Hilfe und Selbsthilfe

Nach dem Krieg mussten in Österreich rund 7 Millionen Menschen versorgt werden. Die Lebensmittelrationen der Nichtselbstversorger*innen konnten lediglich zu etwa 40 % aus heimischen Quellen gedeckt werden. Der Rest wurde vor allem durch internationale Hilfslieferungen der UNRRA bereitgestellt.

Neben den Hilfsmaßnahmen von außen kam es aber auch zu Eigeninitiativen der Bevölkerung. Zu den wichtigsten individuellen Strategien zur Beschaffung von Waren zählten der Schleich- und Tauschhandel sowie das „Hamstern“. Durch den „Schwarzen Markt“ oder den Naturaltausch konnte jedoch nur wenige kaufkräftige Menschen ihre Lage verbessern. Die meisten hatten kaum das Geld oder Tauschwaren, um sich mit den notwendigen Gütern des alltäglichen Gebrauchs zu versorgen. Für die Ärmsten war die internationale Hilfe überlebensnotwendig.

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Internationale humanitäre Hilfe

Nach dem Krieg stand Österreich vor einer logistischen und humanitären Katastrophe historischen Ausmaßes. Die Bewältigung dieser humanitären Krise basierte auf einer komplexen, weltweiten Kooperation verschiedener Akteure. In enger Abstimmung mit der UNRRA waren im zweiten Nachkriegsjahr Dutzende NGOs aus verschiedenen Staaten aktiv, um die staatliche Notversorgung effektiv zu ergänzen. Zwischen Mai 1946 und Mai 1947 brachten diese zivilen Hilfsorganisationen im monatlichen Durchschnitt mehr als 2.000 Tonnen an dringend benötigten Hilfsgütern in das Land. Diese gewaltigen Lieferungen umfassten neben haltbaren Lebensmitteln auch Medikamente, warme Kleidung für den Winter und Decken für die Bevölkerung.

Die Reichweite der Unterstützung

Die Reichweite dieser organisierten Solidaritätswelle war für das von Zerstörung geprägte Land von unschätzbarem Wert. Damit unterstützten die internationalen Organisationen in den kritischsten Monaten bis zu 700.000 notleidende Menschen in Österreich. Hinzu kamen verschiedene private Initiativen von Bürgerkomitees aus dem Ausland sowie staatliche und halbstaatliche Hilfswerke aus der ganzen Welt, die ebenfalls unbürokratische Hilfe nach Österreich brachten. Insgesamt erreichten Spenden aus mehr als 65 Staaten Österreich und linderte so die schlimmste Not der traumatisierten Zivilbevölkerung.

Hilfe aus den USA

Verschiedene US-amerikanische Initiativen leisteten in den Bereichen Kinderhilfe, Gesundheit und Bedarfsgüter wertvolle Hilfe. Zu den bekanntesten zählt CARE, ein Zusammenschluss von über 20 kirchlichen Wohlfahrtsorganisationen. Aber auch durch private Spendenaktionen gelangten Hilfsgüter aus den USA in die Steiermark.

Das Engagement der Schweiz

Unter den europäischen Geberländern tat sich das neutrale Nachbarland durch ein besonders schnelles und großzügiges Engagement hervor. Die berühmte „Schweizer Spende“ war ein zentrales Hilfswerk des Schweizer Staates, das umfangreiche und logistisch perfekt organisierte Hilfslieferungen für die notleidende österreichische Bevölkerung in die Wege leitete. Schweizer Züge brachten tonnenweise Lebensmittel, Baumaterialien und Textilien über die Grenze.

Britische Hilfe für die Steiermark

Die Verteilung der eintreffenden Hilfsgüter orientierte sich stark an den jeweiligen Besatzungszonen des Landes. In der von der britischen Armee kontrollierten Steiermark waren deshalb vor allem humanitäre Organisationen des Roten Kreuzes aus dem gesamten „British Empire“ intensiv aktiv. Diese Helfer organisierten Logistikketten, bauten Suppenküchen auf und koordinierten die Verteilung direkt in den Gemeinden.

