Schaffen & Scheitern

Menschen erkunden und erforschen seit jeher die Natur mit dem Ziel, sich Naturräume anzueignen und sie für ihre Bedürfnisse passend zu machen. Auch an der Mur erscheint die Menschheitsgeschichte als endloser Versuch, den Fluss zu bewältigen und zu beherrschen.

Schrittweise wurde so aus dem Naturraum Mur eine Kulturlandschaft, die sich stets verändert und erneuert: durch kulturelle Verdichtung, technologische Erhitzung, Bildung und Verfall von Wirtschaftszentren sowie durch politische Spannungen, Abweichungen und Umdeutungen.

Siedlungen und Städte an der Mur

Schon für die Altsteinzeit lassen sich an der Mur vereinzelt menschliche Spuren nachweisen. Hinweise auf frühe jungsteinzeitliche Siedlungen gibt es im Gebiet um Graz, im Leibnitzer Feld oder in Mureck. Das Leben am Wasser bewährte sich auch in den folgenden Jahrtausenden: Die Mur erlaubt räumliche Orientierung, sie spendet Trink- und Nutzwasser für Menschen und Tiere auch als wichtige Ressource für Ackerbau und Handwerk. Fische und andere Wassertiere bereichern den Speiseplan. Der Fluss ist Barriere, wird zur Verteidigung genutzt und spielte schon früh eine Rolle als Verkehrsweg.

            

Ein Blick unter Wildoner Erde

            

 

Wildon ist seit Jahrtausenden kontinuierlich besiedelt. In den 1920er-Jahren fand man am Buchkogel bei Wildon ein Bronzedepot aus der Urnenfelderzeit (9. Jh. v. Chr.). Es enthält 38 Waffen und Werkzeuge wie Sicheln, Lappen- und Tüllenbeile sowie Schmuck. Das Niederlegen von Bronzeobjekten in Depots war in der Urnenfelderzeit durchaus üblich – die Gründe dafür sind aber unbekannt. Vielleicht wurde wie wertvolle Bronze vor Räubern versteckt, als Rohstoff für neue Objekte eingelagert oder als Weihgabe für die Götter deponiert.

 

            

Städte an der Mur

            

 

Die Mur war ein essenzieller Faktor für mehrere Stadtgründungen: Bruck („Ad pruccam“) wird 860 erstmals als Siedlung belegt und wuchs über Jahrhunderte zu einem wichtigen Knotenpunkt heran. Judenburg entstand im 11. Jahrhundert aus einer Kaufmannssiedlung und gelangte im Spätmittelalter zu seiner wirtschaftlichen Blüte. Leoben („Liupina“) wurde im Jahr 904 zum ersten Mal genannt. Nach Verlegung der Stadt in die „Murschleife“ erfolgt 1314 ihre erste Nennung als Eisenhandelsplatz. Frohnleiten wurde um 1280 gegründet – nach dem Bau der Murbrücke. Diese und weitere Mur-Städte sind über Jahrhunderte
„geworden“: Zunächst mit einfachen Mitteln angelegt, wurden sie im Laufe der Zeit mit festen Häusern, Straßen und Plätzen in ihren Umrissen definiert, mit Festungsbauten gesichert und über Scharniere mit dem Fluss verbunden. In Kirchen und Rathäusern, in prachtvollen Wohn- und Wirkungsstätten bedeutender Familien ist die Glanzzeit der einstigen Zentren eingefroren. Die Mur spendete Brauch- und Trinkwasser, lieferte Nahrung und war ebenso Mülldeponie wie Energieträger. Sie stützte die Verteidigung und ermöglichte weitreichende Handelsbeziehungen – schon lange bevor es ein gut ausgebautes Straßennetz gab.

 

            

Die Handelsgüter

            

 

Der Aufstieg der Städte an der Mur war eng verbunden mit der Schifffahrt und Flößerei. In deren Blütezeit im 15./16. Jahrhundert war Bruck ihr Zentrum: Menschen und Güter wurden von hier aus flussabwärts bis nach Graz oder Radkersburg gebracht. Die wichtigsten Handelsgüter waren Holz, Roheisen, Eisenprodukte und Salz. Flöße wurden am Zielort zerlegt und das Holz verkauft, während Schiffe mithilfe von Pferden wieder in Richtung Norden gelangten. Das wichtigste Transportgut flussaufwärts war der Wein, aber auch Honig wurde in großen Mengen befördert. Die wirtschaftliche Entwicklung einer Stadt konnte in Bezug auf bestimmte politische Ziele mittels „Privilegien“ beeinflusst werden. 

