Bahnhof

Wer um 1900 eine fremde Stadt betritt, ist zuvor häufig aus einem Zug gestiegen. Zwischen Zug und Stadt liegt der Bahnhof als Schnittstelle und vibrierende Übergangszone. Hier bewegen sich – in größeren Städten – über den Tag verteilt mitunter Tausende Menschen. Hier herrschen fortlaufend Dynamik und Betrieb: Die eine möchte sich informieren, der andere eine Fahrkarte oder Verpflegung für die Reise besorgen. Dritte bringen oder holen jemanden ab. Auch wer zum ersten Mal da ist, muss sich orientieren können. So entwickelt sich der Bahnhof im 19. Jahrhundert zu einem komplexen Funktionsbau. Alles ist wohlorganisiert, der Takt wird von der Bahnhofsuhr bestimmt.

Bildinformationen

Gleichzeitig bildet der Bahnhof mit seinem Vorplatz das Tor hin zur bürgerlichen Stadt. Weil der erste Eindruck wichtig ist, erhält auch seine Umgebung eine attraktive Gestaltung. Neu angelegte Straßen führen ins Stadtzentrum.

So auch in Graz: Ab 1844 ist der heutige Hauptbahnhof Ankunftsort für Reisende. Die Annen- und die Keplerstraße werden als Verbindungslinien in die Stadt eigens angelegt. Und auch außerhalb der Hauptstadt werden mit dem Ausbau des Bahnnetzes in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts Orte zu Destinationen. Der Bahnhof wird zum Stolz kleinerer Städte und Märkte, ein für alle sichtbares Symbol des Fortschritts.

Bahnhofsrestauration im Grazer Südbahnhof, um 1913

Gepflegte Gastronomie in geräumigen Sälen gehört zum Standard größerer Bahnhöfe. Die Einnahme kleiner Mahlzeiten hilft, Wartezeiten zu überbrücken und diese angenehm zu gestalten. So empfangen Reisende gleich bei ihrer Ankunft einen gastlichen Eindruck von ihrem Zielort.

Bildinformationen

Bahnhofsviertel in Bruck a. d. Mur, um 1914/15

Bahnbau als Entwicklungsmotor: Der Anschluss an das Bahnnetz bietet auch für viele kleinere Städte die Chance weiteren Wachstums. Stadtzentrum und Bahntrasse verbindet nun eine neu angelegte Achse – vielerorts die Bahnhofsstraße, die als „Magistrale“ Funktionalität mit Repräsentation verbindet. In Bruck entsteht auf Initiative von Adalbert Bernauer, einem vermögenden Bürger, ein privater Post-, Paket- und Personenbeförderungsdienst. 1845 folgt das Gasthaus „Zur Eisenbahn“, aus dem um 1900 wiederum das „Hotel Post“ hervorgehen wird.


Verlag und Fotograf S. Frank, Graz
Sammlung Kubinzky, MMS/UMJ

Bildinformationen

Südbahnhof in Graz mit Gastgarten, 1913

Der erste Eindruck zählt: Ein gepflegtes Ambiente sowie Bequemlichkeit zählen zu den Erwartungen an einen zeitgemäßen Bahnhof. Terrassen laden zum angenehmen Verweilen ein, dazu gehört auch die Nähe gediegener Hotels mit repräsentativer Fassade – wie hier am Grazer Südbahnhof, dem heutigen Hauptbahnhof. Im Hintergrund: das nach 1945 durch einen Neubau ersetzte „Hotel Daniel“.

Bildinformationen

Bahnanlagen in Pragerhof/Pragersko, 1910

Die unscheinbar wirkende, 1846 eröffnete Station Pragerhof/Pragersko in Slowenien zählt damals zu den wichtigen Bahnknotenpunkten der Monarchie. Hier trifft die legendäre, von der privaten „k. k. Südbahn-Gesellschaft“ betriebene Strecke nach Triest auf die seit 1860 bestehende Trasse Richtung Ungarn, die ab 1861 auch Budapest erreicht.

Verlag und Fotografin: Marie Nowak, Pragerhof/
Pragersko; Sammlung Kubinzky, MMS/UMJ

Bildinformationen

Bahnhofsvorplatz in Marburg a. d. Drau/ Maribor, um 1905

Die neuen Entrees der Städte: Tore haben ausgedient. Vor dem Bahnhof erstreckt sich nun in der Regel ein Platz oder eine breite Straße, wo Droschken auf ankommende Gäste warten und schnell noch Reiseproviant erworben werden kann. Marburg a. d. Drau/Maribor bildet bis 1918/19 mit Graz und Klagenfurt ein wichtiges Bahndreieck, das die Kronländer Steiermark und Kärnten über das Drautal verbindet.

Bildinformationen

Werbebild: Dame in Reisekleid vor Waggon, um 1900

Ohne Herrenbegleitung? Eine Bürgerin verlässt selten allein das Haus, „das schickte sich nicht“. Hier jedoch scheint eine Dame im Reisekleid ohne Begleitung einen kurzen Ausflug anzutreten, wie es zu den bürgerlichen Gewohnheiten zählt und das leichte Gepäck verrät. Ein Dienstmann reicht aus, es der Dame ins Abteil zu reichen.

Bildinformationen