Rathaus

Die bürgerliche Revolution von 1848/49 bedeutet eine Zeitenwende: Nachdem über Jahrhunderte der Adel die Geschicke im Land geleitet hat, kann der Weg hin zu einem modernen Staatswesen eingeschlagen werden.

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Die neuen politischen Bühnen auf lokaler Ebene sind nun der Landtag – Schauplatz oft heftiger Debatten zwischen den sich herausbildenden Parteien – und die Gemeinderäte: Diese tagen in den neu errichteten Rathäusern, deren Architekturen nicht nur Ausdruck eines neuen Selbstbewusstseins sind. Den Kommunen kommt eine Vielzahl von Verwaltungsaufgaben zu, was schlichtweg Raum erfordert: Post- und Telegrafenamt, Eichamt, Stadtwache, Gemeindearrest („Gemeindekotter“), bis hin zu Wohnungen für Gemeindebedienstete, die vielerorts in den neuen Rathäusern untergebracht sind. 

Neben den Rathäusern entstehen in vielen Städten der Steiermark weitere Amtshäuser: Finanzämter, Bezirkshauptmannschaften und Gerichtsgebäude, deren Architekturen ebenfalls auf Respekt vor der Obrigkeit angelegt sind. Die Amtsinhaber und Beamte sind überwiegend bürgerlicher Herkunft und tragen eine Dienstuniform. Mit ihrem Anspruch auf Autorität stehen sie in der Tradition von Adel und Kirche, den früheren Eliten der Monarchie. 

Rathaus in Leibnitz, nach 1914

Neue „Boomtowns“: 1913 wird der Markt Leibnitz von Kaiser Franz Joseph zur Stadt erhoben. Krönung soll ein neues Rathaus sein. Seit der Grundentlastung von 1848/49 ist der Verwaltungsaufwand für die Kommunen gestiegen, was den Raumbedarf deutlich erhöht. Ausdruck kommunalen Stolzes ist ein markanter Turm. Der Gemeinderat wünscht ausdrücklich einen Neubau „im heimischen Baustil unter Anwendung mittelalterlicher Formen“. Bereits im August 1914 erfolgt die Gleichenfeier.

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Hofrat Anton Underrain von Meysing in seinem Amtszimmer, Graz, vor 1916

K.k. Krisenmanager: Statthalter Manfred von Clary und Aldringen löst den Grazer Gemeinderat auf, nachdem es zu unüberbrückbaren Differenzen in Steuer- und Budgetfragen gekommen ist. Der Stadtrat besteht weiter und wird einem „k.k. Regierungskommissär“, Anton Underrain von Meysing, unterstellt, der vom 26. April bis zum 24. Oktober 1912, nach der turbulenten Ära unter Bürgermeister Franz Graf, amtiert. Im Ersten Weltkrieg wird die kommunale Autonomie wiederum zeitweilig aufgehoben: Underrain bekleidet dasselbe Amt vom 15. Juni 1914 bis zum 12. Dezember 1917.

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Leichenbegängnis für Bürgermeister Dr. Wilhelm Kienzl vor dem Grazer Rathaus, 1902

Spurt in die Moderne: In die Amtszeit von Bürgermeister Wilhelm Kienzl (1873–1885) fallen wegweisende Reformprojekte: So wird 1875 der Neubau der Staatsgewerbeschule (heute HTBLVA Graz-Ortweinschule) bewilligt, 1876 folgt das städtische Schlachthaus. 1878 ist ein Jahr des Verkehrs: Die Pferdebahn wird eingerichtet und der Südbahnhof erbaut, 1879 beginnt die Planung des Zentralfriedhofes. Aber auch die „sociale Frage“ wird nicht vernachlässigt: Die Kommune finanziert Suppenküchen, Waisenhäuser und Krankenpflege; brotlos gewordene Arbeiterfamilien werden durch Spenden unterstützt.

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Rathaus in Graz, vor dem Umbau 1889–1893, Karte nach 1900

Mehr Palais als Rathaus: Maßvolle Proportionen und zurückhaltender Dekor sind für den Geschmack um 1800 typisch und spiegeln noch die Haltung der Aufklärung wider. Die Gründerzeit verlangt jedoch nach größeren und repräsentativeren Rathäusern im Stil einer fiktiven Vergangenheit. Praktische Gründe kommen hinzu: Auf die Kommunen kommen neue Aufgaben zu, die mehr Raum verlangen. Die Städte wachsen – und damit auch die Rathäuser. 

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Schrein für Ehrenbürgerurkunde für Moriz von Kaiserfeld, Graz, 1864

Die Verleihung des Ehrenbürgerrechts gehört zu den Privilegien der 1848 zu neuer Autonomie gelangten Städte. Zu den so Ausgezeichneten gehört auch Moriz Blagatinschegg, dessen Verdienste als Domänenverwalter ihm das Prädikat „Edler von Kaiserfeld“ eintragen. 1848 tritt er im Reichstag für die bäuerliche Grundentlastung ein und vertritt Graz in der Frankfurter Nationalversammlung. Mit seinem Namen sind zahlreiche Initiativen verbunden, die den modernen Wissenschaftsstandort Graz begründet haben. Als Landeshauptmann (1871–1884) setzt er die Murregulierung durch.

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Neues Rathaus in Pettau/Ptuj, nach 1907

Nationales Imponiergehabe: Auch in der Untersteiermark dienen Rathäuser der kommunalen Selbstvergewisserung. Auch sollen sie das Überlegenheitsgefühl der deutschsprachigen Oberschicht ausdrücken. Das 1906–1907 nach Entwurf von Max Ferstl erbaute, in einem fiktiven „altdeutschen“ Stil gehaltene Rathaus von Pettau/Ptuj ist hierfür typisch.

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