Warenhaus

Heute werden die großen, alten Warenhäuser Europas in Reiseführern vorgestellt, entstanden sind sie in der Zeit um 1900. In ihrer äußeren Erscheinung historischen Palästen gleich, weist der gezielte Einsatz moderner Technik in ihrem Inneren bereits in Richtung Zukunft.

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1912/13 schließt Kastner & Öhler mit seinem Neubau in der Grazer Sackstraße an dieses moderne Konzept an. So entsteht das erste Warenhaus der Monarchie. Bezeichnend für das neue Haus ist die Präsentation Hunderter Warengruppen auf mehreren Etagen. Die Lichtversorgung erfolgt elektrisch und ist durch die weitgehende Auflösung der Fassaden in Fensterflächen sichergestellt. Breit angelegte Treppenhäuser und Liftanlagen ermöglichten die rasche Zirkulation des Publikums. Cafés und Erfrischungsräume laden zum Verweilen ein. 

Das bürgerliche Publikum wird durch die attraktiv gestalteten Schaufenster förmlich ins Warenhaus hineingezogen. Einmal eingetreten, lädt die großzügige Architektur zum zwanglosen Flanieren ein. Das inszenierte Warenangebot sorgt für Staunen. Produkte werden geprüft, Konfektionsware anprobiert, Kaufentscheidungen getroffen. Die Preise sind fix, das Umtauschrecht garantiert.

Für den reibungslosen Betrieb sorgen schon um 1900 Hunderte Mitarbeiter*innen. Sie sind in Verkauf, Versand und Verwaltung, in der Schneiderei, Dekoration und im Café tätig. Mit klar geregelten Arbeits- und Urlaubszeiten, fixen Gehältern und Sozialleistungen gehören sie dem „neuen Mittelstand“ an.

Kastner & Öhler in der Sackstraße in Graz, 1899

Nachdem Carl Kastner und Hermann Öhler das Haus Sackstraße 7 erworben haben, beauftragen sie 1884/95 den Architekten Friedrich Sigmundt mit einem Erweiterungsbau. Unter Einbeziehung der angrenzenden Häuser in der Badgasse entsteht so das erste wirkliche Warenhaus der k. u. k. Monarchie. Zentrale Momente der Fassadengestaltung sind die Zusammenfassung der ersten beiden Etagen zu einer Einheit und die Beleuchtung der in den Schaufenstern präsentierten Waren mit außen liegenden Hängeleuchten.

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Warenhaus Kastner & Öhler Graz, sogenannte ‚Kleine Halle“ um 1900

Mit dem Warenhaus entwickelt sich eine neue Praxis des Konsums. Jede*r hat dabei eine eigene Rolle. Die großzügige Architektur und das umfangreiche Warenangebot laden das Publikum zum Flanieren und Staunen ein. Mit der Zunahme der Konfektionsware werden Kleidungsstücke zunehmend anprobiert. Die Rolle der Verkäufer*innen besteht darin, Produkte auf den Verkaufstischen vorzulegen, zu beraten, zu überzeugen und die – anders als in früheren Zeiten – vorab festgelegten Preise zu kommunizieren.

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Längsschnitt des Neubaus von 1912/13

Das Warenhaus des ausgehenden 19. Jahrhunderts ist ein Funktionsbau: Möglichst viele Menschen sollen hier den bestmöglichen Zugang zum Warenangebot erhalten. Das originäre Raumkonzept sieht eine offene Eingangssituation und groß angelegte Fensterfronten vor, die zum Eintreten ermutigen.  Der großzügige Umgang mit Raum und der Verzicht auf Trennwände erlaubt die übersichtliche Warenpräsentation. Aufwendige Treppenanlagen und Aufzüge sorgen für die effiziente Verteilung und Zirkulation des Publikums, diverse Servicebereiche werden zur Erholung während des Einkaufs bereitgestellt..

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Fassade Kastner & Öhler in der Grazer Sackstraße um 1913

Mit dem Schaufenster gewinnen die Warenhäuser ein monumentales Reklamemittel, um ihr Inneres als Versprechen nach außen zu tragen. Schaufenster sollen Publikum anlocken, dafür entsteht um 1900 der Beruf des Dekorateurs. Ihre Bedeutung reicht aber weiter: Sie verändern die Erscheinung der neuen Städte, machen sie bunter. Sie beeinflussen die Bewegung und die Gehgeschwindigkeit der Menschen im öffentlichen Raum. Mit Aufkommen des elektrischen Lichts werden sie beleuchtet und verändern so auch das Erscheinungsbild der nächtlichen Straßen.

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