Architektur und Gestaltung

Imposante Architekturen, repräsentative Fassaden und Treppenhäuser, großzügige Lichthöfe und Dachgarten, geschmückte Verkaufsräume und inszenierte Konsumgüter: Auch am Beispiel von Kastner & Öhler wird deutlich, dass das Warenhaus um 1900 nicht nur ein funktionaler, sondern vor allem auch ein abwechslungsreicher Raum voll Atmosphäre und Leben für eine neue bürgerliche Kundschaft war. Was konkret zeichnete die Warenhausarchitektur jener Zeit aus? Mithilfe welcher Mittel und Strategien bezauberten die Schöpfer der Warenwelten ihr Publikum? Wie erzeugten sie warum welche Stimmungen und Bilder?

Umbau 1894/95

Nachdem Carl Kastner und Hermann Öhler das Haus Sackstraße 7 erworben hatten, beauftragen sie 1884/95 den Architekten Friedrich Sigmundt mit einem Erweiterungsbau. Unter Einbeziehung der angrenzenden Häuser in der Badgasse entstand so das erste wirkliche Warenhaus der k. u. k. Monarchie. Zentrale Momente der Fassadengestaltung waren die Zusammenfassung der ersten beiden Etagen zu einer Einheit und die Beleuchtung der in den Schaufenstern präsentierten Waren mit außen liegenden Hängeleuchten.

 

Kleine Halle 1894/95

Als zentraler Raum im Inneren entstand mit dem Umbau der Jahre 1894/95 die sogenannte „Kleine Halle“. Der mit Glas überdachte Raum reichte über drei Etagen und war durch umlaufende Galerien gekennzeichnet. Die Großzügigkeit der auf Doppelsäulen gestützten Halle stand im krassen Gegensatz zu den bescheidenen Geschäften und Läden, die kleinräumig, dunkel und oft wenig repräsentativ waren.

 

Warenpalast 1912/13

1912/13 entstand nach den Plänen der auf Theaterbau spezialisierten Wiener Architekten Fellner & Helmer ein Neubau, mit dem Kastner & Öhler an die neue mitteleuropäische Warenhausarchitektur anschloss. Kennzeichnend für diese Bauweise war ihre Funktionalität: die Integration mehrerer Verkaufsetagen, die Unterbringung von Lager- und Verwaltungsbereichen sowie der Einsatz neuer Technik. Die Fassade wurde weitgehend in Fensterflächen aufgelöst, Dekorationselemente wurden großzügig eingesetzt – die neuen Warenhäuser ernteten große Aufmerksamkeit, ähnlich früheren Repräsentationsbauten.

 

Große Halle

Als zentraler Raum im Inneren des Neubaus von 1912/13 entstand die reich geschmückte „Große Halle“. Sie führte durch sämtliche Geschosse und wurde von einer bunten Glaskuppel abgeschlossen. Als Lichthof garantierte sie die Versorgung weiter Bereiche mit Tageslicht. Das für den Verkauf wertvolle Parterre blieb gleichzeitig als attraktive Einkaufsfläche erhalten. Um den Lichthof gruppierten sich die Stockwerke und Verkaufsflächen, die mit Treppen und Fahrstühlen verbunden waren. Zu aller Funktionalität prägte der Lichthof dank seiner lichterfüllten Monumentalität wesentlich den erhabenen Eindruck und die Pracht des Warenhauses.

 

Innenraum pragmatisch

Sieht man von seinem verführerischen Glanz ab, war das Warenhaus des ausgehenden 19. Jahrhunderts ein Funktionsbau: Möglichst viele Menschen sollten den bestmöglichen Zugang zum Warenangebot erhalten. Das originäre Raumkonzept des Warenhauses sah eine offene Eingangssituation und großangelegte Fensterfronten vor, die zum Eintreten ermutigen sollten. Der großzügige Umgang mit Raum und der Verzicht auf Trennwände erlaubte die übersichtliche Warenpräsentation. Aufwendige Treppenanlagen und Aufzüge sorgten für die effiziente Verteilung und Zirkulation des Publikums, diverse Servicebereiche wurden zur Erholung während des Einkaufs bereitgestellt.

 

Innenraum atmosphärisch

Entscheidend für das Erlebnis des Besuchs war weniger die Funktionalität der Architektur, sondern vielmehr die Atmosphäre. Die weiten und lichterfüllten Räume, die reich bestückten Verkaufshallen, die wechselnden Inszenierungen, die repräsentativen Treppenhäuser, die Cafés und Erfrischungsräume: Sie bildeten eine für alle zugängliche, künstliche Oase, in die man vorübergehend eintauchen konnte; eine Gegenwelt, die unabhängig von Jahres- und Tageszeit oder Witterung hell erleuchtet im starken Kontrast zur Dunkelheit der kleinen Geschäfte stand. Erholsam und immer gepfl egt bot sie einen starken Kontrast zu den mitunter lauten und staubigen Straßen vor den Eingangstoren.

 

Aufzüge, Telefone, Klimaanlagen

Acht Aufzüge, mehr als 20 elektrische Uhren, 40 Haus-Telefonanschlüsse, eine Eigenstromanlage mit drei Dieselmotoren, eine Lüftungs-, eine Rohrpost-, eine Kühlanlage: Am Beispiel des 1912/13 entstandenen Neubaus wird deutlich, dass Kastner & Öhler, wie andere Warenhäuser auch, bereits vor dem Ersten Weltkrieg einen massiven Einsatz von Elektrizität und Gas, von Kraft, Licht und Kälte betrieb. Warenhäuser gehörten zu den Vorreitern in der Nutzung moderner Technik. Diese sorgte teils unsichtbar für den Komfort der Konsumentinnen und Konsumenten, sie wurde aber auch gezielt arrangiert, um das Publikum in Staunen zu versetzen.

 

Warenhausmöblierung

Bescheiden nahmen sich 1883 die ersten Möbel für die Warenpräsentation in der Grazer Niederlassung aus: Aus Böhmen gekommen, wurden die Produkte aus ihren Kisten heraus verkauft, die man ausleerte, umdrehte und einfach als Tische verwendete. Dies änderte sich: Spätestens ab 1894/95 türmten sich die Stoffballen in offenen Regalen, Stückwaren fanden sich in Schachteln verpackt und Weißwaren in Papier eingeschlagen. Nachweisbar mit 1912/13 wurden Waren auch auf Stangen und in Vitrinen präsentiert. Zugänglich waren diese nur dem Verkaufspersonal, das nachgefragte Produkte auf Tischen ausbreitete und einer stehenden und sitzenden Kundschaft vorstellte.

 

Inszenierung der Waren

In den Verkaufsräumlichkeiten wurden die Waren nicht nur möglichst übersichtlich und zweckmäßig zusammengestellt, sondern mithilfe von Spiegeln, Stoffen und Licht als Teil ländlich-rustikaler, exotischer oder märchenhafter Kulissen präsentiert. Für die Kundschaft machten die immer neuen und überraschenden Inszenierungen einen Teil der Attraktivität des Warenhauses aus. Sie hatte direkten Einfluss auf die Wirkungsweise und Bedeutung der Produkte. Uns geben die Inszenierungen Auskunft über die Wünsche und Idealbilder, die Vorstellungen vom Eigenen und Fremden jener Zeit.

 

Museum für Geschichte

Sackstraße 16
8010 Graz, Österreich
T +43-316/8017-9800
geschichte@museum-joanneum.at

 

Öffnungszeiten
Mi-So, Feiertag 10 - 17 Uhr

 

10. Juni

24. bis 25. Dezember
31. Dezember