            

Mur und Stadtsicherung

            

 

Ein wichtiges Merkmal der mittelalterlichen und neuzeitlichen Stadt ist ihre Befestigung mittels Mauern, Gräben und Festungsbauten. Auch die Mur diente der Stadtsicherung: Bruck (13. Jh.), Radkersburg (16. Jh.)
oder die Festung Novi Zrin (17. Jh) wurden von der Mur umschlossen – als natürliche Grenze und Schutzwall. Murwasser konnte aber auch in den Stadtgraben geleitet werden. Die Nähe der Mur zur Stadt hatte allerdings auch Nachteile: Einerseits bestand Hochwassergefahr, andererseits trennte der Fluss ganze Stadtteile ab, die aufgrund ihrer Lage nicht in das Befestigungssystem eingebunden werden konnten.

            

Sterben in der Mur

            

 

Die Mur hat entscheidend zur Entwicklung und Blüte von Gemeinden und Städten beigetragen. Die Mur war aber immer auch ein gefährlicher Ort, an dem Menschen ihr Leben verloren: Sie ertranken, gelangten im Zuge von Gewaltverbrechen in den Fluss, aber auch zahlreiche Selbstmorde sind belegt. Heute berichten die Medien von diesen unglücklichen Vorfällen, während für frühere Zeiten etwa Sterbebücher als Quellen dienen, wie dieses Grazer Sterbebuch aus dem 17. Jahrhundert.

 

Überwinden des Flusses

Brücken sind Zeitdokumente: Sie widerspiegeln das technische Können einer Zeit und beeinflussen Wirtschaft und Mobilität. Ihre Zahl und Zugänglichkeit prägt den Alltag der Menschen. Ob aus Stein, Holz oder Eisen errichtet – Bau und Erhaltung von Brücken waren stets aufwendig und kostenintensiv. Frühe Brücken gab es in Bruck (9. Jh.), in Frohnleiten und in Lantscha bei Leibnitz. Zwischen Frohnleiten und Lantscha gab es bis in das 15. Jahrhundert nur eine einzige weitere Murbrücke – und zwar in Graz. Heute führen allein in der Steiermark mehr als 40 Brücken über die Mur. „Feinde“ der Brücken sind Hochwasser, Kriege – und technischer Fortschritt.

            

Geschichte einer Brücke

            

 

Die Grazer „Hauptbrücke“ wird als älteste Brücke der Stadt erstmals 1361 erwähnt. Für vier Jahrhunderte sollte sie auch die einzige Brücke bleiben. Erneuert wurde sie regelmäßig nach Hochwasser und infolge technischer Neuerungen: So entstand im 17. Jahrhundert eine Brücke mit Jochen, „Thorheusl“ und einer im Notfall absperrbaren Aufziehbrücke. 1752 tauschte man die hölzernen Joche gegen gemauerte. Nach dem Hochwasser von 1813 wurde die Brücke mit Buden auf beiden Seiten des Flusses erneuert. Als sie 1827 abermals Wasserfluten zum Opfer fiel, baute man eine Kettenbrücke mit Kettenhäusern. 1890 wurde sie durch eine Eisenbrücke mit Mittelpfeilern ersetzt. Diese Brücke stand nicht einem Hochwasser im Wege, sondern den Verkehrsplanungen der 1960er-Jahre: 1964/65 entstand die heutige Brückenverbindung aus Stahlbeton. Seit 2009 heißt sie Erzherzog-Johann-Brücke und ist eine von 18 Brücken und Stegen, die derzeit in Graz über die Mur führen.

