Frühe Unternehmensgeschichte

 

Die frühe Geschichte des Warenhauses Kastner & Öhler ist die eines europäischen Unternehmens, geprägt von den politischen und wirtschaftlichen, kulturellen und technischen Neuerungen der Zeit. Wer waren die Firmengründer und was führte sie vom tschechischen Troppau aus nach Graz? Wie lässt sich ihr frühes Unternehmenskonzept charakterisieren? Inwiefern stand ihr Erfolg mit der Industrialisierung und Technisierung, der Verstädterung und dem sozialen Wandel der Jahrhundertwende in Verbindung? Wie schließlich wurde Graz zum zentralen Firmenstandort?

Anfang: Troppau

1873 gründeten Carl Kastner und Hermann Öhler in Troppau (heute Opava/Tschechien) die „Kurzwarenhandlung Kastner & Öhler“. Transport, Handel und Industrie waren zu dieser Zeit im Umbruch: Massenproduktion und schneller Gütertransport, Groß- und Direktkauf, die Einverleibung von Produktionsbetrieben, feste Preise oder das Aufkommen der Reklame ermöglichten neue Geschäftskonzepte. Die Neugründung erfolgte aber auch vor dem Hintergrund einer Wirtschaftskrise, die viele Firmen in Mitleidenschaft zog. In einer Phase, da in Handel und Industrie großer Geldmangel herrschte, kauften die Gründer günstige Posten um bares Geld, um sie möglichst rasch weiterzuverkaufen.

 

Die Gründer

Carl Kastner war 24 Jahre alt, Hermann Öhler 26, als sie 1873 die Firma gründeten. Carl Kastner wurde 1849 in Linz geboren und arbeitete in Wien als Handelsangestellter, bevor er in Troppau (im heutigen Tschechien) für die Firma Stefan Klauber als Buchhalter tätig war. Dort lernte er den Verkäufer Hermann Öhler kennen, der 1847 geboren wurde und einer jüdischen Familie aus Preßburg entstammte. Den Schritt in die Selbstständigkeit ermöglichten 30.000 Gulden (rund 288.000 Euro), die Carl Kastner von seiner Großmutter geerbt hatte. Zur Kurzwarenhandlung in Troppau wurde eine Zweigniederlassung in Olmütz eröffnet. Durch Carl Kastners Heirat mit Hermann Öhlers Schwester Julie verbanden sich die Firmengründer auch privat.

Kurzwaren

„Kurzwaren (kurze Waren, franz. Quincaillerie, Mercerie), Gesamtname verschiedener, meist kleinerer Waren aus Metall, Holz, Glas, Porzellan, Marmor, Perlmutter, Bernstein, Korallen, echten und unechten Edelsteinen, Knochen, Elfenbein, Meerschaum, Alabaster, Fischbein, Schildpatt, Horn, Leder etc., z. B. Messerwaren, Nadeln, Knöpfe, Uhren und Bestandteile von solchen, Ringe, Ketten, Leuchter, Sporen und Steigbügel, Galanteriewaren, Brillen und Perspektive, Brief-, Geld- und Reisetaschen, Regen- und Sonnenschirme, künstliche Blumen, lackierte Blechwaren, plattierte Geräte etc.“ (aus: Meyers Konversationslexikon, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, 4. Auflage, 1885–1892)

Niederlassungen

Nach erfolgreicher Firmengründung in Troppau eröffneten Carl Kastner und Hermann Öhler zwischen 1873 und 1881 weitere Niederlassungen in Prag, Brünn, Arad und Wien, die allerdings jeweils nur für kurze Zeit Bestand hatten. Angeboten wurde jeweils günstige Partieware, ein sortiertes Lager gab es nicht. Wien spielte die zentrale Rolle, was den Einkauf und den direkten Kontakt mit den Lieferanten anging. Hier fand außerdem die „Manipulation“ der Waren statt. 1879 kam Agram (Zagreb) als Standort dazu, 1881 wurde jener in Troppau – mit dem Umzug der Agramer Niederlassung in die Ilica 4 – aufgegeben.

Warenmanipulation

Ein nicht unwesentlicher Geschäftsbereich im frühen Unternehmen war die Warenmanipulation. Der Begriff „Manipulation“ bezeichnete die Anfertigung von Waren, wie zum Beispiel von Schürzen oder Unterwäsche: Die Unternehmer kauften die Rohmaterialien und gaben die Fertigung der Produkte oft in Heimarbeit in Auftrag, um sie dann in den Niederlassungen oder über die Kataloge zu vertreiben. Ort der Warenmanipulation war Wien. Im Jahr 1905 wurden unter anderem 21.981 Stück Damenwäsche gefertigt.

