Die UNRRA in Österreich

Um aus den Fehlern nach dem Ersten Weltkrieg zu lernen, planten die Alliierten frühzeitig den Wiederaufbau für eine „Zeit nach Hitler“. Das Fehlen internationaler Vereinbarungen beim wirtschaftlichen Wiederaufbau Europas hatte damals katastrophale Folgen für die soziale Stabilität des Kontinents gehabt.

Am 9. November 1943 gründeten 44 Staaten unter der Federführung der USA die United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA). Nach Beendigung der Kriegshandlungen in Europa koordinierte diese Organisation die Rückführung von Kriegsvertriebenen und entwickelte Hilfs- und Unterstützungsprogramme für ausgewählte Missionsländer.

In Österreich wurde die UNRRA zum wichtigsten Versorger: Sie lieferte bis zu 80 % der Lebensmittel für die nicht-landwirtschaftliche Bevölkerung. Diese internationale Hilfe war entscheidend, um den Gesundheitszustand der unterernährten Menschen zu verbessern, die Agrarproduktion wieder anzukurbeln und die Industrie zu stützen.

Eine neue Ära der Hilfe: die Gründung der UNRRA

Nach dem Krieg galt die UNRRA als wegweisendes Experiment globaler Zusammenarbeit. Vor allem die USA knüpften große Erwartungen an die Organisation, die als Blaupause für die künftige internationale Diplomatie dienen sollte. Führende US-Politiker sprachen von einer „zweiten Chance“, die Welt nachhaltig zu heilen und die Demokratie zu sichern. Das Ziel war klar: die Fehler der Vergangenheit vermeiden und Verantwortung für eine neue, stabile Weltordnung übernehmen.

Die UNRRA in Zahlen: ein gigantisches Hilfsprogramm

Zwischen November 1943 und März 1949 bewegte die UNRRA enorme Summen und Massen: Ihr Gesamtbudget lag bei rund vier Milliarden US-Dollar – zwei Drittel davon stammten direkt aus den USA. Auf dem Höhepunkt ihrer Arbeit im Sommer 1946 koordinierte die Organisation knapp 25.000 Beschäftigte und unterstützte die Bevölkerung in 16 Empfängerländern durch eigene Hilfsmissionen.

Weltweite Beschaffung: das Logistiknetz der UNRRA

Um Hilfsgüter global einzukaufen und zu sammeln, setzte die UNRRA auf ein weltweites Logistiknetzwerk. Neben den Hauptzentralen in Washington und London koordinierten zehn europäische Verbindungsbüros – von Frankreich über Schweden bis nach Triest – den reibungslosen Ablauf. Parallel dazu sicherten zwölf Beschaffungsbüros, vor allem in Lateinamerika, aber auch in Indien, Südafrika und der Türkei, den gezielten Einkauf von Waren direkt in den Erzeugerländern.

Die Österreich-Mission der UNRRA

Im Herbst 1945 spitzte sich die Versorgungslage in Österreich dramatisch zu – besonders in der britisch besetzten Steiermark fehlte es an Lebensmitteln. Auf Drängen Großbritanniens prüfte die UNRRA daher ein Hilfsprogramm. Dass Österreich überhaupt Hilfe erhalten konnte, hatte einen rechtlichen Grund: Nach der „Moskauer Deklaration“ von 1943 galt das Land als befreiter und nicht als feindlicher Staat. Nach den ersten demokratischen Nationalratswahlen im November 1945 nahm die Mission Form an: Die UNRRA entsandte Berater nach Wien, und am 5. April 1946 wurde das offizielle Hilfsabkommen unterzeichnet.

