1900–1918. Die Zeit vor der Grenzziehung

Die Steiermark war bis zum Zerfall der Habsburger-Monarchie 1918 das viergrößte Kronland Cisleithaniens, also des westlichen Teils der beiden Reichshälften Österreich-Ungarn. Mit dem Frieden von St. Germain 1919 wurde dem neugegründeten Königreich Jugoslawien ein Gebiet, das rund ein Drittel der Fläche der Steiermark umfasste, zugeschlagen. In diesem Kapitel von Kulturgeschichte-online erzählen wir die Geschichte der Menschen und der Region rund um diese neuentstandene Grenze.

Die Grenze im Kopf

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verdichtet sich die nationale Frage innerhalb der Habsburgermonarchie zur Sprachenfrage: Das zweisprachige Kronland Steiermark wird zum Schauplatz des Ringens um die „Sprachgrenze“.

 

Diese Grenze ist nicht schlüssig zu ziehen: die Städte Marburg/Maribor oder Cilli/Celje sind etwa „Sprachinseln“ mit mehrheitlich deutschsprechender Bevölkerung, während die meisten Menschen im ländlichen Umfeld Slowenisch sprechen.

 

Die deutschsprachige Seite versteht die Region als „Grenzfeste“: Im Kampf um die Schulen, mit topografischen Ausschilderungen, im Theater und in Vereinen wird öffentlichkeitswirksam der „deutsche“ Charakter der Untersteiermark verteidigt. Unhinterfragt geht man davon aus, dass die „deutsche Kultur“ überlegen ist.

 

Die slowenisch-sprachige Seite ringt um ihr Selbstverständnis, das sich schwieriger gestaltet, diese Sprachgruppe ist auf mehrere Kronländer verteilt. Die Grenzen im Kopf werden also schon vor dem Ersten Weltkrieg gezogen.

Chromolithografie, Verein Südmark, ungelaufen Herbert Blatnik, Kloepfermuseum Eibiswald

Die Menschen der Region

Wenn neue Grenzen durch alte Kulturlandschaften gezogen werden, bleibt im Alltag vieles unverändert: Landwirtschaft und Gewerbe ebenso wie Feste, Rituale, Speisen und Getränke.

 

Regionale Lebens- und Arbeitsweisen widerspiegeln sich auch in den Gesichtern der Menschen – auf beiden Seiten der Grenze. Porträtfotos lassen keine staatliche Zuordnung zu. Unterschiede waren damals vor allem sprachlich festzumachen, doch Sprache ist auf den Fotos nicht hörbar.

Die reale Grenzziehung

Dem Ersten Weltkrieg folgt die Implosion des Habsburgerreichs. Auf dem Gebiet der Monarchie entstehen neue Staaten, teilweise im Zusammenschluss mit benachbarten Ländern, mit Bezug zu historischen Grenzen oder mit dem Verweis auf (sprach-)nationale Zugehörigkeiten.

 

Die Grenze zwischen dem neuen SHS-Staat (dem späteren Jugoslawien), und der Republik (Deutsch-)Österreich musste jedenfalls durch die alte Steiermark verlaufen, die konkrete Grenzlinie aber erst begründet werden: Das geschah teilweise mit Gewalt wie am „Marburger Bluttag“ am 27. Jänner 1919, aber auch mit Argumenten wie den vermeintlichen Sprachgrenzen oder der naturräumlichen Trennlinie, der Mur.

 

Der Friedensvertrag von Saint Germain gibt die Grenzlinie grob vor. Die Festlegung des genauen Grenzverlaufs und die Regelungen des „kleinen Grenzverkehrs“ nehmen aber noch einige Zeit in Anspruch.

Museum für Geschichte

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