Agram

1879 eröffneten die Herren Kastner und Öhler eine erste Geschäftsstelle in Agram. Zwei Jahre später übernahmen sie ein Geschäft in der Ilica 4, das sich nach Albert Kastner im rechtsseitigen Parterre des damals sehr angesehenen Hotels „Kaiser von Österreich“ befand. Als wesentlicher Schritt für die weitere Unternehmensentwicklung gilt die Abkehr von günstigen Artikeln, die man bis dahin weitgehend vertrieben hatte: Max Hausner, Schwager der Firmeninhaber, beschloss dieses Verkaufsprinzip in Agram dahingehend zu ergänzen, „dass ein gepflegtes Sortiment der einschlägigen Textilwaren angeboten wurde. (Albert Kastner, Firmengeschichte)

Ankunft in Graz

1883 befand sich Carl Kastner im Zug von Wien nach Agram. Ein ungeplanter Aufenthalt in Graz veranlasste ihn spontan, ein freistehendes Geschäftslokal in der Sackstraße 7 anzumieten. Am 31. August 1883 erfolgte die Eintragung von „Kastner & Öhler Graz“ in das Handelsregister. Knapp eine Woche später kündigt bereits eine Anzeige von der „Übernahme des Warenlagers aus der August Frankschen Concursmasse“ und vom Verkauf „der gesamten Warenvorräthe“ neben dem Hotel Erzherzog Johann. Vertrieben wurde fortan, so Albert Kastner, günstige Gelegenheitsware. Der Gesamtumsatz im ersten Geschäftsjahr betrug 90.000 Gulden (rund 837.000 Euro).

Der Weg in die Stadt

Man kann vermuten, dass sich Carl Kastner nach seiner Ankunft vom Bahnhof über die Annenstraße Richtung Hauptplatz bewegt hat. Welchen ersten Eindruck könnte die Stadt auf diesem Weg hinterlassen haben? Der Bahnhof, der bereits in den 1870er-Jahren umgebaut worden war, zeigte sich bei der Ankunft Carl Kastners samt repräsentativem Vorplatz großzügig erneuert. Die Annenstraße war Mitte des 19. Jahrhunderts als Verbindungslinie in die Stadt planmäßig angelegt worden und hatte sich als zentrale Einkaufsstraße etabliert. Der Hauptplatz wurde als zentraler Marktplatz u. a. vom alten Rathaus flankiert, dessen Umbau 1887 beginnen wird ...

Graz um 1900

In der Zeit, da Carl Kastner Graz kennenlernte, fand sich die Stadt in einer Phase der radikalen Veränderung und gewann jene Erscheinung, die sie bis heute prägt: Der Bau der Südbahn verband Graz mit Wien und Triest und hatte die Industrialisierung befördert. Als Folge stieg die Zahl der Einwohner/innen bis in die 1890er-Jahre auf über 100.000 an. Das heutige Landeskrankenhaus und die Herz-Jesu-Kirche entstanden, ebenso das Museum in der Neutorgasse, Stadttheater und Landesbibliothek, Rathaus und Zentralfriedhof. Die Straßen wurden asphaltiert, neue Brücken gebaut, die Stadt elektrifiziert und beleuchtet. Die Pferdebahn wurde eingeführt und von der elektrischen Straßenbahn abgelöst. Das erste Kino nahm seinen Betrieb auf.

Sortiment 1894/95

Nachdem sich Kastner & Öhler in Graz und darüber hinaus mit seinem Versandhandel etabliert hatte, erfolgte 1894/95 der erste große Umbau des Grazer Standortes. Mit der Eröffnung des ersten Kaufhaushallenbaus der Monarchie wurde auch die Angebotspolitik geändert: „Sehr billige“ Waren wurden durch ein „gepflegtes, qualitativ hochwertiges Sortiment“ ergänzt. Neben Damenwäsche, Mieder, Futter- und Wollstoffen, Seide, Bändern, Spitzen, Handschuhen, Strümpfen, Kurz-, Wirk-, Trikot- und Weißwaren wurden Schürzen, Tücher, Herrenstoffe, Krawatten, Herrenwäsche, Pelze, Blusen, Schoßen, Damenmäntel, Mädchenkonfektion, Waschstoffe, Teppiche, Vorhänge, Steppdecken und Wolldecken verkauft. (aus: Albert Kastner, Firmengeschichte).

Zweite Generation

Carl Kastner und Hermann Öhler übertrugen das Unternehmen ihren Söhnen: Im Jahr 1901 trat Albert Kastner in die Firma ein, im Jahr 1903 Paul Kastner, 1904 Richard Kastner und 1905 schließlich Franz Öhler. Hermann Öhler starb 1918, Carl Kastner 1921.

Ausweitung der Verkaufszone

Nachdem sich Carl Kastner und Hermann Öhler 1883 mit ihrem Geschäft in der Sackstraße 7 eingemietet hatten, erwarben sie das Gebäude 1886. Dieser Kauf stellte lediglich den Beginn einer ganzen Reihe weiterer Erwerbungen dar: 1894 wurden für den Umbau die angrenzenden Häuser der Badgasse, 1896 die Liegenschaft Sackstraße 9 übernommen. Im Jahr 1910 erfolgte der Kauf der Häuser Sackstraße 11 und 13 sowie Admontergasse 3 und 4. Der Preis dafür betrug rund 200.000 Kronen (entspricht rund 876.000 Euro).

Museum für Geschichte

Sackstraße 16
8010 Graz, Österreich
T +43-316/8017-9800
geschichte@museum-joanneum.at

 

Öffnungszeiten
Mi-So, Feiertag 10 - 17 Uhr

 

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