Sommerfrische

 Reisen aus Vergnügen und zu Bildungszwecken ist lange Zeit einer kleinen, begüterten Elite vorbehalten. Erst mit dem Aufkommen moderner Massentransportmittel, allen voran der Eisenbahn, erhält eine breitere Schicht die Möglichkeit, den eigenen Horizont durch Reisen buchstäblich zu erweitern.

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Der moderne Tourismus ist geboren und mit ihm ein eigener Wirtschaftszweig: Sommerfrischegebiete, Hotel- und Badeanlagen entstehen. 1901 wird in der Steiermark der „Landesverband für Fremdenverkehr“ gegründet. Reisehandbücher erscheinen nun in hoher Auflage. Sie bieten praktische Hinweise zur raschen Orientierung für Ortsfremde an. Neue PR-Medien geben bekannt, wo man übernachten und essen, wandern und jagen oder einkaufen kann.

Wer einen Ausflug unternimmt, muss nicht zwingend in die Ferne reisen: Das Grazer Publikum zieht es nach Gösting, Judendorf und auf den nahen Schöckl. Die Bergregion im Norden wird durch Schutzhütten und Aussichtswarten erschlossen. Pittoreske Klammen und kunstvolle Panoramen machen die einst gefürchteten Berge zu Sehnsuchtsorten. Nicht nur im Sommer. Die Jahrhundertwende bringt den Durchbruch für eine völlig neue Wintersportart: 1893 wird in Mürzzuschlag das erste Skirennen Mitteleuropas ausgetragen.

Stubenberghaus am Schöckl, um 1918

Wir Graz seinen Hausberg bekommt: Das auf Initiative des „Steirischen Gebirgs-Vereins“ nach Entwürfen von Friedrich Sigmundt 1889/90 errichtete „Stubenberghaus“ am Schöckl wird am 15. September 1890 feierlich eröffnet. Anwesend sind der Förderer des Projekts, Joseph Felix Adolf Graf zu Stubenberg, sowie Bürgermeister Ferdinand Portugall. Dessen Amtszeit (1885–1897) steht im Zeichen zahlreicher Bauvorhaben und markiert auch den Beginn der Dominanz des deutschnationalen Lagers. 

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Partie ‚in den Teichen“ bei Kalwang, 1910

Tragödie in der Sommerfrische: Zu den prominenten Besuchern der Obersteiermark gehört Philipp Haas, Sohn des Wiener Teppichfabrikanten Eduard Ritter von Haas (1827–1880), eines der bedeutendsten Industriellen der Monarchie. Nach dem Tode des Vaters führt er das Erbe erfolgreich weiter und wird 1898 mit dem Prädikat nach seinem steirischen Besitz „von Teichen“ in den Freiherrnstand erhoben. 1904 ernennt ihn die Gemeinde Kalwang zum Ehrenbürger. Ein unheilbar scheinendes Nierenleiden treibt ihn 1925 in den Freitod. 

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Dreiteich bei Marburg a. d. Drau/Maribor, 1907

Inszenierte Natur: Einst als Wasserreservoir für den Verteidigungsgraben der Stadt angelegt, sind diese künstlich angelegte Seen eine beliebte Ausflugsdestination für die Bevölkerung der damals zweitgrößten Stadt der Steiermark.

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Satire auf einen Sonntagsausflug nach Judendorf, um 1910

Das Gute liegt so nahe: Nach 1850 entdeckt das Grazer Bürgertum die landschaftlichen Reize des an der Südbahn gelegenen Ortes Judendorf und begründet so den wirtschaftlichen Aufstieg der kleinen Gemeinde nördlich von Graz. Eine führende Rolle nimmt hier die Familie Materleitner ein. 1889 entsteht ein Hotel, 1894 eine Kaltwasserheilanstalt und schließlich 1901 das „Steirische Park-Sanatoriums Dr. Feiler“. Ungeachtet seiner geringen Größe wird Judendorf zum „steirischen Meran“ für Naherholung suchende Grazer*innen. 

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Café-Restaurant Türkenschanze in St. Gotthard bei Graz, 1916

Freizeit-Hotspot in der Peripherie: 1903 bietet der Inhaber des Lokals sonntags bei gutem Wetter musikalische Vorträge, Lawn-Tennis und für die Kinder Schaukel, Ringelspiel, Reck, Barren, Stelzen und russisches Kegelspiel „zur heiteren Zerstreuung“ an.

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Toplitzsee bei Grundlsee, um 1900

Von der Idylle zum Mythos: Seit dem Biedermeier stehen Alpenseen wie der Toplitzsee für die Idylle schlechthin, die das Image Österreichs fortan prägen. Berühmt-berüchtigt wird der See erst später. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs kommt die Legende auf, auf dem Seegrund liege ein „Nazi-Schatz“. Doch kommt nur eine große Menge gefälschter britischer Pfundnoten ans Licht, die hier 1945 versenkt wurden. Weitere Sensationen wie Kisten voller Gold bleiben aus. Aber Mythen sind zählebig.

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