Das erste Nachkriegsjahr

Insgesamt kamen im Zweiten Weltkrieg rund 60.000 Steirer*innen ums Leben. Dabei handelte es sich um gefallene Soldaten sowie zivile Opfer, die infolge von Kampfhandlungen und Bombenangriffen getötet wurden, und um die Tausenden Opfer der NS-Verfolgung. Neben dem Verlust an Menschenleben gab es enorme Kriegsschäden: Zehntausende Wohnungen und Häuser waren zerstört. Ackerflächen lagen brach oder waren verwüstet, Infrastruktur und Wirtschaft waren am Boden. Zudem war das Land von Soldaten besetzt und übersät mit Flüchtlings- und Vertriebenenlagern.

Es fehlte am Nötigsten – vor allem die Ernährungs- und Versorgungslage war schlichtweg katastrophal. Hinzu kam die politische, soziale und wirtschaftliche Spaltung des Landes entlang der Grenzen zwischen den Besatzungszonen.

Nur dank der Unterstützung durch die alliierten Militärregierungen sowie durch die Hilfswerke einzelner Staaten konnte im ersten Nachkriegsjahr ein vollständiger wirtschaftlicher und sozialer Zusammenbruch Österreichs verhindert werden.

Bildinformationen

Zerstörungen durch den Bombenkrieg

Die alliierten Luftangriffe und die Bodenkämpfe der letzten Kriegsmonate hinterließen in der Steiermark schwere Verwüstungen. Über 20.000 Wohneinheiten waren vollständig zerstört oder wiesen erhebliche Gebäudeschäden auf; zudem lag die verkehrstechnische Infrastruktur – darunter Bahnhöfe und Brücken – weitreichend in Trümmern. Neben der Landeshauptstadt Graz traf die Zerstörung vor allem die obersteirischen Industriezentren Knittelfeld, Zeltweg, Bruck an der Mur und Kapfenberg.

Verlust der Anbaugebiete durch Kampfhandlungen

Die Kampfhandlungen der letzten Kriegsmonate hatten weite Teile der Oststeiermark schwer gezeichnet. Rund 5.200 landwirtschaftliche Betriebe wurden zerstört oder wiesen erhebliche Gebäudeschäden auf. Besonders die fruchtbaren Regionen der Bezirke Feldbach, Fürstenfeld, Radkersburg, Hartberg und Weiz erlitten massive Schäden, was zu einem weitflächigen Brachliegen der Agrarflächen führte. Die gesamtösterreichische Ernte im Jahr 1945 erreichte schätzungsweise nicht einmal die Hälfte eines regulären Friedensertrages.

„Entgüterung“ - Demontagen durch die Rote Armee

Über die unmittelbaren Kriegszerstörungen und -verluste hinaus belasteten die Plünderungen und Demontagen während der zehnwöchigen sowjetischen Besatzung die steirische Bevölkerung und Wirtschaft massiv. Dabei wurden nicht nur Rüstungskapazitäten abgebaut, sondern auch essenzielle Anlagen, Maschinen, Rohstoffe und Güter entwendet, die für den Aufbau einer künftigen Friedenswirtschaft dringend benötigt worden wären.

Teilung des Landes in Besatzungszonen

Die Aufteilung Österreichs in vier Besatzungszonen und deren weitgehende Abschottung führten zum Verlust des inneren Zusammenhalts und des wirtschaftlichen Einheitscharakters. Erst das Zweite Kontrollabkommen des Alliierten Rates vom 28. Juni 1946 gab den interzonalen Personen- und Güterverkehr – wenn auch unter Einschränkungen – offiziell frei. Bis zu diesem Zeitpunkt war der Austausch lebensnotwendiger Güter sowie die gegenseitige Unterstützung zwischen den Bundesländern nur unter massiven bürokratischen und logistischen Hürden möglich.

