Theater & Oper

Ob in Aussee, Gleichenberg oder Pettau/Ptuj – ein aufwendiger Theaterbau ist um die Jahrhundertwende der Stolz jeder Regionalmetropole. Mit öffentlichen Mitteln errichtet, zeugt er vom Geltungsanspruch der Kommune: Man will nicht hinter dem Glanz der größeren Städte zurückstehen.

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In Graz sind Theater und Oper seit dem 17. Jahrhundert mit wechselnden Aufführungsorten präsent. Im 18. Jahrhundert entsteht am Freiheitsplatz ein Theaterbau. Mitte des 19. Jahrhunderts erhält die Oper ihr erstes eigenes Haus – die Thalia am Stadtpark. Im späten 19. Jahrhundert werden die Architekten „Fellner & Helmer“ mit der Planung eines neuen Opernhauses beauftragt. Als renommiertestes Architektenduo der k. u. k. Monarchie sind sie landesweit omnipräsent. Ihr Entwurf für Graz sieht einen prachtvollen Zuschauerraum mit 1.200 Sitzplätzen und gut 40 Logen vor. 

Das bürgerliche Publikum möchte sich beim Besuch nicht nur an der Aufführung erfreuen. Man will klassisches wie modernes Programm auf dem Höhepunkt der Zeit und die lieb gewordenen Bühnenstars live erleben. Mindestens ebenso wichtig ist das Promenieren im Foyer während der Pausen. Hier kann man/frau die neue Abendgarderobe präsentieren. Hier wird das scheinbar zwanglose Gespräch gepflegt, es werden Entscheidungen vorbereitet und Verabredungen getroffen.

Orpheum in Graz, um 1915

1899, zeitgleich mit der Graz Oper, errichtet die „Erste Grazer Actien-Brauerei“ anstelle einer unrentablen Bierhalle einen luxuriösen, 936 Sitzplätze umfassenden Unterhaltungsbetrieb in Verbindung mit anspruchsvoller Gastronomie nach Wiener bzw. Pariser Vorbild. Das Programm gibt sich exotisch, erotisch und modern: Freikörperkultur, Artisten, Illusionisten, Magier, Varieté-Tänzerinnen...

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Maria Hussa als ‚Salome“, Graz, nach 1919

Aus der bürgerlichen Skandalchronik: Für das Opernpublikum ist der Salome-Stoff mit seiner auf offener Bühne inszenierten Freizügigkeit einerseits ein Stein des Anstoßes, der zur Empörung geradezu einlädt. Andererseits üben beliebte Klischees angeblicher orientalischer Üppigkeit und Unmoral großen Reiz aus. Diese Ambivalenz ist für die bürgerliche Doppelmoral überaus kennzeichnend. Als eine Salome-Inszenierung mit Jenny Korb in der Titelrolle an der Grazer Oper 1906 einen Skandal auslöst, dürfte bei aller öffentlich bekundeten Abscheu auch heimliche Faszination im Spiel gewesen sein.

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Theaterzettel für die Eröffnungsvorstellung ‚Wilhelm Tell“ in der Grazer Oper, 16.09.1899

Es ist kein Zufall, dass ein Stoff Friedrich Schillers im Zentrum der Eröffnung der neuen Oper steht. So finden sich Motive aus Schillers Werken im reichen Bildprogramm des Hauses ebenso wie Verweise auf eine andere Zentralfigur des bürgerlichen Kunstgeschmacks, die zudem deutschnationale wie antisemitische Töne vernehmen lässt: Richard Wagner. Dessen Meistersinger von Nürnberg feiern hymnisch die „deutsche Kunst“, wie sie jetzt von Bürgern getragen und ausgeübt wird.  

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