Vereine

Mit der Moderne entsteht die Freizeit als neue „Gegenzeit“ zur Arbeitszeit. Bürgerliche Familien nutzen sie für gemeinsame Spaziergänge und Ausflüge, für sportliche und kulturelle Aktivitäten. Die männlichen Bürger verwenden die Freiheit der Abende, Sonn- und Feiertage außerdem dazu, sich in den zahlreichen neuen Vereinen zu engagieren.

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Vereine spielen um 1900 eine zentrale Rolle im gesellschaftlichen Leben, viele sind hochpolitisch: In ihnen spiegeln sich der zunehmende Nationalismus und die Spannungen zwischen den Volksgruppen in der späten Habsburgermonarchie wider. Besonders deutlich zeigt sich das dort, wo deutsch- und slowenischsprachige Steirer*innen zusammenleben:

So entstehen etwa in Radkersburg im ausgehenden 19. Jahrhundert gleich mehrere elitäre, deutschnational orientierte Vereinigungen. Der „Gesangs- und Musikverein“ sowie der „Radfahrerverein“ demonstrieren bei gemeinsamen „Julfeiern“ tiefe weltanschauliche Verbundenheit. Auch bei den Festen des deutschen Turnvereins und des „Vereins Südmark“ bleibt man ideologisch und sozial unter sich. Zusätzlich trifft sich das deutschsprachige Bürgertum etwa im Weinbau-, Stadtverschönerungs- und Sparkassenverein sowie bei der Freiwilligen Feuerwehr. Bis in die 1920er-Jahre wächst die Zahl der lokalen Vereine auf 50 an!

Für die slowenischsprachigen Dienstboten und die bäuerliche Bevölkerung der Umgebung Radkersburgs ist indes die katholische Kirche ein wichtiger Treffpunkt. Neben zwei religiösen Bruderschaften billigt die Bezirkshauptmannschaft im Jahr 1910 die Gründung eines katholisch-slowenischen Kulturvereins.

Mitglieder eines bürgerlichen Tennisclubs, Graz, 1907

Die Elite aus der Nachbarschaft schlägt auf: Wie es sich gehört, im langen Kleid: 1889 entsteht die „Erste Grazer Lawn Tennis-Gesellschaft von der Humboldtstraße“. Man kennt einander und ist sich auch sonst darüber einig, wer dazugehört und wer nicht. Auch geht es dabei nicht nur um Sport, sondern nebenbei um zarte Bande: Der Tennisschläger wird mancherorts „Verlobungskelle“ genannt.

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Vereinslokal der Schlaraffia ‚Grazia“, Graz, 1913

Spaß muss man sich leisten können: Die „Schlaraffia“ ist ein 1859 gegründeter bürgerlicher Männerbund, der ein bewusst unpolitisches, von skurrilen, aber strengen Ritualen geprägtes, humoristisches Vereinsleben pflegt. In der bürgerlichen Gesellschaft haben solche Vereinigungen Gewicht, zumal sie sich im gesamten deutschen Sprachraum finden – auch in Graz, das in der Vereinssprache „Grazia“ heißt. Die Dichter Peter Rosegger und Karl Morré, der Schauspieler Alexander Girardi und der Bildhauer Hans Brandstetter zählen zu den prominenten „Schlaraffen“.

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„12. Bundestag Deutscher Radfahrbund“, Graz, 1895

Anfänge des Breitensports: Nach 1860 entstehen im Zuge bürgerlicher Freiheiten zahlreiche Vereine. 1862 wird der „Allgemeine Turnverein Graz“ gegründet, der deutschnational geprägte „Akademische Turnverein“ 1864. Das öffentliche Interesse wächst: Der Landtag beschließt 1868 den Bau einer Turnhalle sowie die Anlage eines Freiturnplatzes am Schloßberg. Sportvereine spiegeln auch die ethnische und konfessionelle Vielfalt der Monarchie wider: So gibt es slowenische, böhmische, katholische wie jüdische Turnvereine. Sport ist auch ein Motor der Emanzipationsbewegung: 1890 entsteht der „Erste Frauen-Turnverein“.

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Porträt Johann Martin Schleyer, Erfinder der Plansprache Volapük, 1899

Geplante Philanthropie: Johann Martin Schleyer (1831–1912), Geistlicher, Musiker und Sprachgenie – er beherrscht angeblich um die 50 Sprachen – sieht sich als Menschenfreund und begründet um 1880 die Plansprache Volapük. Das Konzept ist eurozentrisch und beruht auf den „Hauptkultursprachen“ Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch und Russisch. In den 1880er-Jahren findet dieses Projekt großen Widerhall, selbst in Ostasien. Als der selbsternannte Sprachpapst („Cifal“) die Entwicklung von seinem Wohnort Konstanz aus mit autoritären Methoden zu steuern versucht, setzt der Niedergang ein.

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Sängerfesthalle in Graz, 1902

Gesungene Ideologie: Der 1865 in Coburg gegründete „Deutsche Sängerbund“ ist bis zu seiner Auflösung 2005 der weltweit größte Laienchorverband. Schon 1861 gibt es ein „großdeutsches Sängerfest“ in Nürnberg, noch vor der Uraufführung von Richard Wagners romantischer Oper Die Meistersinger von Nürnberg 1868. Das erste „Deutsche Sängerbundfest“ findet 1865 in Dresden statt. Bereits das 6. Fest wird 1902 in Graz ausgerichtet. Kennzeichnend ist die entschieden deutschnationale Tendenz mit antislawischem Unterton.

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