Eva Schlegel. Falling up

Wie nehmen wir Raum wahr und was geschieht, wenn unsere gewohnten Vorstellungen von Orientierung und Grenzen ins Wanken geraten? Die Ausstellung Falling up von Eva Schlegel widmet sich dem Verhältnis von Raum, Wahrnehmung und Immaterialität. Mit Fotografien, Skulpturen, Spiegelarbeiten, Videos und Augmented-Reality-Projekten schafft die Künstlerin Zwischenräume, in denen Vertrautes plötzlich anders erscheint. Der paradoxe Titel Falling up verweist dabei auf einen Perspektivwechsel: Was zunächst wie ein Verlust von Orientierung wirkt, kann zugleich neue Sichtweisen eröffnen.

Die Silhouette einer Frau, die im Querformat dargestellt ist, scheint durch den grauen Himmel zu schweben oder zu fallen.

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Was passiert, wenn wir den Boden unter den Füßen verlieren und unsere Perspektive verändern?

Die Soloausstellung Falling up von Eva Schlegel (1960 in Hall in Tirol) widmet sich dem Verhältnis von Raum, Wahrnehmung und Orientierung. Mit ihren Arbeiten eröffnet Schlegel neue Perspektiven auf unsere räumliche Wahrnehmung und stellt vertraute Grenzen und Gewissheiten infrage.

Werke in der Ausstellung

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Floating orbit, 2026

Langsam dreht sich Eva Schlegels Floating orbit um die eigene Achse. Die hochglanzpolierten Stahlringe zeigen dabei immer neue Ausschnitte ihrer Umgebung. Fragmente des Raumes werden in den Spiegelungen vervielfacht und erweitert, während unser eigenes Abbild weitgehend verborgen bleibt. Mit jeder Drehung setzt sich der Raum neu zusammen. Die gewohnte Selbstwahrnehmung im Spiegel tritt zurück und macht einer intensiveren Wahrnehmung des Raumes Platz.
 

Damit führt Floating orbit in ein zentrales Thema von Eva Schlegels künstlerischer Arbeit ein: Raum ist für sie keine feste Größe, sondern etwas, das sich durch Wahrnehmung, Bewegung und die eigene Position immer wieder verändert. Ihre Arbeiten bringen vertraute räumliche Ordnungen ins Wanken und fragen, wie wir uns im Raum orientieren und verorten.
 

Auch der Titel verweist auf Bewegung: Als „Orbit“ bezeichnet man die durch Gravitation bestimmte Umlaufbahn eines Himmelskörpers. „Floating“ hingegen bedeutet schweben oder treiben – scheinbar frei von Schwerkraft und festem Halt. Schlegel bringt damit zwei Zustände zusammen, die sich eigentlich zu widersprechen scheinen, und eröffnet einen Raum des Dazwischen.

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Ikarus, 2023; Falling up, 2026

Fliegende/Fallende/Schwebende Frauen und Männer

Die Sehnsucht des Menschen, fliegen zu können, begegnet uns bereits in der antiken griechischen Mythologie. Die tragische Geschichte von Dädalus und Ikarus erzählt vom Wunsch, die Schwerkraft zu überwinden und die Grenzen der eigenen Natur hinter sich zu lassen. Der Traum vom Fliegen scheitert, als Ikarus aus Übermut der Sonne zu nahekommt und ins Meer hinabstürzt.
 

Inspiriert von Yves Kleins berühmtem Foto Sprung ins Leere (1960) ließ Eva Schlegel zunächst einen Mann im Smoking dreimal aus sieben Metern Höhe in einen See springen. Später arbeitete sie in Zürich mit professionellen Bodyflyern in Straßenkleidung. Im freien Fall oder im Schweben findet sich jene Illusion, die dem Fliegen vielleicht am nächsten kommt.

