Der Ausländeranteil unter den Fahrern und Fahrzeugen betrug zu den Stoßzeiten bis zu 70 %. Allein auf der nur 12 Kilometer langen Umfahrung von Leoben gab es zwischen 1965 und 1975 nicht weniger als 62 Verkehrstote und 178 Schwerverletze. Im gesamten steirischen Abschnitt dieser Route gab es damals mehr als 5.000 Verkehrsunfälle pro Jahr. Nicht unbeträchtlich waren allerdings auch die Abfallmengen, die sich am Straßenrand anhäuften. Dass es keine ausreichenden Toilettenanlagen gab, trug zusätzlich zur Verschärfung der Lage bei. Das echte Nadelöhr auf dem Weg in den Süden war aber dann der Grenzübertritt nach Jugoslawien in Spielfeld. Kilometerlange Staus und stundenlange Wartezeiten ließen oftmals die Nerven aller Beteiligten blank liegen. „Stau“ wurde zur oft gehörten Spitzenmeldung in den Verkehrsnachrichten.

 

Erstmals trat das Phänomen Grenzstau zu Weihnachten 1969 auf. Es gab heftigen Schneefall und die Straße war vereist, sodass ohnehin nur langsames Fahren möglich war. Die langsame Zollabfertigung auf jugoslawischer Seite führte bei den Wartenden zur Unruhe, die sich auch in Gewalt entlud. Letztlich musste das Bundesheer mit 120 Mann vor Ort erscheinen, um die Ordnung wiederherzustellen. Obwohl die jugoslawischen Grenzer in Stoßzeiten etwa 20 Fahrzeuge pro Minute abfertigten, war dies deutlich zu wenig, um die heranfahrenden Massen zu bewältigen. Trauriger Höhepunkt waren die Weihnachtsfeiertage von 1974, als der Grenzstau eine Länge von 70 Kilometern erreichte und damit bis nach Graz zurückreichte.

 

Die „Gastarbeiterroute“, die ja auch den lokalen Verkehr behinderte und ein sicheres Queren nicht immer leichtmachte, trug nicht gerade dazu bei, die Fremdenfeindlichkeit im Lande zu reduzieren. Die türkische Arbeitsmigration lebte meist in isolierten Subkulturen. Aber auch die jugoslawischen Arbeitskräfte fanden nur sehr wenig Anerkennung. Unabhängig von ihrer regionalen Herkunft sprach man von diesen Menschen als „Jugos“, nannte die Gastarbeiter „Tschuschen“ und integrierte sie lange Zeit nur zögerlich bis gar nicht in die österreichische Gesellschaft. Und an der Grenze beförderten diese Vorurteile nicht gerade das gedeihliche Zusammenleben im sogenannten kleinen Grenzverkehr. Die Grenze war auch Vorurteilsgrenze, man sah sich im Norden auf der überlegenen Seite. Dennoch, die Tabakwaren waren südlich der Grenze billiger – manchmal schon ein Grund, die Trennlinie zu überschreiten.

 

Es gab aber auch positive Initiativen. 1978 wurde die Arbeitsgemeinschaft Alpe-Adria gegründet, an der neben anderen Ländern auch Slowenien und die Steiermark beteiligt waren. Und sogar schon 15 Jahre früher startete durch eine Initiative des damaligen Kulturlandesrats Hanns Koren das Experiment „trigon“, bei dem in Biennalen Künstlerinnen und Künstler aus Jugoslawien, Italien und Österreich ihre Positionen zu definieren versuchten. Protest blieb freilich nicht aus.

 

An der „grünen Grenze“ wurde etwa bei der Weinernte auch grenzüberschreitend zusammengearbeitet. Außerdem gab es gemeinsame kirchliche Feste, etwa in Sveti Duh/Heiliggeist. 1980 besuchte die österreichische Staatsspitze Titos Begräbnis. 1984 fanden die Olympischen Winterspiele in Sarajewo statt.

Der Krieg 1991

Nach Titos Tod erhob Serbien unter Slobodan Milošević den Anspruch, die dominante Rolle in Jugoslawien einzunehmen. In den anderen Teilrepubliken des föderalistischen Staates wurden daraufhin bald kritische Stimmen laut, allerdings war bis 1990 der Bestand des Gesamtstaates Jugoslawien auch international nicht angezweifelt.

