Schatten

Die militärische Kapitulation am 8. Mai 1945 brachte das Ende der NS-Herrschaft. Sie war die Voraussetzung für die demokratische Wiederrichtung der Republik Österreich. Die alliierten Kontrollmächte Frankreich, Großbritannien, die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten, aber auch die österreichischen Behörden unternahmen in den folgenden Jahren Anstrengungen, um NS-Täter*innen für ihre Taten zu bestrafen und die Gesellschaft zu „entnazifizieren“: Nationalsozialistisches Gedankengut sollte aus der Gesellschaft verbannt werden.

Das gelang nicht in allen Bereichen. In der Gesellschaft und Politik verbreiteten sich unterschiedliche Ausflüchte. Die einen meinten, von den Verbrechen der Nationalsozialisten nichts gewusst zu haben. Sie sahen sich als unschuldig Verführte sowie als Opfer der Entnazifizierung. Die anderen behaupteten, es sei ja nicht alles schlecht gewesen. So habe der „Anschluss“ doch Arbeit und Brot gebracht. Die Folgen der teils verweigerten Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus wirken nach. Die NS-Vergangenheit wirft ihre Schatten bis in die Gegenwart.

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Franz Murer – Der Schlächter von Wilna wird freigesprochen

Im Juni 1963 wurde vor dem Straflandesgericht in Graz der Prozess gegen Franz Murer geführt. Er wurde 1912 in St. Georgen bei Murau geboren. Ihm wurde vorgeworfen, in den Jahren 1941 bis 1943 als Adjutant des Gebietskommissars im litauischen Wilna (Vilnius) mehrere Jüdinnen*Juden ermordet zu haben. Für seine Taten war Murer bereits 1948 in einem Prozess in Wilna zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden. Nach dem Staatsvertrag 1955 wurde er allerdings nach Österreich entlassen. Er konnte auf seinem Bauernhof nach Gaishorn am See zurückkehren. 1963 wurde er erneut verhaftet und angeklagt. Das Interesse der Medien am Prozess war groß. Trotz eindeutiger Zeug*innenaussagen von Überlebenden wurde er nach nur wenigen Verhandlungstagen von den Geschworenen freigesprochen. Franz Murer starb 1994 in Gaishorn.

Der Prozess gegen den „Schlächter von Vilnius“, wie Murer von Bewohner*innen des Ghettos genannt wurde, steht in einer Reihe von österreichischen Skandalprozessen gegen ehemalige NS-Täter. Diese wurden nur halbherzig von den österreichischen Behörden verfolgt und kaum zur Rechenschaft gezogen.

Industrialisierung und Modernisierung als Erbe des NS-Staates

Der Nationalsozialismus führte zu einer enormen Modernisierung der steirischen Infrastruktur und Industrie. Die vollständige Ausrichtung der gesamten Industrie, Wirtschaft und Landwirtschaft auf die Rüstungs- und Kriegsziele brachte neue Wirtschafts- und Produktionsformen hervor. Mit dem Einsatz von Zwangs- und Sklavenarbeiter*innen wurden Straßen, Kraftwerke und Werkanlagen errichtet und ausgebaut. Vor allem jene Industriebetriebe, die nach 1938 zu den „Reichswerken Hermann Göring“ gehörten, erfuhren einen enormen Aufschwung. Dieser Aufschwung war kriegsbedingt und wurde durch Zwangsarbeit ermöglicht. Zu den Werken gehörten: die Steirischen Gussstahlwerke Judenburg, die Graz-Köflacher Eisenbahn und Bergbau, die Eisenwerke Krieglach, das Stahlwerk Donawitz und der Erzberg. Sie waren nach 1945 die Zentren des wirtschaftlichen Erfolgs im Land und sind bis in die Gegenwart Stützen der steirischen Industrie.

Lager Liebenau – Wie umgehen mit „kontaminierten* Orten“?

Am Liebenauer Grünanger befand sich zwischen 1940 und 1945 ein NS-Lager. Zunächst für Umsiedler*innen, später für Zwangsarbeiter*innen und Opfer der sogenannten Todesmärsche auf ihrem Marsch Richtung KZ Mauthausen. Viele der ungarisch-jüdischen Zwangsarbeiter*innen wurden dort auch ermordet. Nach 1945 wurden Teile des Lagergeländes für Wohnbauten weitergenutzt oder zu Parkanlagen umfunktioniert. Erinnerungszeichen für die Opfer wurden nicht errichtet. Seit einigen Jahren gibt es Interesse daran, die ehemaligen Lagerflächen zu bebauen und wirtschaftlich zu nutzen. Dies hat eine gesellschaftliche und politische Debatte darüber ausgelöst, wie man mit Stätten von nationalsozialistischen Verbrechen angemessen umgehen kann: Dürfen diese überbaut werden? Sollen dort Erinnerungszeichen und Gedenkstätten errichtet werden? Sollen Fundstücke geborgen und ins Museum verbracht werden? Wer darf letztlich darüber entscheiden? 

Leerstellen der Erinnerung – vergessene Opfer

Die Gesellschaft des Nachkriegsösterreich verstand sich als Opfer des Nationalsozialismus und des Krieges. Viele Menschen sahen sich in den Nachkriegsjahren auch als Opfer der Entnazifizierung und der alliierten Befreier, die in der Regel als Besatzer gesehen wurden. Verständnis für all jene, die von den Nationalsozialisten verfolgt und ermordet wurden, gab es vielfach nicht. Nur zögerlich erfuhren die Opfer des NS-Regimes öffentliche Anerkennung. Erste Erinnerungszeichen wurden errichtet: zuerst für die Mitglieder des Widerstands, ab den 1960er-Jahren auch für Jüdinnen*Juden. Erst ab den 1980er-Jahren erfuhren weitere vergessene Opfergruppen öffentliche Aufmerksamkeit: die Opfer der NS-Euthanasie, Zwangsarbeiter*innen oder die Opfer der Todesmärsche. Sehr spät wurden Romnija*Roma und Deserteure, aber auch Homosexuelle als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt. Das erste Erinnerungszeichen für einen verfolgten Rom in Graz, Franz Baranyai, wurde erst 2013 in der Paulustorgase angebracht. Das erste Zeichen für ein homosexuelles Opfer gibt es seit 2015.

Fortdauer des Antisemitismus

Das Ende des NS-Regimes und das Wissen um die Verbrechen des Holocausts brachten kein Ende des Antisemitismus. Reste der NS-Ideologie blieben in der Gesellschaft erhalten. Zwar wurde das antisemitische Sprechen aus den offiziellen politischen und gesellschaftlichen Debatten verbannt. An den Stammtischen lebte es aber weiter, ebenso in einzelnen politischen Gruppen oder in verschlüsselten Ausdrucksformen. Immer wieder kam und kommt es seit 1945 aber auch zu gewalttätigen antisemitischen Taten im öffentlichen Raum, zu offenen Angriffen in Medien oder auf jüdische Einrichtungen. So wurden beispielsweise Grabsteine auf jüdischen Friedhöfen und Erinnerungszeichen beschädigt. Im August 2020 erreichte der gegenwärtige Antisemitismus einen traurigen Höhepunkt: Die Grazer Synagoge wurde beschmiert und mit einem Stein beschädigt. Der Präsident der Jüdischen Gemeinde wurde tätlich angegriffen.