1919–1945: Leben an der Grenze

Die Grenzziehung durch den Friedensvertrag von Saint Germain war für die Bewohner/innen der Region großteils schmerzhaft, doch in den Folgejahren stellte sich eine gewisse Normalität ein. Repressalien gegen die deutschsprachige Minderheit im neuen Jugoslawien bewogen viele Menschen zum Verlassen des Landes, andere passten sich sprachlich den neuen Machtverhältnissen an. Ursprünglich gab es etwa 73.000 deutschsprachige Menschen in der Untersteiermark, im Jahr 1921 waren es nur noch 22.500, 1931 bezeichneten sich hier 12.400 Personen als deutschsprachig. Auch die slowenischsprachige Minderheit nördlich der Grenze wurde benachteiligt. Der jeweils vertraglich ausgehandelte Minderheitenschutz wurde vielfach unterlaufen, vor allem im Schulwesen.

Eine gewisse Normalität

Das Alltagsleben entlang der Grenze pendelte sich langsam ein: Die Mur wurde für Freizeitaktivitäten und Wassersport genutzt, Passierscheine erlaubten den kleinen Grenzverkehr, der vor allem für die Landwirtschaft und die Weinernte wichtig war. Beim Grenzübertritt musste man beachten, dass der Straßenverkehr in Jugoslawien auf der rechten Fahrspur geführt wurde, während in Österreich Linksverkehr galt. Grenzübertritte waren recht einfach, und so konnten im Juli 1934 auch die geschlagenen nationalsozialistischen Putschisten in Jugoslawien Schutz suchen.

 

Gut 20 Jahre lang war die Südgrenze der Steiermark für viele eine schmerzende Wunde – vor allem für jene, die die Untersteiermark meist unfreiwillig verlassen mussten. Aber die Bevölkerung der Grenzregion akzeptierte die neue politische Realität und lernte, mit ihr zu leben.

Die Verschiebung der Grenze nach Süden

1938 wurde Österreich in das nationalsozialistische Deutschland eingegliedert, das damals gute Beziehungen zu Jugoslawien hatte. Doch am 27. März 1941 putschten in Belgrad Offiziere erfolgreich gegen die deutschfreundliche Regierung und am südlichen Balkan brauchte Italien die militärische Unterstützung Hitlers. So begann am 6. April 1941 von Graz aus ohne Kriegserklärung der militärische Überall des Deutschen Reichs auf Jugoslawien.

 

Die deutschsprachige Bevölkerung der Grenzregion begleitete jubelnd die Truppen der deutschen Wehrmacht. 11 Tage später unterschrieb Jugoslawien die bedingungslose Kapitulation. Die Grenze des Deutschen Reiches wurde bis Kroatien vorgeschoben, der Grenzverlauf vor 1918 war damit weitgehend wiederhergestellt. Langfristig sollte die Untersteiermark wieder in die Steiermark eingegliedert werden. Zunächst war sie jedoch ein sogenanntes CdZ (= Chef der Zivilverwaltung)-Gebiet und unterstand dem steirischen Gauleiter Siegfried Uiberreither.

 

Damit begann eine radikale und grausame Germanisierung: Slowenische Aufschriften mussten verschwinden, Amts- und Unterrichtssprache wurde ausschließlich Deutsch, aus der Steiermark rückten Lehrer/innen ein, Namen wurden eingedeutscht. 36.000 Sloweninnen und Slowenen, bei denen man einen Anteil „deutschen Blutes“ vermutete, verschleppte man ins „Altreich“. Rund 80.000 Menschen wurden nach Süden deportiert, darunter praktisch alle slowenischsprachigen Intellektuellen. Selbst Kinder wurden von ihren Eltern getrennt. Der „Steirische Heimatbund“ erfasste deutschsprachige Personen und slowenischsprachige, die zur Kollaboration bereit waren.

 

Der aufkommende Widerstand wurde niedergeschlagen: „Banditen“ wurden verfolgt und in Massenexekutionen getötet. „Wehrmannschaften“ aus Mitgliedern des Heimatbundes wurden zur Bekämpfung von „Banden“ eingesetzt.

Der Gegenschlag

Die Wiederherstellung Österreichs in den Grenzen von 1919 war ab 1943 das Kriegsziel der Alliierten. Im Gebiet des ehemaligen Jugoslawien bildete sich aus den Partisanenverbänden die Volksbefreiungsarmee (NOV). Sie war schon bald die führende Kraft im Kampf gegen die deutschen Besatzer, aber auch gegen die kroatische Ustascha und die slowenische Heimwehr (Domobranzen). Die kommunistisch dominierte NOV stand unter der Führung von Josip Broz Tito. Im Kampf mit den deutschen Truppen überschritt die NOV auch die alte Grenzlinie, die in der Moskauer Deklaration 1943 wieder als neue Grenze zugesichert wurde. Nach Kriegsende kontrollierte die NOV monatelang Gebiete in der Südsteiermark bis zur Sulm. Die Alliierten duldeten jedoch keine Änderungen der Grenze und ab Juli 1945 war die Steiermark in den Grenzen von 1919 Teil der britischen Besatzungszone in Österreich. Vor allem nach dem Bruch Titos mit Stalin war der Gedanke an Grenzänderungen im Süden Österreichs hinfällig geworden.

 

Im neuen Jugoslawien südlich der Mur wurde die deutschsprachige Bevölkerung brutal verfolgt. Wer nicht nach Norden fliehen konnte, musste mit der Internierung in Konzentrationslagern rechnen. Im Lager Sterntal/Strnišče wurden ca. 10.000 Menschen festgehalten, etwa 5000 Personen kamen dort ums Leben. Auf slowenischem Boden gab es sechs weitere Lager für Deutschsprachige, dazu kamen Lager für die ungarische Minderheit und Angehörige der slowenischen Heimwehr. In politischen Umerziehungslagern sollte in den Folgejahren der kommunistische Machteinfluss gefestigt werden. Mit Einschränkungen

war Jugoslawien nunmehr Teil des europäischen „Ostblocks“ und die Südgrenze der Steiermark Teil des „Eisernen Vorhangs“, der Europa von der Ostsee bis zur Adria auf Jahrzehnte spalten sollte.

 

Verursacher / Täter

Faschismus

Nationalsozialismus

Titoismus

Todesopfer gesamt

> 6.000

> 40.000

< > 30.000

davon ermordete Kriegsgefangene und Zivilisten

> 3.000

> 25.000

> 25.000

Internierte, Gefangene, Vertriebene, Flüchtlinge

> 100.000

> 200.000

> 150.000

Insgesamt

109.000

265.000

205.000

 

Quelle: Jože Dežman, Totalitäre Epizentren in der Alpen-Adria Region im Licht der Ereignisse im Frühjahr 1945 in Kärnten, 22-25. In: Florian Thomas Rulitz, Die Tragödie von Bleiburg und Viktring, Klagenfurt/Celovec, Ljubljana/Laibach, Wien/Dunaj 2011.

Museum für Geschichte

Sackstraße 16
8010 Graz, Österreich
T +43-316/8017-9800
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Öffnungszeiten
Mi-So, Feiertag 10 - 17 Uhr

 

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