Nach „hinten“

Richtete der Krieg alles nach „vorne“, zur Front hin, aus, so gab es auch den Weg in die umgekehrte Richtung.

 

Rasch trafen die ersten Kriegsgefangenen ein, für die Lager geschaffen werden mussten. In Knittelfeld und Feldbach wurden die ersten großen Lager errichtet. Lager veränderten ihre Umgebung. In Knittelfeld übertraf die Zahl der bis zu 30.000 Kriegsgefangenen die heimische Bevölkerung um ein Mehrfaches. Die Lagerinsassen mussten versorgt, bewacht, und medizinisch betreut werden. Wasser und Abwasser mussten reguliert und Bäckereien produziert werden, man brauchte Strom sowie Bautrupps und vieles mehr. Lager bewirkten einen ökonomischen Schub für die betroffenen Gegenden. Man konnte Gefangene als Arbeitskräfte rekrutieren und man verzeichnete eine gewaltige Nachfragesteigerung. Um gegen psychische Abbauerscheinungen anzukämpfen, beschäftigten sich die Gefangenen im Lager mit Handarbeiten und Kulturprogrammen. Auch die Österreicher in den Lagern der Kriegsgegner versuchten, den Alltag auf diese Art bewältigbar zu machen.

 

Lager bedeuteten aber auch: andere Religionen, andere Sprachen, andere Kulturen.

Russische Kriegsgefangene am Hauptplatz von Radkersburg, o.J., Fotograf Richard Prettner, Leihgabe: Museum im Alten Zeughaus, Bad Radkersburg
Zwischen August 1914 und Dezember 1917 gelangten 2,1 Millionen österreichisch-ungarische Soldaten an der Ostfront in russische Kriegsgefangenschaft. Sie wurden in unterschiedliche Lager im zaristischen Russland verbracht und lebten zumeist über Jahre hinweg unter katastrophalen Bedingungen. Den gefangenen Offizieren der k.u.k. Armee ging es jedoch oftmals besser: Sie durften zu keinerlei Arbeiten herangezogen werden, erhielten Geld und ihre Lager waren häufig in einem besseren Zustand. Doch ihr Alltag war von Langweile und Monotonie geprägt, sodass sich vielerorts unterschiedliche Formen künstlerischer Betätigung entwickeln konnten, die als gern gesehene Ablenkung praktiziert wurden. Die Musik wurde so zu einem wichtigen Bestandteil des Alltags der Kriegsgefangenen, die Orchester und Musikkapellen gründeten. Die Instrumente wurden aus den vorhandenen Materialien selbst angefertigt, Noten aus dem Gedächtnis niedergeschrieben, Stücke selbst komponiert. So wurde nicht nur die eigene Lebenssituation verbessert, sondern auch für die Unterhaltung der anderen Kriegsgefangenen gesorgt. Die hier abgebildete Geige stammte von Dr. Arnold Genal, dem Arzt des Feldkanonenregiments Nr. 7, und trägt neben den Unterschriften vermutlich der Orchestermitglieder die Inschrift „Unserem Mitgliede Rgmt Arzt Dr. A. Genal zur Erinnerung das Offizier Plenni Orchester Blagowuestschensk [sic!] 1918“. Arnold Genal war als Arzt an der Ostfront bei einem Hilfsplatz eingeteilt. Er wurde von den vorstürmenden russischen Truppen am 30. August festgenommen und in russische Kriegsgefangenschaft überführt, aus der er erst 1920 zurückkehrte.

Neben den Kriegsgefangenen kamen auch Flüchtlinge aus den Frontgebieten. Vor allem aber wurden Menschen – vornehmlich aus Galizien –, die verdächtigt wurden, mit dem Feind zu sympathisieren, zwangsweise in Lager im Hinterland gebracht. Am 1. 12. 1914 waren bereits 6.000 sogenannte „Ruthenen“ im Lager Thalerhof zwangsinterniert, ohne ein kontrolliertes Rechtsverfahren. Darunter waren Männer, Frauen, Kinder und Alte. Weit über 1.000 davon verstarben im ersten Jahr der Gefangenschaft an den Folgen von Epidemien. Heute erinnert eine Gedenkstätte an diese unglücklichen Menschen, die ihre Verschickung oft nur der Denunziation durch neidische Nachbarn zu verdanken hatten.

Auf die Aufgabe, das Massenphänomen Lager logistisch zu bewältigen, waren die kriegsführenden Parteien schlecht vorbereitet. So dauerte es Monate, ehe die Lager zumindest den humanitären Mindeststandards entsprechen konnten.

Mit dem für Österreich-Ungarn ungünstig verlaufenden Krieg an der Ostfront und dem russischen Vorstoß nach Galizien und der Bukowina setzten aus den von Kriegshandlungen betroffenen Gebieten Flüchtlingsströme ins Hinterland ein. Tausende Menschen verließen dabei nicht immer freiwillig ihre Heimat. Viele der polnischen, ruthenischen und jüdischen, ab 1915 auch italienischen Flüchtlinge kamen so in die Steiermark, wo etwa in Wagna bei Leibnitz ein Flüchtlingslager errichtet wurde, das im Winter 1914 bereits mehr als 14.000 Menschen beheimatete.

Nach „hinten“ kamen auch eigene Soldaten. Auf Urlaub von der Front, was als glückhaft empfunden werden konnte, oder aber als Verwundete, oft mit amputierten Gliedmaßen oder Verstümmelungen.

Gruppenausnahme der Belegschaft und Patienten des Vereinsrekonvalenszentenhauses vom roten Kreuz in Radkersburg, o.J., Fotograf unbekannt. Leihgabe: Museum im Alten Zeughaus, Bad Radkersburg

Und es kamen psychisch Beschädigte, die „Zitterer“, die schon in den „Letzten Tagen der Menschheit“ von Karl Kraus sprachlos die Szene bevölkern. Für sie hatte der vormals in Graz lehrende und ordinierende Nervenarzt Julius Wagner-Jauregg den Elektroschock weiterentwickelt, wobei in einer einmaligen Sitzung Schmerzen zugefügt wurden, die den „Simulanten“ vom wirklich Kranken unterscheidbar machen sollten.

 

Und zurück kamen die Toten, sofern sie nicht in den Massengräbern oder unbestattet an der Front verblieben.

Museum für Geschichte

Sackstraße 16
8010 Graz, Österreich
T +43-316/8017-9800
geschichte@museum-joanneum.at

 

Öffnungszeiten
Mi-So, Feiertag 10 - 17 Uhr

 

10. Juni

24. bis 25. Dezember
31. Dezember