Kur

Auch rund um die Gesundheit entstehen um 1900 neue Orte. Das Spitalswesen wird umfassend modernisiert. Großflächige Anlagen prägen – wie in Graz – fortan die städtischen Peripherien. Außerhalb der Städte wachsen die Kurorte als Kompetenzzentren ärztlicher und therapeutischer Versorgung heran. 

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Auf der Basis von Thermal- oder Heilquellen, weil das Klima günstig oder die Luftgüte herausragend ist, werden hier Bäder und Trinkkuren, Massagen und Inhalationen angeboten. Dafür braucht es neue städtebauliche Strukturen und spezifische Architekturen: Badehäuser, Trink- und Wandelhallen werden speziell im Hinblick auf die medizinischen Anwendungen konzipiert. Für die Unterbringung der Gäste, die gern zwei bis drei Monate bleiben, entstehen Hotels und Logierhäuser. Restaurants und Kaffees ermöglichen ihre Versorgung. Spazier- und Wanderwege führen zu lokalen Ausflugszielen. Kurhäuser versammeln gleich mehrere Funktionen unter einem Dach: Mit Lese- und
Ballsälen, Theatern und Casinos sorgen sie für die Zerstreuung und Unterhaltung der Gäste. Als zentrales Element verbindet der Kurpark die genannten Orte miteinander.

Gut erreichbar und mit moderner Kommunikationstechnik (Telegrafie, Telefon) ausgestattet, entwickeln sich die Kurorte bald zum Treffpunkt der gehobenen Gesellschaft aus Adel und Bürgertum. In der Steiermark wächst in Bad Gleichenberg schon seit den 1830er-Jahren ein komfortables Villen- und Hotelquartier heran. Die ständische Gesellschaft des alten Österreichs trifft sich traditionell in Rohitsch-Sauerbrunn/Rogaška Slatina. 

Brunnenplatz in Bad Radein/Radenci, um 1915

Der im heutigen Nordosten Sloweniens gelegene kleine Kurort geht auf die dort 1833 von dem Medizinstudenten Karel Henn entdeckten Quellen zurück. Deren ursprünglicher Name „Giselaquelle“ verweist auf eine Tochter Franz Josephs, Erzherzogin Gisela (1856–1932). Erst 1882 wird der Kurbetrieb aufgenommen. Bekannt wird der Ort durch das dort seit 1869 abgefüllte Mineralwasser („Radenska“), das selbst am Wiener Hof gerne getrunken wird. Das „Herzerlwasser“ erfreut sich noch heute großer Beliebtheit.

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Werbung für Sulzegger Mineralwasser, um 1910

Auch kleinere steirische Heilwasseranstaltenträumen vom Aufstieg zum „Weltkurort“. So wird der kohlensäure- und eisenhaltige Sulzegger Sauerbrunn in der „Waldschenke zur Liebe“ bei St. Veit am Vogau besonders „blutarmen Mädchen und Frauen“ nachdrücklich empfohlen. Der Kurort ist durch die Südbahn von Graz und Marburg a. d. Drau/Maribor erreichbar. Nach der Ankunft am Bahnhof in Spielfeld steht allerdings eine Wagenfahrt oder ein längerer Fußmarsch an.

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Emma- und Konstantinsquelle in Bad Gleichenberg, 1914

1833 macht der Arzt Dr. Werlé, Schwager Erzherzog Johanns, den Gouverneur der Steiermark, Matthias Constantin Capello Reichsgraf von Wickenburg, auf die Gleichenberger Quellen aufmerksam. Dieser gründet 1834 eine Aktiengesellschaft, die durch Grundstückserwerb das „Curbad Gleichenberg“ ermöglicht. Wickenburgs Frau Emma lässt einen Park mit vielen exotischen Pflanzen anlegen. Eine Besonderheit ist neben den üblichen Trinkkuren unter Beimischung von Kuhmilch die Ammoniaktherapie für Tuberkulosekranke, wobei die Luft aus Viehställen direkt in die Krankenzimmer geleitet wird.

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