Kriegstote, -gefangene und Vermisste

Neben den über 60.000 Steirer*innen, die infolge des Krieges ums Leben gekommen oder vom NS-Regime ermordet worden waren, waren bis zu 80.000 steirische Soldaten in alliierter Kriegsgefangenschaft. Ein Großteil von ihnen befand sich in US-amerikanischem oder britischem Gewahrsam. Die Entlassung aus diesen Lagern erfolgte meist rasch, oft bereits in den Jahren 1945 und 1946. Demgegenüber galten noch im Jahr 1950 Tausende Steirer in der UdSSR als vermisst oder wurden dort weiterhin festgehalten.

Entnazifizierungsmaßnahmen und Internierungen

Die britische Militärregierung sah ihre Kernaufgabe darin, die nationalsozialistische Ideologie zu eliminieren und demokratische Werte aufzubauen. Zu diesem Zweck initiierten die Behörden eigene Entnazifizierungsmaßnahmen. Diese umfassten Arbeitsverbote sowie die Verhaftung und strafrechtliche Verfolgung von NSDAP-Funktionären und Mitgliedern parteipolitischer Institutionen. Der Leiter der britischen Militärregierung in der Steiermark, Oberst A. C. Wilkinson, verkündete im Jänner 1946 in einer Rundfunkansprache: „Es wird Sie interessieren, dass seit unserer Ankunft in Graz mehrere Tausend Nazis verhaftet wurden und weit mehr ihre Stellen verloren haben. Die angeführten Zahlen gelten für die Steiermark allein – wahrlich nicht wenig für sechs Monate!“

Belastungen durch die alliierte Besatzung

Die Zahl der alliierten Besatzungstruppen wurde in Österreich von ursprünglich 700.000 auf 120.000 Mann Ende 1946 reduziert.

Obwohl die alliierten Besatzungsmächte der österreichischen Bevölkerung nach der Befreiung existenzsichernde praktische Hilfe geleistet hatten – ohne ihre Nahrungsmittellieferungen wäre es im Winter 1945/46 unweigerlich zu einer Hungersnot gekommen –, regte sich zunehmend Kritik an den enormen Besatzungskosten. Zeitgenössische Kritiker argumentierten, dass ein unbesetztes Österreich, das frei über seine eigenen Ressourcen hätte verfügen können, mutmaßlich ohne größere Schwierigkeiten in der Lage gewesen wäre, die lebensnotwendigen Lebensmittelimporte selbst zu finanzieren.

Kriegsflüchtlinge und Vertriebene

Von den rund 1,6 Millionen Nichtösterreicher*innen – darunter etwa eine Million fremdsprachige Flüchtlinge –, die sich im Mai 1945 auf österreichischem Staatsgebiet aufhielten, konnte die Mehrheit das Land bis Jahresende verlassen. Aufgrund immer neuer Flüchtlingswellen im Jahr 1946 blieb die Zahl der zu versorgenden Personen vom Frühjahr 1946 bis Mitte 1947 mit rund 400.000 nahezu konstant. Davon waren zwischen 80.000 und 100.000 Menschen in Massenquartieren untergebracht. In der Steiermark hielten sich im Mai 1946 noch über 80.000 Nichtösterreicher*innen auf, von denen knapp 18.000 als Kriegsflüchtlinge (Displaced Persons) in Lagern lebten.

Ernährung und Lebensmittelversorgung

Die unzureichende Versorgung mit Lebensmitteln bildete in den ersten Nachkriegsjahren die größte Herausforderung für die Bevölkerung. Österreich zählte bis zum Sommer 1946 zu den am schlechtesten versorgten Ländern Europas; aus eigener Kraft konnten nur rund 60 Prozent der Bevölkerung ernährt werden. In der Steiermark erhielten Normalverbraucher im September 1945 eine tägliche Ration von durchschnittlich lediglich 845 Kalorien – dem stand ein physiologischer Richtwert von 2.400 bis 2.800 Kalorien gegenüber. Bis Februar 1946 stieg dieser Wert zwar auf etwa 1.440 Kalorien an, sank jedoch bis Mai 1946 wieder auf einen Tiefpunkt von 830 Kalorien. Die Verteilung der Lebensmittel wurde bis in die 1950er-Jahre über ein strenges Bezugskartensystem zu staatlich festgelegten Preisen reguliert.