            

Brücken als "heiße Orte"

            

 

Brücken sind Treffpunkte, Übergänge und Grenzen. An ihnen wird gearbeitet, verwaltet und verhandelt. Sie sind für ganz verschiedene Personengruppen aus unterschiedlichen Gründen von Belang – ein gutes Beispiel ist die Grazer Weinzöttlbrücke: Für die Flößer stellte sie über Jahrhunderte das letzte Hindernis vor Graz dar. Stromschnellen führten zu teils tödlichen Unfällen. Schon im späten 18. Jahrhundert versuchte man hier Regulierungen. Die zwei Grazer Mühlgänge nahmen bei der Brücke ihren Ausgang, und in der frühen Neuzeit wusch man hier nahe Weinzödl Gold. 1809, als der Schloßberg von französischen Truppen belagert war, wurde die Weinzöttlbrücke zum Verhandlungsort. Immer wieder war die Brücke von Hochwasser betroffen. Mit Errichtung des Kraftwerks und dem Bau der Neuen Brücke entwickelte sich der Bereich um die alte Brücke zum toten Ort. Seit den frühen 1920er-Jahren bemühte sich eine Bürgerinitiative um ihren Erhalt als Fußgängersteg. In den 1950er-Jahren wurde die Brücke – unterstützt durch die Feuerwehr – abgetragen.

            

Brücken im Winter

            

 

In strengen Wintern friert die Mur mitunter zu. Um Brücken vor Zerstörungen zu schützen, wurde das Eis aufgebrochen oder gesprengt. Für den Winter 1879/80 wird berichtet, dass sich auf der Mur eine bis zu zwei Meter dicke Eisdecke über eine Strecke von über 100 Kilometern hinzog. Bei Weitersfeld versuchte man sich mit Sprengungen vom Eis zu befreien. Diese Fotos aus dem Jahr 1929 zeigen die eisbedeckte Mur im Raum Radkersburg.

Überwinden von Distanz

Als Straßennetze noch schlecht ausgebaut waren, boten Flüsse die Gelegenheit, auch große Distanzen in kurzer Zeit zu überwinden. Dies ermöglichte – auch an der Mur – die Zirkulation von Waren und Menschen, Fertigkeiten und Informationen. Je nach dem Stand der Technik wurden unterschiedliche Fortbewegungsmittel genutzt. Jahrhundertelang haben Schiffe, Flöße und Plätten das Bild der Mur geprägt. Mit der Erfindung der Eisenbahn hat sich dieses Bild verändert und es wurden neue (Handlungs-)Räume erschlossen.

            

Rollen in der Mur: Murnockerln

            

 

Lange vor dem Menschen bewegten sich Steine mit der Mur: Durch Verwitterung und Erosion lösen sich Gesteinstrümmer aus dem Fels. Schneeschmelze oder Starkregen setzen sie in Bewegung. Je nach Ausgangsgestein und Transportweg ergibt sich mit der Bewegung eine bestimmte Korngröße und Form. Die bekannte Rundung der „Murnockerln“ entsteht weniger durch das Wasser als durch das Aneinanderstoßen der Steine. Diese geben bei genauer Betrachtung Aufschluss über ihre Herkunft. Wie lange ein Stein zur Überwindung einer bestimmten Distanz benötigt, kann allerdings nicht seriös bestimmt werden.

            

Fahren auf der Mur: Schiffe, Plätten, Flöße

            

 

Jahrhundertelang bewegten sich Menschen mit Flößen, Plätten und Schiffen über den Fluss. Der Warentransport auf der Mur wurde im 13. Jahrhundert erstmals urkundlich belegt. Die älteste Urkunde zur Schifffahrt stammt aus dem Jahr 1380. Ausgangspunkte der Flößerei waren Bruck oder Leoben. Endpunkt der Transportstrecke auf der Mur war – ausgenommen in Kriegszeiten – Radkersburg. Bei Schönwetter dauerte die Fahrt vom steirischen Oberland in den Süden zwei Tage. Quellen belegen, dass solche Fahrten nicht ungefährlich waren: Ganze Ladungen gingen unter und Menschen ertranken. Flöße und Plätten wurden  nach Ankunft am Zielort zerlegt. Schiffe bewegte man durch Menschen- oder Pferdekraft auch flussaufwärts. Bis zu 16 Pferde zogen ein Schiff – ein relativ teures Unterfangen. Die Rückfahrt auf dem Landweg dauerte in der Regel zwölf Tage. Der Wasserweg war bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts die einzige halbwegs kostengünstige Möglichkeit, Schwerlasten und große Gütermengen zu befördern. Die Schifffahrt auf der Mur endete bereits im 17. Jahrhundert: Nach Leoben fuhr das letzte Schiff 1643, nach Bruck 1673. Grund dafür war die zunehmende Verwilderung der Mur. Die Flößerei hingegen existierte bis in das 20. Jahrhundert: 1898 verkehrten auf der Mur 2728 Flöße, wie aus einem Bericht der k.k. Statthalterei in Graz hervorgeht. Beim Bau des E-Werks (1903) wurde beim Murwehr in Oberaich noch eine Floßgasse eingerichtet.
 