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Liminal spaces (2022, 2026)

Eva Schlegels Liminal spaces zeigen architektonische, transitorische Schwellenräume. Der Titel verweist auf das Konzept der Liminalität, das ursprünglich aus der Ethnologie stammt und die mittlere Phase von Übergangsriten beschreibt – jenen Moment, in dem ein alter Status bereits verlassen, ein neuer aber noch nicht erreicht ist. Der Begriff wird auch in der Gaming-Szene verwendet und bezeichnet vollständig digital erzeugte Räume. Die Liminal spaces vermitteln einen Moment des Dazwischen-Seins und des An-der-Schwelle-Stehens. Schlegels Räume werden zu Orten möglicher Veränderung und werfen Fragen nach Orientierung und Zugehörigkeit auf.
 

Als Ausgangspunkt dienen Modelle von Räumen, die sie unter unterschiedlichen Lichtbedingungen fotografiert. In einem zweiten Schritt legt Schlegel für jedes Motiv einen eigenen Grad der Unschärfe fest. Dabei gehen Details verloren und klare räumliche Zuordnungen lösen sich auf. Gleichzeitig entstehen neue visuelle und atmosphärische Eindrücke. Die Räume wirken sinnlicher und weniger real, fremdartig und zugleich vertraut. Das Spiel mit Sichtbarkeit und Entzug öffnet für die Betrachtenden einen Raum für Assoziationen. Dieser scheint voller Möglichkeiten zu sein, thematisiert aber zugleich seine eigene Begrenzung.
 

In ihren neueren Arbeiten werden die Räume der Liminal spaces zunehmend instabil und entzünden sich. Feuer und Rauch zeigen den Moment unmittelbar vor der Zerstörung. Auch gesellschaftliche und politische Ordnungen geraten immer wieder – bedrohlich oder hoffnungsvoll – an solche Schwellen. Wie sich eine unsichere Lage auflöst, bleibt offen: Putsch oder Revolution?

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o.T., 1999

(Unscharfe Texte auf Glas, erstmal präsentiert 1993)

Menschengroße Glasplatten lehnen an den Wänden wie lose Seiten eines Buches, in dem man jedoch nicht lesen kann. Die siebgedruckten Texte, deren Vorlagen aus Eva Schlegels Bibliothek stammen, sind bis zur Unlesbarkeit unscharf abfotografiert. Obwohl wir einzelne Worte nicht identifizieren und ihren Sinn nicht erschließen können, identifizieren wir sie unmittelbar als Texte. Vielleicht lässt sich sogar erahnen, um welche Textsorte es sich handelt.
 

Unschärfe ist seit den späten 1980er-Jahren ein wiederkehrendes Prinzip in Eva Schlegels Werk. Mit den unscharfen Texten untersucht sie den Prozess des Lesens und die Grenzen unserer Wahrnehmung. Was bleibt von einem Text, wenn sein ursprünglicher Informationsgehalt verloren geht? Sehen wir weiterhin einen Text oder bereits ein Bild? Die Unlesbarkeit erzeugt zunächst Enttäuschung, schärft aber zugleich unsere Aufmerksamkeit. Statt den Inhalt zu erfassen, beginnen wir, Schrift anders wahrzunehmen: ihre Struktur, Dichte und Anordnung. Sie verliert ihre eindeutige Bedeutung und wird zum Ausgangspunkt für etwas Neues.

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ohne Titel (114 silber), 2018, o.T. (134), 2015; o.T. (162), 2008; o.T. (163), 2008

(Wolkenbilder)

Eva Schlegels Wolkenbilder basieren auf Schnappschüssen, die sie auf Reisen aus dem Auto heraus aufgenommen hat. Ein flüchtiger Blick zum Himmel wird so zum Ausgangspunkt einer längeren Auseinandersetzung mit seinen wechselnden Formen. Schlegel überträgt die Aufnahmen in unterschiedliche Medien: Wolken erscheinen als Siebdrucke auf Blei ebenso wie auf Büttenpapier.
 

Wolken erinnern uns mal an Landschaften, Körper oder unbekannte Gebilde und können jeden Moment anders aussehen. Je länger wir hinschauen, desto weniger eindeutig wird, was wir zu erkennen glauben. Genau diese Spannung interessiert Schlegel: Die Wolke erscheint in unserer Wahrnehmung ganz konkret, ist aber als Form zugleich abstrakt, flüchtig und ständig in Veränderung. Auch die Größe der Arbeiten spielt dabei eine Rolle, denn, wie Schlegel meint: „im Himmel will ich mich doch verlieren können“.

