Inszenierung

Unmittelbar nach dem „Anschluss“ im März 1938 starteten die Nationalsozialisten eine perfekt organisierte Propagandainszenierung. Die Steirer*innen sollten bei der sogenannten Volksabstimmung am 10. April 1938 für den Anschluss an Deutschland stimmen. Daher galt es, die Macht der Partei und des NS-Staates zu zeigen und durch öffentliche Inszenierungen und Massenkundgebungen zu beeindrucken. Führende Nationalsozialisten wie Joseph Goebbels, Hermann Göring und Adolf Hitler selbst kamen in die Steiermark. Sie versprachen Arbeit und eine bessere Zukunft. Fackelzüge und Feste halfen dabei, eine „Volksgemeinschaft“ zu formen, die an das Motto „ein Volk, ein Reich, ein Führer“ glaubte.

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Sturz der Symbole und Umbenennungen

Bereits am 12. März 1938 begannen die Nationalsozialisten damit, die Denkmäler aus der Zeit vor ihrer Herrschaft zu entfernen. Straßenschilder mit Namen von Persönlichkeiten des Ständestaats werden entfernt, Hauptplätze von „Engelbert-Dollfuß-Platz“ in „Adolf-Hitler-Platz“ umbenannt. Straßen und Plätze erhielten die Namen von Nationalsozialisten, die im Zuge des Putschversuchs 1934 getötet worden waren. Auch Institutionen waren von Umbenennungen betroffen. Die neue Leitung der Karl-Franzens-Universität Graz wünschte sich eine Umbenennung der Universität in „Adolf-Hitler-Universität“. Diesen Wunsch erfüllten die Nationalsozialisten allerdings nicht.

Inszenierung der Gewalt

Die Nationalsozialisten nutzten Gewalt im öffentlichen Raum, um ihre Macht zu zeigen. Und sie motivierten die Bevölkerung zu Gewalt, wenn es der eigenen Propaganda diente:

Nur Monate nach dem „Anschluss“ wurde der sogenannte „spontane Volkszorn“ inszeniert: Steirische Jüdinnen*Juden wurden aus ihren Wohnungen geholt und misshandelt. Die Synagoge und die Zeremonienhalle in Graz wurden niedergebrannt.

In kurzer Zeit waren die Gegner*innen bzw. „Feinde“ des NS-Regimes eingeschüchtert, festgenommen oder vertrieben. Damit endete vorerst der Einsatz von öffentlich inszenierter Gewalt. Erst mit dem Näherrücken der Front kam es wieder dazu. Vor allem als 1944 immer mehr Luftangriffe auf die Städte und Industrieanlagen erfolgten, erlaubten die Nationalsozialisten eine „Volksjustiz“ gegenüber den abgestürzten alliierten Flugzeugbesatzungen. Zahlreiche Morde an abgestürzten Piloten in der Steiermark waren die Folge.

Arbeit und Propaganda

Die „Beseitigung der Arbeitslosigkeit“ spielte in der Propaganda der Nationalsozialisten eine wesentliche Rolle: Noch während der Wahlwerbung für die „Volksabstimmung“ am 10. April 1938 kam der Reichswirtschaftsminister Generalfeldmarschall Hermann Göring in die obersteirischen Industriegemeinden und verkündete dort sein „Programm für Arbeit und wirtschaftlichen Aufbau“.

Anlässlich einer Kundgebung am Erzberg in Eisenerz versprach er am 29. März 1938 vor Tausenden Zuhörer*innen: „Wenn ein Ort für Deutschland eine besondere Bedeutung hat, so ist das die Stadt Eisenerz. Eisen ist das edelste Metall, wertvoller als Gold und Silber. Aus Eisen schmiedet man das Schwert und damit den Frieden, aus Eisen schmiedet man den Pflug, und mit Eisen bauen wir unsere Wirtschaft auf. Von nun an wird hier Leben herrschen und es ist ausgeschlossen, dass jemals in Zukunft in Eisenerz auch nur ein einziger Werktätiger arbeitslos würde.“

Dabei gab er gleichzeitig auch die sofortige Einstellung von 500 Arbeitern am Erzberg und die Eingliederung der „Österreichisch-Alpinen Montangesellschaft“ in die kriegswirtschaftliche Planung der „Reichswerke Hermann Göring“ bekannt.

Am Nachmittag des gleichen Tages versicherte Göring im Hüttenwerk Donawitz: „Die Zeiten, wo ein gesunder deutscher Mensch keine Arbeit finden konnte, sind vorbei und gehören der Vergangenheit an. In einigen Monaten gibt es in Österreich keine Arbeitslosen mehr.“

Inszenierung des Kriegs

Heer, Luftwaffe und Marine hatten jeweils eigene Propaganda-Kompanien, die von den Kriegsschauplätzen berichteten. In den Zeitungen konnte man täglich – und bis Kriegsende – über die vermeintlichen Erfolge der Wehrmacht an allen Frontabschnitten lesen. Das Radio brachte die neuesten Nachrichten in die Stuben und Wohnzimmer. In den Kinos wurden vor dem Hauptfilm Wochenschauberichte gezeigt, die ab Kriegsbeginn reine Kriegsberichterstattung waren. Auch Theater und Spiel wurden genutzt, um die Erfolge an der Front zu verbreiten: So lud das Winterhilfswerk 1940 zum Gesellschaftsspiel „Bomben auf Engelland“. „Jeder Grazer einmal selbst Bombenschütze. Großangriff auf die Insel.“ Dabei wurde der Beginn der Luftschlacht um England (ab August 1940) im Rahmen einer Straßensammlung nachgestellt.

Inszenierte Eintopfsonntage

Ein Teil der Propagandainszenierung für die „Volksabstimmung“ am 10. April 1938 waren die öffentlichen Ausspeisungen. In den Gemeinden organisierte das Winterhilfswerk bzw. die SA unter Mithilfe von Wehrmachtsangehörigen sogenannte Eintopfessen für Arbeitslose und Arme.

In der Tagespost vom 27. März 1938 hieß es dazu: „Im Gefolge der Eroberer pflegte früher der Händler in das besetzte Land zu kommen. Österreich ist auch erobert worden. Aber es war keine Eroberung mit dem Schwert, sondern mit dem Herzen. Und so folgten den Truppen, die mit ihrem Einmarsch die Bitte der Österreicher um Bruderhilfe erfüllten, als Nachhut volksverbundener und selbstverständlicher Hilfsbereitschaft die Feldküchen des deutschen Winterhilfswerkes, werden die Magazine nicht mit Munition, sondern mit Lebensmitteln aufgefüllt, setzt in ganz großem Ausmaß sofort und schlagartig die Hilfe des großen deutschen Mutterlandes ein.“