 

Doch 1991 zerfiel Jugoslawien Schlag auf Schlag: Slowenien und Kroatien erklärten am 25. Juni ihre Unabhängigkeit, die Führung in Belgrad entsandte zwei Tage später Truppen in die abtrünnigen Teilrepubliken – der Krieg begann. Anders als im übrigen Jugoslawien dauerten die Kämpfe in Slowenien nur 10 Tage an – zwangsläufig auch direkt an der österreichischen Grenze, die mehrfach verletzt wurde: Ein jugoslawisches Kampfflugzeug kam sogar bis nach Graz. Das Bundesheer zeigte sich bereit, die Grenze zu schützen, die Grenzübergänge in Bad Radkersburg und Spielfeld waren auf slowenischer Seite zentrale Kampfschauplätze. Schaulustige wollten das Geschehen hautnah verfolgen, Medien berichteten ausführlich über den Krieg an der Grenze.

 

Anfang Juli 1991 zogen die jugoslawischen Truppen ab, im Dezember erhielt Slowenien eine demokratische Verfassung, im Jänner 1992 wurde der neue Staat von Österreich anerkannt. So begann ein neues Kapitel der Zusammenarbeit mit der Republik Slowenien, dem neuen Nachbarn südlich der Grenze.

Die Herausforderung der Flüchtlingskrise

Slowenien wurde rasch ein guter Nachbar in Europa. Schon 1992 trat der junge Staat der UNO bei, im Jahr 2004 wurde Slowenien mit sehr großer Zustimmung der Bevölkerung Mitglied der Europäischen Union. Zeitgleich hat der Staat das Schengener Abkommen ratifiziert, somit entfielen ab 21. Dezember 2007 auch die Grenzkontrollen zwischen Slowenien und Österreich. Die Grenze wurde also vollständig durchlässig, die Schilder am Straßenrand markierten sie als historisches Relikt.

 

2015 stand die Grenze erneut im Fokus der Öffentlichkeit: Der Krieg in Syrien trieb Millionen von Menschen in die Flucht, viele von ihnen machten sich auf den Weg nach Europa. Über den Balkan und Ungarn kamen sie im Spätsommer 2015 an die Grenze im Burgenland, und als Ungarn die Grenze zu Serbien schloss, wichen viele über Slowenien aus. Am 17. Oktober 2015 standen 1000 Flüchtlinge in Spielfeld, innerhalb von drei Tagen stieg die Zahl auf 4500. Auch am Grenzübergang in Radkersburg stauten sich Massen. Am 21. Oktober durchbrachen gut 1000 Menschen die Grenze in Spielfeld und versuchten nach Deutschland zu gelangen – entlang der Bahngleise oder in überteuerten Taxis.

 

Durch die Ereignisse im Nahen Osten, vor allem durch den blutigen Bürgerkrieg in Syrien, konnten zahllose Menschen ihr Überleben nur durch Flucht sichern. In den Nachbarländern Syriens waren bald vier Millionen Menschen zu versorgen, die internationale Hilfe lief spärlich. Meist über die Türkei und dann in überfüllten Booten nach Griechenland machten sich viele Flüchtlinge daher auf den Weg, um an sichere Orte zu gelangen, die ihnen außerdem eine Lebensperspektive zu bieten schienen. Wunschdestination war Westeuropa, vor allem Deutschland, aber auch Österreich. Über andere Routen von Nordafrika aus strömten Menschen nach Spanien, Frankreich und teilweise weiter nach Großbritannien. Die europäischen Staaten sahen sich vor allem durch die große Zahl der Flüchtlinge herausgefordert. Über Griechenland, Makedonien und Serbien gelangten die Menschen an die österreichische Grenze im Burgenland. Im September 2015 strömten – nach der humanitären Entscheidung, die Grenze zu öffnen – etwa 200.000 Menschen ins Land, von denen allerdings 90% nach Deutschland weiterwanderten. Und als im Oktober 2015 Ungarn die Grenze zu Serbien mit einem Zaun schloss, bot sich der Weg über Slowenien an die steirische Grenze als Alternative an. Schon am 17. Oktober standen gut 1.000 Flüchtlinge vor dem Grenzübergang Spielfeld. Auch in Radkersburg waren es etwa 350. Die Zahl stieg in den nächsten Tagen deutlich an. Die Eisenbahnlinie zwischen Leibnitz und Maribor/Marburg musste den Betrieb einstellen, da sich viele Menschen auf den Geleisen nach Norden bewegten.

 

Diese Ereignisse veränderten das politische Klima in Österreich. Mit der Angst vor „Flüchtlingswellen“ wird Politik gemacht. Die Grenzübung im Juni 2018 war ein Höhepunkt dieser erneuten Rufe nach einer „sicheren Grenze“.

Museum für Geschichte

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