Bis März 1947 wurden hier unter anderem 164.114 Lebensmittelpakete verteilt. Ein großer Teil dieser Pakete stammte aus Indien und Kanada.

Gesichter der Not

Die internationalen Hilfsgüter wurden nicht wahllos verteilt. Profitieren sollten die „Schwächsten“, allen voran unterernährte Kinder und Kranke. Auch heimkehrende Kriegsgefangene, Opfer des NS-Regimes sowie Personen, die buchstäblich vor den Trümmern ihrer Existenz standen, waren zentrale Zielgruppen verschiedener Hilfsprogramme.

Im Juni 1946 waren drei Viertel der untersuchten Schulkinder in der Steiermark unterernährt. Um diese Not zu lindern, wurden Schulausspeisungen von der „Schweizer Spende“ und dem Britischen Roten Kreuz organisiert. Anfangs wurden in Graz und den obersteirischen Industriestädten insgesamt 13.700 Kinder versorgt. Im Jahr 1947 waren es bereits 52.000 steirische Kinder.

Verschickung und Fürsorge: Fluchtwege aus dem Hungeralltag

Für eine nachhaltige Regeneration reichten Schulspeisungen oft nicht aus. Tausende unterernährte Kinder aus der Steiermark wurden daher zu mehrwöchigen Erholungsaufenthalten in die Schweiz und andere Länder geschickt. Zur Entlastung der Familien wurden zudem viele Jugendliche auf privaten Pflegeplätzen oder in Heimen untergebracht. Dort wurden sie nach einem strikten Stundenplan betreut und von Sozialarbeiterinnen unterstützt, um die traumatischen Erlebnisse und den Hunger zu bewältigen.

Solidarität gegen die Armut: Suppenküchen

Die Versorgungskrise traf auch die ältere Generation mit voller Härte. Um Menschen über 65 Jahre zu unterstützen, wurden Alters- und Siechenheime gezielt mit internationalen Spenden bedacht. So trafen beispielsweise im April 1947 drei Waggons voller Karotten für Grazer Senioren ein. Zudem wurden im Kloster in der Grabenstraße im Rahmen der „Schweizer Spende” Kartoffelrationen an ältere Menschen ausgegeben. Auch die Caritas öffnete ihre Türen für alle Hungernden: Mithilfe ausländischer Lebensmittelspenden betrieb sie Suppenküchen, in denen Professoren und Mittellose nebeneinander saßen, um die oft einzige warme Mahlzeit des Tages zu erhalten.

Starthilfe für eine neue Existenz

Nach 1945 standen Kriegsheimkehrer, Ausgebombte und alleinerziehende Mütter oft vor den Trümmern ihrer Existenz. Frauen, insbesondere Kriegswitwen mit mehreren Kindern, erhielten lebensnotwendige Unterstützung in Form von Kleidung und Hausrat. Dank der „Schweizer Spende“ konnten in manchen Fällen sogar komplette Wohnzimmereinrichtungen bereitgestellt werden. Im August 1946 trafen zum Beispiel 129 Kisten mit gespendetem Hausrat in Graz ein. Jede Kiste war mit einem Zettel versehen, der den Namen jener Schweizer Gemeinde trug, in der die „Liebesgaben“ gesammelt worden waren.

Betreuung der NS-Opfer

Eine völkerrechtliche und humanitäre Sonderstellung nahmen die zahlreichen Flüchtlinge und „Displaced Persons“ im besetzten Österreich ein. Mehrere internationale Hilfsorganisationen konzentrierten sich exklusiv auf die Unterstützung von Nichtösterreicher*innen, die besonders schwer unter der NS-Herrschaft gelitten hatten. Hierzu zählten vor allem die jüdischen Überlebenden des Holocausts. Diese traumatisierten Menschen wurden durch spezialisierte jüdische Organisationen wie den American Jewish Joint Distribution Committee (Joint) intensiv versorgt und betreut. Ein regionales Beispiel für diese gezielte Hilfe war das jüdische Erholungsheim „Sonnenland“ des Joints in Semriach.