Grundbedürfnis Wohnen

Nach Kriegsende herrschte in der Steiermark eine akute Wohnungsnot. Um den ohnehin kollabierten Wohnungsmarkt zu entlasten, verhängte die britische Militärregierung ein generelles Rückkehrverbot für österreichische Emigrant*innen, das bis Juli 1946 in Kraft blieb.

Allein in der Landeshauptstadt Graz suchten im September 1945 rund 8.000 Familien verzweifelt nach einer Bleibe. Im Februar 1946 fehlten im gesamten Bundesland mehr als 23.000 Wohneinheiten. Viele Betroffene lebten unter prekärsten Bedingungen in Hausruinen, Behelfsbaracken oder Höhlen. Sogenannte Barackensiedlungen blieben bis weit in die 1950er-Jahre hinein ein prägendes Merkmal vieler steirischer Gemeinden.

Energieversorgung, Bedarfsgüter und Rohmaterialien

In der Nachkriegszeit herrschte nicht nur an Gegenständen des täglichen Bedarfs und industriellen Rohstoffen akuter Mangel; ebenso prekär gestaltete sich die Energie- und Brennstoffversorgung. Da auch diese Ressourcen streng rationiert waren, erfolgte ihre Ausgabe ausschließlich über Bezugsscheine. Aufgrund der anhaltenden Verknappung mussten die täglichen Stromabschaltungen Mitte Jänner 1946 von einer halben auf eine volle Stunde verdoppelt werden. Das Kontingent für Haushaltsbrennholz war pro Heizperiode auf anderthalb Raummeter begrenzt. Verbraucher hatten jedoch die Möglichkeit, mit einer entsprechenden Bewilligung weitere drei Raummeter Holz in zugewiesenen Waldparzellen selbst zu schlägern.

Britische staatliche Hilfe für die Steiermark

Hinsichtlich der Planungen für ein Nachkriegsösterreich war Großbritannien unter den vier Besatzungsmächten am besten vorbereitet. Die britische Militärregierung nahm ihre Verantwortung für die steirische Bevölkerung sehr ernst: Nach einer sogenannten „Survival Period“, in der die elementare Grundversorgung im ersten Nachkriegswinter im Fokus stand, sollte eine Phase der technischen Unterstützung beim Wiederaufbau der steirischen Infrastruktur und Industrie folgen. Allerdings regten sich in Großbritannien auch kritische Stimmen, die es vehement ablehnten, den ehemaligen Kriegsgegner nun auf Kosten der britischen Steuerzahler mit Nahrungsmitteln zu versorgen.

Humanitäre Hilfe durch britische Hilfsorganisationen

Um weltweite Hilfseinsätze zu koordinieren, gründeten britische Wohlfahrtsverbände am 9. Juli 1942 den „Council of British Societies for Relief Abroad“ (COBSRA). In der britischen Besatzungszone Österreichs operierten die COBSRA-Teams ab Mai 1945 unter der administrativen Leitung der „War Organisation of the British Red Cross Society and Order of St. John of Jerusalem“. Diese war als „British Red Cross Civilian War Relief (Austria)“ direkt an die britische Militärverwaltung gekoppelt. Das Aufgabenspektrum des COBSRA gliederte sich im Wesentlichen in fünf Kernbereiche: die allgemeine Fürsorge, die Betreuung von Displaced Persons, die Lagerhaltung, das Transportwesen sowie die Pflege von Auslandsbeziehungen einschließlich des Suchdienstes und der Registratur.