            

Fahren an der Mur: die Eisenbahn

            

 

Im 19. Jahrhundert bekam die Flößerei Konkurrenz durch die Eisenbahn: Ab 1842 wurde die Südbahn von Mürzzuschlag über Bruck bis Graz gebaut. Größte Herausforderung war die Absprengung der Badlwand bei Peggau: Die fast senkrechten Felsen reichten bis unmittelbar an das Ufer der Mur. An der Sprengung der Felswände bis auf eine Höhe von 15 Metern waren mehr als 1000 italienische Arbeiter beteiligt. So entstand die „Badlwandgalerie“, die im Bett der Mur gründet und eine Sensation darstellte. Sogar das Kaiserpaar machte hier Station auf seiner „Reise in die Küstenlande“ (1845). Ab 1893 wurde die Murtalbahn gebaut, die als Lokalbahn von Unzmarkt über Murau und Tamsweg nach Mauterndorf in Salzburg führt. In nur 316 Arbeitstagen wurde die 76 Kilometer lange Strecke mit 3 Tunneln und 5 großen Brücken fertiggestellt. 12 Bahnhöfe und 14 Haltestellen gaben Gelegenheit zum Zu- und Aussteigen. 7 Wasserstationen dienten der Versorgung der Dampflokomotiven. Die ersten Betriebsjahre der Murtalbahn verliefen schleppend. Erst als der Holztransport konsequent auf die Schiene verlegt wurde, kam es zu einer Beförderungszunahme und schließlich zum Erliegen der Flößerei.
 

Wassergewalt

Hochwasser sind an Flüssen nichts Außergewöhnliches, doch diese natürlichen Grenzverschiebungen zwischen Land und Wasser sind für den Menschen mitunter katastrophal. Immer wieder zerstörte die Mur Siedlungsraum und Kulturflächen, verwüstete Felder, trug Häuser fort, tötete Vieh und Menschen, löschte ganze Dörfer aus. Dem menschlichen Streben nach Sicherheit stehen Hochwasser diametral entgegen – sie zeigen, wie verwundbar der Mensch ist. Auch deshalb haben sie einen fixen Platz im Gedächtnis der betroffenen Menschen und Gemeinschaften.

            

Das Hochwasser von 1965

            

 

Die Geschichte der Mur ist eine der unzähligen Hochwasser. Beispielhaft sei das Hochwasser von 1965 vorgestellt, das den Fluss auf weiten Strecken über seine Ufer treten ließ. Gestützt durch Zeitungsberichte, Fotos und Filme hat sich die Katastrophe in das zeithistorische Gedächtnis der Steiermark ebenso eingeschrieben wie in das Sloweniens oder Kroatiens.

            

Hoffen auf Gottes Hilfe

            

 

Die römisch-katholische Kirche begegnete den Gewalten der Mur mit einer Art vormodernem Versicherungswesen, das sich in Kirchenbauten und der Anbetung von Schutzheiligen manifestierte: Gott sollte Schaden abwenden und vor Unheil bewahren. Auch wenn Wissenschaft und Technik nicht den erhofften Erfolg brachten, wurden Leid und Zerstörung als Gottes Wille interpretiert. In der Gegenwart werden unzureichende Schutzmaßnahmen nicht mit göttlichem Willen gerechtfertigt. Vielmehr verweist man oft auf die „Einmaligkeit“ von extremen Ereignissen – zum Beispiel auf „Jahrhunderthochwasser“. In der Steiermark finden sich zahlreiche Kirchen und Kapellen, die dem heiligen Nikolaus geweiht sind – einige direkt an der Mur: in Judenburg, Pischk bei Bruck, Wundschuh, Stadl an der Mur und im Schloss Goppelsbach. Als Schutzheiliger der Seefahrer, Schiffer und Flößer wird Nikolaus besonders von der Flößerzunft verehrt. Neben Kirchen und Kapellen sollen Bildstöcke, Kreuze und Schutzheilige an Brücken vor den Gefahren der Mur schützen.