Strategien der Bevölkerung

Da die staatlich zugewiesenen Rationen in der Nachkriegszeit hinten und vorne nicht reichten, florierte in Österreich der illegale Schwarzmarkt. Die Beschaffung von Waren des täglichen Bedarfs über diese inoffiziellen Kanäle war jedoch extrem kostspielig und erforderte erhebliche finanzielle Opfer. Eine durchschnittliche Arbeiter- oder Angestelltenfamilie musste im Jahr 1947 rund 20 % ihres gesamten Einkommens allein auf dem Schwarzmarkt ausgeben. Die dort angebotenen Lebensmittel waren im Schnitt unfassbare 18-mal teurer als zu den offiziellen staatlichen Preisen.

Tausch und Rucksackverkehr

Besonders die städtische Bevölkerung litt unter akutem Nahrungsmangel und suchte durch Improvisation nach Auswegen. Für den sogenannten „Rucksackverkehr“ fuhren Städter*innen aufs Land, um bei Bauern Lebensmittel direkt gegen Bargeld oder Sachgüter zu tauschen. Bis zum offiziellen Verbot im Juli 1946 durften Kleinstmengen wie drei Eier oder ein Kilo Hülsenfrüchte ohne Transportschein mitgeführt werden. Für die landwirtschaftlichen Produzenten war dies ein lukratives Geschäft, da sie abseits der staatlichen Ablieferungspflicht zu Festpreisen auf dem freien Markt wesentlich mehr verdienen konnten.

Löhne versus Schwarzmarktpreise

Im Frühjahr und Sommer 1946 führte die extreme Kluft zwischen Löhnen und Schwarzmarktpreisen zu drastischer sozialer Not. Während eine offizielle Monatsration für Normalverbraucher im Frühjahr/Sommer 1946 nur günstige 13,02 Schilling kostete, standen diese Tarife in keinem Verhältnis zu den illegalen Schwarzmarktpreisen. Die Lebensrealität spielte sich auf dem illegalen Grazer Schwarzmarkt ab – zu astronomischen Preisen.

Ein Kilo Butter oder Kaffee kostete dort bis zu 200 Schilling. Für ein Paar Männerschuhe wurden 600 bis 800 Schilling fällig. Im Vergleich dazu verdiente ein Facharbeiter in der Steiermark pro Woche gerade einmal 45 bis 60 Schilling (Hilfsarbeiter sogar nur 30 bis 49 Schilling). Ein einziges Paar Schuhe entsprach damit dem Gegenwert von 10 bis 17 Wochenlöhnen. Für den Großteil der Bevölkerung waren diese lebenswichtigen Güter schlicht unbezahlbar.

Umschlagplatz Volksgarten: der geheime Handel in Graz

Der illegale Handel brauchte feste Räume im urbanen Gefüge, die sich dem Blick der Ordnungshüter entzogen. Zum Zentrum des Grazer Schwarzmarktes entwickelte sich in dieser Zeit der städtische Volksgarten. Zu jeder Tageszeit tarnten sich die Händler als unauffällige Gruppen von Spaziergängern, um das Entdeckungsrisiko zu minimieren. Die vorbeigehenden Kundinnen und Kunden flüsterten den Verkäufern im Gehen diskret ihre Wünsche zu, woraufhin Waren und Geldscheine blitzschnell den Besitzer wechselten. Diese konspirativen Szenen prägten nachhaltig das alltägliche Stadtbild im Graz der Nachkriegsmonate.

Hamstern: das Phänomen der „Schweizer Onkel“

Neben dem klassischen Tauschhandel boten auch Auslandskontakte eine seltene Gelegenheit, an Mangelwaren zu gelangen. Im März 1948 bildete sich vor der Ausgabestelle einer Zürcher Firma in der Grazer Sporgasse eine Menschenschlange von rund tausend Personen. Grund war eine legale Ausgabe von Zucker an Personen mit Verbindungen in die Schweiz. Ein einzelner geschäftstüchtiger „Hamsterer“ brachte es dabei auf beachtliche 500 Kilogramm Zucker. Dies führte tags darauf zu kritischen Presseberichten und der ironischen Frage in der Bevölkerung: „Wie komme ich zu einem Schweizer Onkel?“.