1960er–1975

Die 1960er-Jahre waren geprägt vom Sound der weltweiten Bürgerrechtsbewegungen. Tragbare Audiogeräte, Radios, Plattenspieler und Tonbandgeräte, etwas später auch Stereoanlagen fanden reißenden Absatz, befriedigten das steigende Bedürfnis nach gutem Sound und Separierung der Jugendlichen.

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Eine wahre „Lärmrevolution“ brachten Beatmusik, E-Gitarre und E-Bass – Lautstärke und Klang spielten eine zentrale Rolle. Lokale Tanzbands und Musikboxen holten diesen neuen Sound auch in die steirischen Wirtshäuser. Doch Instrumente und technisches Equipment waren teuer und teils schwer zu kriegen. Nicht selten wurden deshalb alte Röhrenradios zu Verstärkern umgebaut.

Neben dem Oberen Murtal und Graz war es vor allem die Oststeiermark – Sinabelkirchen, Ilz, Fürstenfeld –, die zum Epizentrum der steirischen Beatmusik wurde. Politische Forderungen blieben allerdings meist aus. Der Widerstand gegen die Disziplinargesellschaft äußerte sich eher in der Umwälzung von Konventionen und in der Abgrenzung zu den Erwachsenen. So zeigte sich die „Revolution im Kleinen“ beispielsweise bei der Haarlänge, die zum Missfallen vieler älterer Erwachsener langsam mindestens auf Kinnhöhe anwuchs.

Der Übergang von heimischen Tanzbands zu reinen Beat- und später Rockbands wie „Music Machine“, „Magic“ oder „Hide & Seek“ war fließend und dauerte bis Ende der 1960er-Jahre. Man sang auf Englisch und lieferte bei Tanzveranstaltungen üblicherweise die Musik für eine ganze Nacht. Kürzere Rockkonzerte, auch mit mehreren Bands, gab es erst ab den späten 1960er-Jahren. Erster Höhepunkt des gemeinsamen Auftretens in der regionalen Szene war das 2-Tages-Woodstock-Imitat „Popendorf“ mit 20 heimischen Bands, u. a. „Mephisto“ oder „Deep Water“, rund 3.000 Besucherinnen und Besuchern und einem riesigen Gendarmerieaufgebot. Als Gastband war die bekannte Wiener Band „Novak’s Kapelle“ engagiert, die nach provokanten Aussagen allerdings fluchtartig Bühne und Gelände verlassen musste.

Beatkeller Fürstenfeld

Im Sommer 1965 wurde in Fürstenfeld in einem ehemaligen Weinkeller der erste Beatkeller eröffnet. Der gelernte Maschinenschlosser und freiberufliche Bandmanager Werner Szammer organisierte in einem ehemaligen Weinkeller einige Monate lang Konzerte und Tanzabende mit Bands wie „Atlantis“ oder „FBI Man“ aus der näheren Umgebung und Graz. Und das sehr zum Unmut der Mehrheitsbevölkerung und der Ordnungswächter: Wie einem Polizeibericht zu entnehmen ist, stellte der Keller nicht nur eine angebliche Gesundheitsgefährdung für die Jugend dar, sondern provozierte durch die dort gespielte Beat-Musik auch große Teile der Bevölkerung. Für junge steirische Beatfans war es allerdings einer der wichtigsten Orte, an dem sie ihre Musik konsumieren und dazu tanzen konnten.

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Steirisch und modern

Heimische Tanzbands versuchten aktuelle Lieder in ihr Repertoire aufzunehmen. So etablierten sich die ersten Beatsongs aus den USA oder England, zu denen ebenfalls gut getanzt werden konnte, und erste sogenannte Beatbands wurden gegründet. Auf die Frage, was denn gespielt werden würde, kam oft die Antwort: „steirisch und modern!“

Die Programme der ersten deklarierten Beatbands und der Tanzbands unterschieden sich zunächst kaum. Erst Ende der 1960er-Jahre gab es reine Beat- und später Rockformationen. Andere Gruppen professionalisierten sich als Tanzbands. Häufig gebucht waren „Die Teddys“, „Early Birds“, „Rivieras“, „San Remos“, „Scotch Quartett“, „Swing Rythmiker“, „The Dreams“, „The Sundays“, „The Tenders“, „Tornados“ oder die bereits ab 1961 aktive „Hill Wagner Showband“. Die Aushängeschilder der steirischen Tanzmusik waren aber spätestens ab Mitte der 1970er-Jahre die Bands „Golden Sunshine“, „Regenbogen“ und die „White Stars“, die zu den ersten und erfolgreichsten zählen.

Popendorf 71 – das „Mini-Woodstock“

Am Gelände des oststeirischen Schlosses Poppendorf fand 1971 das legendäre steirische Woodstock-Imitat „Popendorf“ statt. An die 20 heimische Bands gaben an drei Tagen ihr Live-Programm zum Besten und warteten dann gespannt auf den Auftritt der Wiener Gruppe „Novak’s Kapelle". Dieser Auftritt glich einer Publikumsbeschimpfung und geriet sehr schnell zum Desaster. Die Band wurde nach wenigen Minuten von der Bühne und anschließend vom Gelände verjagt.

Insgesamt waren rund 3.000 Fans angereist, um dem ersten regionalen Open-Air-Festival in der Steiermark beizuwohnen. Die Reaktionen des Publikums und der Presse fielen sehr unterschiedlich aus: Man erzählte von großartigen Konzerten, ausgelassener Stimmung, aber auch von abhandengekommenen Hühnern in der Nachbarschaft und dem Geruch von verbrannten Federn über so manchem Lagerfeuer. Bei diesem von Peter Stangl initiierten Wochenende mit jeder Menge „Hippieflair“ konnten sich heimische Bands gegenseitig „begutachten“. Bis heute gilt „Popendorf“ als Schlüsselerlebnis für viele steirische Musiker/innen und deren Fans.

Frauen in der Popmusik

Ausgerechnet in der Beatmusik, die für viele als Soundtrack der gesellschaftlichen Öffnung galt, war der Anteil an aktiven Frauen verschwindend gering. Reine Frauenbands wie die Wiener Formation „Rosée Sisters“ oder die britische Band „Liverbirds“ spielten zwar bereits in den Wirtshaussälen der Steiermark, doch regional fanden nur einzelne Gastauftritte von Sängerinnen bei Auftritten heimischer „Männercombos“ statt.

Erst ab den 1970er-Jahren etablierten sich endlich auch erste Musikerinnen: Zunächst Joseppa von „Musyl und Joseppa“, die mit der Rosegger-Vertonung Ein Freund ging nach Amerika berühmt wurden.

Goldie Ens aus Kapfenberg bekam nach einem Auftritt bei der ORF-Sendung „Showchance“ bald einen Plattenvertrag bei CBS und die Tanzband „The Strangers“ hatte ebenfalls eine fixe Sängerin in der Besetzung – Jahre später begann diese ihre Solokarriere und wurde zum weiblichen Aushängeschild der heimischen Popmusik: Stefanie Werger.