            

Vertrauen in Technik und Wissenschaft

            

 

Ab dem 16. Jahrhundert versuchten die Menschen zunehmend, die Mur in einen bestimmten Sollzustand zu bringen – sie zu regulieren. In der Vormoderne beschränkte sich dieses Tun auf einzelne Eingriffe, wobei sich Aktivität und Kreativität aus Erfahrungswissen speisten. Mit der systematischen Regulierung der Mur sollte der Fluss berechenbar werden. Flussregulierungen widerspiegeln stets den Stand der Technik einer Zeit und sind auch Ausdruck politischer Handlungsfähigkeit. Die erste große Murregulierung erfolgte unter Maria Theresia: 1775 wurde mit Regulierungsarbeiten von Wildon bis Radkersburg begonnen, doch unter Joseph II. wurden die Arbeiten eingestellt und der Fluss verwilderte. Einzelne Regulierungsmaßnahmen erfolgten anlassbezogen: Zu sehen sind Maßnahmen im Raum Graz nach dem Hochwasser von 1827. Die größte Mur-Regulierung erfolgte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter der Leitung von Franz Ritter von Hohenburger. Seine Analyse, Planung und Umsetzung erfolgte auf wissenschaftlichrationaler Basis. Hohenburger wollte die Mur zwischen Graz und der steirisch-ungarischen Grenze bei Untermautdorf/Mota in einen Hauptarm zwingen. Dadurch wurde die Mur um rund 15 Kilometer verkürzt. Neu gegenüber früheren Projekten war, dass die Regulierungsarbeiten an mehreren Stellen gleichzeitig begonnen wurden. Sinkwalzen, Faschinenbauten, Flechtwerke und Kiessteinpflasterungen kamen zum Einsatz.

            

Folgenreiche Eingriffe

            

 

Regulierungen und Bebauungen der Mur haben zwar die Hochwassergefahr gebannt, aber den Flussraum auch nachhaltig verändert: So gibt es heute im Bereich der österreichisch-slowenischen Grenzstrecke das Problem der Sohleeintiefung: Die Laufverkürzung der Mur hat in Kombination mit dem Geschieberückhalt durch die Kraftwerke flussaufwärts dazu geführt, dass sich die Mur bis zu 1,5 Meter eingegraben hat. Gegenmaßnahmen werden beispielsweise durch eine Verbreiterung des Flussbettes gesetzt. Auch auf die Tierwelt wirken sich Flussregulierungen aus: Viele Arten sind auf die Dynamik des Flusses angewiesen. So braucht der Eisvogel sogenannte Prallhänge, um zu nisten. Als Prallhang bezeichnet man das kurvenäußere Flussufer, das durch die hier stärkere Strömung abgetragen wird. In diesen steilen Erdhang baut der Eisvogel Röhren für seine Jungen. Eine entsprechende Distanz zum Boden bzw. Fluss schützt die Jungvögel vor Nesträubern und bei Hochwasser. Als die Mur noch stark verzweigt war, breitete sich an den Ufern bis zu zwei Kilometer weit der Auwald aus. Überschwemmungen sorgten regelmäßig für einen hohen Nährstoffgehalt im Boden, was zu einer großen Artenvielfalt führte. Das Absinken des Grundwassers und das seltenere Vorkommen von Überschwemmungen haben Anzahl und Fläche der Auwälder reduziert. Artenreiche Waldbestände wurden so im Laufe der Zeit zu landwirtschaftlichen Nutzflächen.

            

Gegenmaßnahmen: Renaturierung

            

 

Der Mensch hat die Mur verändert und Probleme geschaffen, die er heute mühsam zu beseitigen versucht. So wird das Flussbett nun wieder aufgeweitet, Seitenarme werden reaktiviert, Wanderhilfen für Fische angelegt, Laichgewässer angelegt oder Auwälder wieder hergestellt. Diese Maßnahmen finden im Zuge des Hochwasserschutzes statt. Wasserbauliche Ziele sind heute weiter gefasst als noch vor ein paar Jahrzehnten. Es geht längst nicht mehr nur um den Schutz von Siedlungs- und Kulturräumen, sondern auch um den Schutz des Flusses als Ökosystem. In Anerkennung der umfangreichen Renaturierungsmaßnahmen in den letzten Jahren erhielt das Land Steiermark, Abteilung 14, Wasserwirtschaft, Ressourcen und Nachhaltigkeit im Jahr 2014 den „European Riverprize“, eine internationale Auszeichnung für nachhaltiges Flussgebietsmanagement.