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See the invisible, 2016

Eva Schlegel / Barbara Imhof / Damjan Minovski

In See the invisible nimmt uns Eva Schlegel mit auf eine Reise durch das Weltall, vorbei an der Milchstraße, Schwarzen Löchern und fernen Galaxien. Der knapp siebenminütige Film entstand in Zusammenarbeit mit der Weltraumarchitektin Barbara Imhof und dem Computerspezialisten Damjan Minovski. Grundlage des Films ist SpaceEngine, eine Computersimulation, die bekannte astronomische Daten mit rechnerisch erzeugten Ansichten des Weltalls verbindet. So eröffnet sich ein Blick auf Vorgänge und Dimensionen, die wir selbst nicht unmittelbar sehen können.

Im Kunsthaus Graz wird See the invisible in die Schlossberg-Nozzle projiziert und verbindet sich so mit der Architektur des Space01. Durch diese Öffnung blickt der „Friendly Alien“ gewöhnlich auf den Uhrturm. Nun wird die Sicht auf das vertraute Wahrzeichen durch den Blick in den Weltraum ersetzt – und damit auch durch einen Blick in die Vergangenheit, denn das Licht ferner Himmelskörper ist eigentlich längst erloschen.

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Cloud, 2026

Eva Schlegel / Valerie Messini

Bei den verspiegelten Clouds handelt es sich um Sitzmöbel, die Eva Schlegel gemeinsam mit der Ausstellungsarchitektin Valerie Messini speziell für diesen Raum entwickelte. Ihre unregelmäßig aneinandergesetzten Kreisformen erinnern an Wolken. Die runde Form taucht immer wieder in Schlegels Arbeiten auf: Wie ein Loch oder ein Fernrohr kann sie den Blick in andere Räume und Wirklichkeiten öffnen.

Die Besuchenden sind eingeladen, auf der spiegelnden Oberfläche Platz zu nehmen und selbst ein Gefühl des Schwebens zu erleben – ähnlich den Fliegenden und Fallenden in den umliegenden Werken. Zugleich beziehen die Spiegelungen den Ausstellungsraum in die Arbeit ein. Je nach Blickwinkel wird er vervielfacht, fragmentiert und umgelenkt. Vertraute räumliche Grenzen geraten ins Wanken und für einen Moment scheint sich der Raum über sich selbst hinaus zu erweitern.

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o.T., 2009–2013

(Fliegende/Fallende auf Blei)

In Schlegels Bleibildern begegnen uns die Fliegenden und Fallenden erneut. Diesmal scheint ihre Bewegung eingefroren zu sein, doch ob die Körper aufsteigen oder fallen, bleibt nach wie vor offen. Schlegel überträgt die Fotografien im Siebdruck auf Blei.
 

Im Material Blei werden dabei Gegensätze sichtbar: Es ist schwer, zugleich aber weich und biegsam, es schützt vor Strahlung und ist selbst giftig. Schlegel bezeichnet Blei auch als „melancholisches Material“. Seine Schwere und Beständigkeit stehen im Gegensatz zur Leichtigkeit und Bewegung der dargestellten Körper.
 

Schlegel lässt die Leichtigkeit des Fliegens auf die Schwere des Materials treffen, um auch die Doppeldeutigkeit des Fallens sichtbar zu machen. Es kann Freiheit und Loslassen bedeuten, aber auch Scheitern. „Wenn ich eine Idee habe (…), dann fange ich an, im Kopf zu fliegen“, beschreibt Schlegel jenen Moment, in dem man noch nicht weiß, „ob es gelingt, oder ob man abstürzt“. Das Scheitern schätzt sie dabei als Teil ihres künstlerischen Prozesses und als möglichen Impuls für etwas Neues.

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In between, 2010

Auf zwei scheinbar schwebende Flugzeugrotoren projiziert Eva Schlegel Aufnahmen von Menschen aus einem Übungszentrum für freien Fall. Dazwischen erscheinen Vögel, Wetterballons und Newtons fallender Apfel. Die monumentalen Rotoren, ihr rhythmisches Geräusch und der erzeugte Luftstrom lassen uns die Faszination des Fliegens ebenso körperlich spüren wie die Gefahr eines Absturzes.