Die Österreichhilfe der UNNRA

Bis zum Ende der Mission im Juni 1947 lieferte die UNRRA Hilfsgüter im Gesamtwert von über 135 Millionen US-Dollar nach Österreich. Das umfassende Hilfsprogramm für die Zivilbevölkerung gliederte sich in fünf eigenständige Bereiche:

(1) Nahrungsmittel zur Sicherung der täglichen Versorgung

(2) Kleidung, Textilien und Schuhe gegen die herrschende Knappheit

(3) Medizinische und hygienische Hilfsgüter zur Seuchenbekämpfung

(4) Industrieller Wiederaufbau durch Rohstoffe und Maschinen

(5) Landwirtschaftlicher Wiederaufbau zur Selbstversorgung des Landes

Ernährung der Bevölkerung: die UNRRA-Lieferungen

Nahrungsmittel waren der größte Posten der Österreichhilfe. Bis zum Ende der Mission sicherten die UNRRA-Lieferungen einen wesentlichen Teil der Rationen, die an die Bevölkerung über Lebensmittelkarten verteilt wurden. Insgesamt stellte die Organisation Lebensmittel im Umfang von 623.568 Tonnen im Gesamtwert von rund 81,2 Millionen US-Dollar bereit.

Kleidung, Textilien und Schuhe

Neben Lebensmitteln fehlte es der österreichischen Bevölkerung am Nötigsten zum Anziehen. Die UNRRA half hier auf doppelte Weise: Zum einen lieferte sie über 4.200 Tonnen Rohstoffe wie Baumwolle, Wolle und Leder nach Österreich. Damit wurde die heimische Produktion angekurbelt, um neue Schuhe und Kleidung für die Bevölkerung herzustellen. Zum anderen linderten gespendete Altkleider die akute Not von Einheimischen und Displaced Persons.

Hilfsgüter für den landwirtschaftlichen Wiederaufbau

Die UNRRA setzte nicht nur auf reine Nothilfe, sondern kurbelte die österreichische Landwirtschaft massiv an. Da Kunstdünger nach dem Krieg praktisch nicht existierte, sicherten erst die UNRRA-Importe die Pflanzsaison 1946/47 und steigerten die Ernteerträge spürbar. Zusätzlich modernisierten rund 36.000 gelieferte Landmaschinen die Betriebe. Wie effizient diese Hilfe war, zeigen die 800 Rad- und 650 Gartentraktoren: Sie sicherten den Anbau auf Flächen, die für bis zu 16 Prozent der gesamten österreichischen Getreideernte verantwortlich waren.

Über Zonengrenzen hinweg: Verteilung der UNRRA-Hilfslieferungen

Die UNRRA-Lieferungen wurden durch ein nationales Vertriebssystem ohne Rücksicht auf die Zonengrenzen in ganz Österreich verteilt. Auf dieser Grundlage konnte wieder ein gemeinsamer Wirtschaftsraum errichtet werden.

UNRRA-Missionschef Reginald Parminter ließ in seinem „Final Report“, den er zum Missionsende Mitte 1947 verfasste, keinen Zweifel daran, dass es ohne UNRRA-Hilfe in Österreich 1946 unweigerlich zu Hungersnöten, Ausschreitungen und einem allgemeinen Zusammenbruch gekommen wäre, mit katastrophalen Folgen für die territoriale Integrität und Demokratisierung Österreichs.

Know-how aus 28 Nationen: Verwaltungshilfe für Österreich

Österreichs Verwaltung litt nach Kriegsende unter akutem Personalmangel. Durch die Entnazifizierung fehlten erfahrene Fachkräfte; nur wenige ältere Spezialisten aus der Zeit vor 1938 standen zur Verfügung.

In dieser Krise leisteten die UNRRA-Mitarbeiter*innen entscheidende Aufbauarbeit. Sie entwickelten statistische Berichte, Zuteilungspläne und Richtlinien, welche die österreichischen Behörden später als Fundament für ihre eigene Arbeit übernahmen.

Preispolitik: Wie kostenlose Hilfe den Staat finanzierte

Die UNRRA-Lieferungen waren für Österreich kostenlos, wurden im Land aber zu regulären Inlandspreisen verkauft – weit unter dem damaligen Weltmarktpreis. Die Einnahmen flossen in einen speziellen Schilling-Fonds auf einem Sperrkonto. Für die österreichische Regierung war das eine enorme Stütze: 1946 machten diese Gelder fast ein Fünftel des gesamten Staatsbudgets aus.