Wasserkraft

Das Mühlrad ist bereits seit der Antike bekannt. In der vorindustriellen Zeit war es vor allem wichtig, um Sägen und Mühlen anzutreiben. Als technische Innovation des 19. Jahrhunderts wurde die Turbinentechnik eingeführt und zur Gewinnung von elektrischem Strom eingesetzt. An der Mur hat sich die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert als Phase des Übergangs gestaltet: Alte und neue Formen der Energiegewinnung, Mühlrad und Kraftwerk existierten nebeneinander.
 

            

Mühlen und Kraftwerke

            

 

Wassermühlen sind in der Steiermark seit dem 11. Jahrhundert belegt, treten aber erst zwei Jahrhunderte später vermehrt auf. Die Grazer Rösselmühle in der Oeverseegasse ist die älteste Mühle der Stadt, sie wurde im Jahr 1270 erstmals urkundlich erwähnt. Ihren Namen hat sie von den Zugpferden, welche dort bis Ende der 1950er-Jahre eingesetzt wurden. 2014 wurde die Rösselmühle geschlossen. 1903 wurde in Lebring, rund 30 Kilometer südlich von Graz, das erste Murkraftwerk in Betrieb genommen. Zu den ersten Stromabnehmern des Kraftwerks zählten die Brauerei Puntigam, die Zementfabrik Werndorf, die Bahnhöfe im Raum Graz und Gemeinden wie Liebenau oder St. Peter. 1906 begann der Bau des zweiten Kraftwerks: Peggau-Deutschfeistritz. 1910 wurde es mit dem Werk in Lebring zur „Steiermärkischen Elektrizitäts-AG" (STEG) zusammengeschlossen. Auch Kleinkraftwerke stützten das regionale Stromnetz: 1893 genehmigte die k.&k. Steiermärkische Stadthalterei die Errichtung von zwei Murkraftwerken zur Versorgung der Papierfabrik Brigl & Bergmeister in Niklasdorf. 

Murverschmutzung

Abfallentsorgung in Flüssen hat eine lange Tradition: Schon in mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Städten haben verschiedene Gewerbe die Flüsse und Ufer verunreinigt. Ab dem 19. Jahrhundert wurden industrielle Abwässer mit giftigen, biologisch nicht abbaubaren Substanzen in die Flüsse geleitet. Auch die neu entstandenen Kanalsysteme verhinderten nicht, dass Haushaltsabwässer mehr oder weniger ungeklärt in die Gewässer gelangten. Viele Flüsse entwickelten sich zu offenen Abwasserkanälen, die als ungesunde bzw. gefährliche Orte wahrgenommen wurden. Erst das Flusssterben führte zu einem Bewusstseinswandel und zur Einleitung von Rettungsmaßnahmen.
 

            

Verschmutzung

            

 

In Graz war die Mur bis in das 20. Jahrhundert der Entsorgungskanal. Anschaulich beschrieben wird diese Situation im sogenannten Grazermärchen. Es wurde 1786 von einem anonymen Autor veröffentlicht und gibt einen Einblick in lokale Gegebenheiten sowie Herausforderungen im ausgehenden 18. Jahrhundert. Wie die Gütebilder der Fließgewässer zeigen, war die Mur im Jahr 1970 in einem sehr schlechten Zustand. Wesentlich beteiligt daran waren die Abwässer aus den Papier- und Zellstofffabriken sowie andere gewerbliche, industrielle und kommunale Abwässer. Die Verschmutzung der Mur hatte massive Auswirkungen auf die Tierwelt, sensible Arten wie die Äsche litten besonders darunter. Deutlich verbessert hat sich die Wassergüte ab der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre: Verschiedene Sanierungsprogramme wirkten, allen voran das „Mursanierungsprogramm“, das 1985 im Rahmen des sogenannten Murgipfels beschlossen wurde. Als Hauptverschmutzer wurden die Industriebetriebe an der Mur verpflichtet, u. a. betriebsinterne Abwasserkreisläufe zu schließen und biologische Anlagen zu errichten. Bund und Land unterstützten dieses Programm finanziell, und die Einrichtung einer Murkommission sollte die Einhaltung der beschlossenen Maßnahmen garantieren. In den 1990er-Jahren erwies sich die Mursanierung als wirksam, und im Jahr 2000 wurde die Mur nie unterhalb der Güteklassen I–II bzw. II eingestuft.