In Kreisen und Spiralen ziehen Zitate von Astronaut*innen und Kosmonaut*innen über die Rotoren. Sie erzählen von Schwerelosigkeit, vom Verlust der Erdung und der Suche nach einem festen Bezugspunkt. Ein kleinerer dritter Rotor im Raum sendet zusätzlich ein rotes Lichtsignal aus, das ein Zitat in einen Morsecode verwandelt und an den Versuch einer Kontaktaufnahme aus der Ferne erinnert. Der Titel In between beschreibt diesen Zustand des Dazwischen: zwischen oben und unten, Schwere und Schwerelosigkeit, Fliegen und Fallen. Wenn vertraute Bezugspunkte verschwinden, lässt sich schließlich kaum noch entscheiden, in welche Richtung sich der Körper eigentlich bewegt.

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Dance of chance, 2025

Die Punkte auf dem schmalen LED-Band, das sich an die S-Kurve des Raums anschmiegt, bilden immer wieder neue Muster. Dahinter steckt ein mathematisches Modell des britischen Mathematikers Alan Turing. 1952 beschrieb er, wie durch das Zusammenspiel von Reaktion und Diffusion aus einem zunächst nahezu gleichförmigen Zustand komplexe Strukturen entstehen können. Kleine zufällige Abweichungen können dabei verstärkt werden und mitbestimmen, wo sich einzelne Formen herausbilden. Solche sogenannten Turing-Muster werden heute unter anderem zur Erklärung von Streifen und Flecken in der Natur herangezogen – etwa beim Fellmuster von Giraffen oder Zebras.

Eva Schlegel übersetzt dieses Prinzip in ein bewegtes Bild. Dance of chance bewegt sich damit zwischen Gesetzmäßigkeit und Unvorhersehbarkeit: Aus kleinen Veränderungen entstehen immer wieder neue Ordnungen und Formen. Die Arbeit verbindet dabei auch Innen- und Außenraum des Kunsthauses Graz. Nach Einbruch der Dunkelheit läuft eine modifizierte Fassung des Kunstwerks über die BIX-Medienfassade und trägt den „Tanz des Zufalls“ hinaus in den Stadtraum.

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Bubbles, 2026

Eine Mauer aus weißen Wetterballons versperrt den Weg und zwingt uns zur Umkehr. Eigentlich dienen solche Ballons der Erforschung des Unsichtbaren: In der Meteorologie steigen sie in große Höhen auf und liefern Daten zu Luftdruck, Temperatur, Luftfeuchtigkeit oder Wind. Mit zunehmender Höhe dehnen sie sich aus, bis sie schließlich platzen.
 

In der Ausstellung wird aus dem leichten, schwebenden Material eine massive Barriere. Die wolkengleiche Ansammlung wirkt zugleich faszinierend und bedrohlich – als könnte man darin untergehen und verschwinden. Einmal mehr bringt Eva Schlegel Gegensätze zusammen, die sich durch ihr künstlerisches Schaffen ziehen: Fragilität und Massivität, Leichtigkeit und Schwere, Bewegung und Stillstand.

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Layered view, 2026

Auf der Needle verfremdet Eva Schlegel den erwarteten Blick auf die Grazer Altstadt durch einen 40 Meter langen Vorhang aus kleinen Stahlkugeln. Je nach Standpunkt erscheint er wie ein durchlässiger Schleier oder verdichtet sich zu einer beinahe massiven Wand. Die vermeintliche Eindeutigkeit des Bildes wird damit abermals infrage gestellt. Wir sind eingeladen, den Vorhang zu durchschreiten und zu erleben, wie die Stadt vor unseren Augen wieder scharf wird.


Eva Schlegel erinnert uns daran, dass Wahrnehmung nicht unveränderlich ist. Was und wie wir sehen, verändert sich mit unserer Position und unserer Bewegung im Raum. Manchmal genügt es, den eigenen Standpunkt zu verändern, damit sich ein vertrautes Bild neu zusammensetzt. So endet die Ausstellung nicht mit einer eindeutigen Sicht, sondern mit der Einladung, den eigenen Blick immer wieder neu auszurichten.