Straßen & Plätze

Um 1900 verändert sich die Erscheinung des öffentlichen Raums massiv: Die Industrialisierung lässt die Städte groß werden. In den Vorstädten leben nun oft jene, die auf der Suche nach Arbeit zugezogen sind. Gleichzeitig entstehen neue bürgerliche Wohnviertel. Für ihre repräsentative Gestaltung wird die Vergangenheit bemüht. Parkanlagen regen zum Aufenthalt im Grünen an.

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In den alten Zentren schieben sich indes neue Gebäudetypen ins Stadtbild. Wo notwendig, wird das architektonische Erbe beiseite geräumt, um Raum für Konsum, Bildung und Freizeit zu schaffen. Zusätzlich fordert der zunehmende Verkehr die Stadtplanung: Straßen werden verbreitert und asphaltiert. Brücken schaffen neue Verbindungslinien. Zusammen mit den „Automobilen“ setzen die „Tramways“ Maßstäbe für zeitgemäße motorisierte Fortbewegung. Erste Fahrräder sind auf den Straßen zu sehen. Die Bezirksstädte wollen nicht dahinter zurückstehen. Wie in den Metropolen bestimmen hier fortan Sparkassen, Postämter, Schulen und Theater die Ortsbilder. Elektrische Straßenbeleuchtung, Lichtreklamen und beleuchtete Schaufenster laden auch in den Abendstunden zum Flanieren ein.

Blick in die Rechbauerstraße in Graz, 1909

Paläste, wohin man schaut: Die Bebauung verdichtet sich immer mehr. Die neuen innerstädtische Straßen der Gründerzeit sind seriell im Stil der Neorenaissance dekoriert, die Häuserfronten einander angeglichen. Man glaubt fast, in Wien zu sein. Noch darf sich das Ornament ungehindert ausbreiten, es unterliegt aber architektonischen Regeln. So ergibt sich aus der Sicht der Zeit ein homogenes und für harmonisch befundenes Gesamtbild. 

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Casino-Theater, Marburg a. d. Drau/ Maribor, um 1900

Stars brauchen Bühnen: 1846 konzertiert Franz Liszt noch im Rittersaal des alten Marburger Schlosses: Ein Jahr später beschließt der Gemeinderat, unmittelbar neben dem Dom ein neues Theater zusammen mit einem Kasino zu errichten, das heutige Nationaltheater.

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Automobilisten“ in der Franz-Josef-Straße in Leoben, um 1910

Pferdestärken, jetzt ohne Pferde: Um 1900 hat das Auto noch absoluten Seltenheitswert. 1903 gibt es in der Steiermark gerade einmal 32 Automobile, vier Motorvierräder, ein Motordreirad und 19 Motorzweiräder. Die Bezirke Weiz, Hartberg, Feldbach, Radkersburg und die untersteirischen Landbezirke sind noch völlig unmotorisiert. Noch sitzt ausschließlich der Herr am Steuer, mit Handschuhen, wie es sich gehört.

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Franz-Josef-Straße und Montanistische Universität in Leoben, um 1918

Urbanitätsschub: Nach Grazer Vorbild wird auch die Bezirkshauptstadt Leoben großzügig erweitert. Bereits die mittelalterliche Stadt weist eine regelmäßige Anlage auf, woran die Erweiterung bruchlos anknüpft, um das Zentrum mit dem neuen Bahnhof angemessen zu verbinden. Dies bekräftigt auch der Name der neuen Hauptstraße. Hier liegen das „Grand Hôtel Gärner“ sowie die Montanistische Hochschule. Deren schlossartiges Hauptgebäude spiegelt das Ansehen einer technischen Disziplin wider, die für die steirische Wirtschaft zentral ist: die Bergbauwissenschaften.

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Blick in die Herrengasse in Graz, um 1900

Anfänge innerstädtischer Mobilität: Bereits 1878 verkehrt in Graz eine Pferdebahn, 1898 folgt die erste elektrische Straßenbahn, die zunächst den Bahnhof mit den bürgerlichen Vierteln verbindet. Die Notlage ab 1914 zwingt zur Übernahme neuer Aufgaben: Nun werden Verwundete und Kohle transportiert, weil keine Pferdefuhrwerke mehr zur Verfügung stehen. Anstelle des zum Armeedienst eingezogenen männlichen Dienstpersonals arbeiten nun vermehrt Frauen als Schaffnerinnen.

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Hauptplatz in Judenburg, um 1900

Promenieren in der Provinz: Auch das ländliche Gesicht der Bezirkshauptstädte ändert sich, wo das lokale Bürgertum nach den Annehmlichkeiten einer urbanen Umgebung nach Grazer Vorbild verlangt. Die traditionell dem lokalen Handel und dem Verkehr dienenden Plätze wandeln sich zu gärtnerisch gestalteten „Schmuckplätzen“ und werden zu kleinen Parks.

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Bau der Herz-Jesu-Kirche in Graz, vor 1887

Mittelalterfiktion für Wohlhabende: Die inmitten eines gehobenen Wohnviertels gelegene, 1887 geweihte Herz-Jesu-Kirche präsentiert sich als freiliegendes Monument bürgerlichen Stolzes. Sie ist ein Hauptwerk von Georg Hauberrisser d. J., eines über die Grenzen der Monarchie hinaus bekannten Spezialisten für neugotische Großbauten. Initiator ist der Grazer Fürstbischof Johann Zwerger, der aus seiner Tiroler Heimat den Herz-Jesu-Kult nach Graz mitgebracht hat und auch hier bestattet wird.

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