Die gesetzlich geregelte Mur

Privilegien und Verordnungen, Erlässe und Richtlinien, Gesetze und Maßnahmenkataloge: Das Leben an der Mur war immer Gegenstand von Ordnungsversuchen. Wechselnde Autoritäten regelten den Warenverkehr, definierten Mauttarife, garantierten die Schiffbarkeit, entschieden über die Nutzung von Wassertieren, erfanden und löschten Grenzen oder sanktionierten die Verschmutzung des Flusses. Scheinbar gab es an der Mur im Laufe der Jahrhunderte keine einzige Entwicklung, die nicht früher oder später zu einem Gegenstand politischer Entscheidungen werden sollte. Aus jeder Regelung spricht dabei eine Zeit mitsamt ihren spezifischen Bedingungen und Möglichkeiten, Problemen, offenen Fragen und Neuerungen, die stets zu neuen Regeln führten.

Die Mur als heißer Ort im 20. Jahrhundert

Mitteleuropa im 20. Jahrhundert: Entlang der politischen Konflikte und militärischen Tatorte entstehen Grenzen. Grenzen bestimmen Raum neu: Sie bilden Barrieren und Bruchlinien, durchtrennen Nervenstränge, schicken Städte ins Abseits, schaffen Peripherien. Sie bestimmen über Bewegung und Handlungsspielräume der Menschen. Grenzen bringen neue Namen und Sprachen mit sich, die wiederum von Besitznahme und Aneignung zeugen. Doch Grenzlinien sind auch Brücken, Drehkreuze und Tore in einen anderen Raum. Sie sind Konstrukte auf Zeit, deren Scheitern vorprogrammiert ist: Einmal gesetzt, provozieren sie Abweichung undUnterwanderung. Mit ihrer Auflösung sortieren sich Räume neu.

            

Brücke in Radkersburg

            


Die politische Geschichte des 20. Jahrhunderts findet sich an einem Punkt verdichtet: an der Hauptbrücke in Bad Radkersburg. Im Herbst 1919 definierte der Friedensvertrag von St. Germain den Hauptverlauf der Mur über rund 30 Kilometer als Grenze zwischen Jugoslawien und dem politischen Bezirk Radkersburg. Die Stadt Radkersburg war fortan geteilt, ihre Vorstadt gehörte nun zu Jugoslawien und wurde zur Marktgemeinde Gornja Radgona. In den Folgejahren erlebte Radkersburg einen wirtschaftlichen Abstieg. Mit der „anderen Seite„ verbunden war Radkersburg über die letzte Murbrücke aus Holz, deren österreichischer Teil im März 1929 von einem Eisstoß zerstört wurde. 1930 wurde eine neue Eisenbetonbrücke eröffnet – ein österreichisch-jugoslawisches Gemeinschaftswerk. Zur neuen Grenzbrücke entstand auch das Zollhaus. 1945 wurde die Brücke im Zuge von Kriegshandlungen gesprengt. Erst im Herbst 1952 konnte eine erste Behelfsbrücke eröffnet werden, eine zweite folgte 1967. 1969 wurde die neue Grenzbrücke in Radkersburg ihrer Bestimmung übergeben – zur Eröffnung waren sowohl Bundespräsident Jonas als auch Marschall Tito angereist. 1991 wurde auch bei der Murbrücke um Sloweniens Unabhängigkeit von der Volksrepublik Jugoslawien gekämpft. Im Mai 2004 trat Slowenien der EU bei, was auch auf der Brücke gefeiert wurde. Im Dezember 2007 trat das Schengen-Abkommen in Kraft: Es sah die Abschaffung der stationären Grenzkontrollen an den Binnengrenzen der teilnehmenden EU-Staaten vor – und somit auch in Radkersburg. Die Grenzkontrollstelle auf der Brücke wurde 2010 abgerissen. Teile der Zollanlage auf österreichischer Seite werden heute als Kulturhaus genutzt.

            

Doppelbesitz und Poröse Grenze

            

 

Grenzräume sind immer auch Kontakträume. Sie bedingen gemeinsame Geschichte, sind Passagen, Zonen des Austauschs. Auch an der Mur gab es diese Zone des Austauschs, innerhalb und außerhalb des gesetzlichen Rahmens: Gesetzlich geregelt war ab 1953 der sogenannte Kleine Grenzverkehr: Er ermöglichte rund 400 Bürgerinnen und Bürger aus Österreich und 50 aus Jugoslawen den Zugang zu ihren Liegenschaften, die im jeweils anderen Staat lagen. Später wurden in die Regelung auch Forstarbeiter, Ärztinnen, Tierärzte oder Hebammen einbezogen. Im klar definierten Rahmen konnte die Bevölkerung der Region die Grenze zu Zwecken des Konsums und zur Pflege sozialer Kontakte mit besonderen Ausweisen übertreten. Doch auch außerhalb des gesetzlichen Rahmens erwies sich die Grenze als porös: Flüchtlingen ist ein eigener Bereich im Kapitel „Soziale Praxis“ gewidmet. Ohne wirtschaftliche und politische Motive überschritten bzw. überschwammen Kinder und Jugendliche die Mur und stellten damit die gegebenen Ordnungen infrage.
 

            

Jugoslawienkrieg und der Grenzkonflikt zwischen Kroatien und Slowenien

            

 

Am 25. Juni 1991 erklärte Slowenien seine Unabhängigkeit. In der Folge griff die Jugoslawische Volksarmee strategisch wichtige Punkte in Slowenien an. In Gornja Radgona kam es auch im Bereich der Murbrücke zu schweren Kämpfen zwischen jugoslawischen und slowenischen Truppen. Daraufhin verlegte Österreich Soldaten in die Region: Radkersburg wurde besetzt, die Brücke gesichert, die Bevölkerung mit Sicherheitsanweisungen versorgt. Am 3. Juli verließ die Volksarmee ohne weitere Eskalation das schwer beschädigte Gornja Radgona. Noch am selben Nachmittag trafen sich der Vertreter der österreichischen Zollwache und der Kommandant der slowenischen Miliz in der Region Murska Sobota auf der noch gesperrten Grenzbrücke. Obwohl der Zerfall Jugoslawiens mehr als 20 Jahre zurückliegt, besteht noch immer kein Abkommen über den Verlauf der Staatsgrenzen zwischen Kroatien und Slowenien entlang der Mur. Basis der versuchten Grenzziehung Anfang der 1990er-Jahre waren die Katastergrenzen aus der Zeit Maria Theresias. Da die Mur ihren Verlauf seither immer wieder verändert hat, ist die Zugehörigkeit von mehr als 200 Hektar Land strittig. Mehrere Anläufe zur Lösung sind gescheitert. Die EU-Kommission sieht in der Auseinandersetzung ein rein bilaterales Problem. Ein internationales Schiedsgericht wurde eingesetzt.

            

Die Mur als innerstädtische Grenze am Beispiel Judenburg: geteilte Stadt

            

 

Im Süden der Steiermark wurde die Mur zur Staatsgrenze, doch auch als innerstädtische Grenze war sie im 20. Jahrhundert ein heißer Ort: Politische Entwicklungen ordnen Städte neu – oft mit schweren Folgen für die lokale Bevölkerung. In Judenburg wurde die Murbrücke mit Ende des Zweiten Weltkriegs zur Demarkationslinie, der von den Alliierten festgelegten innerstädtischen Grenze. Wo die Mur lange Zeit ein verbindendes Element der Stadt war, wurde sie nun zur Barriere, die Wohn- von Arbeitsstätten sowie Menschen voneinander trennte. In das zeithistorische Gedächtnis der Stadt hat sich diese Zeit als traumatisch eingebrannt, in den Köpfen der Menschen ist sie bis heute präsent.

            

Die Mur als innerstädtische Grenze am Beispiel Judenburg: Übergabe der Kosaken

            

 

Auf der Konferenz von Jalta im Februar 1945 verpflichteten sich Amerikaner und Briten gegenüber Stalin, alle bei Kriegsende in ihrem Bereich befindlichen Sowjetbürger/innen an die Rote Armee zu übergeben. Judenburg befand sich an der Zonengrenze und wurde zum Transferraum für sowjetische Staatsbürger/innen. Die Hauptbetroffenen waren Kosaken und Kaukasier, die auf Seite der Deutschen gegen die Rote Armee gekämpft hatten. In Vorausahnung der sibirischen Lager kam es zu Selbstmorden: Soldaten, aber auch Frauen und Kinder öffneten sich die Pulsadern oder sprangen von der Murbrücke in den Tod.
 

Museum für Geschichte

Sackstraße 16
8010 Graz, Österreich
T +43-316/8017-9800
geschichte@museum-joanneum.at

 

Öffnungszeiten
Mi-So, Feiertag 10 - 17 Uhr

 

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