Bademode

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts wird nackt gebadet, allerdings streng nach Geschlechtern getrennt. Als diese Regelung an immer mehr Orten aufgehoben wird, bekommt die Bademode die Funktion, den Körper – besonders jenen der Frau – sittsam zu verhüllen. Zu den gängigen Modellen zählen graue Flanellhosen und Ärmel bis zu den Handgelenken oder lange Röcke und Matrosenhemd mit langen Puffärmeln aus Serge oder Mohair.

Dieser Verhüllungseifer, der besonders in den puritanisch geprägten USA an den Tag gelegt wird, fällt schon Zeitgenossen als übertrieben auf. So schreibt ein Beobachter des Strandgeschehens 1905, dass keine noch so entstellende Verhüllung grotesk genug sei, um nicht von den Frauen verlangt und befolgt zu werden. Dieser „Einmummelwahn“ sei ungesund, resümiert der Beobachter.

 

Um ins Wasser zu gelangen, wird an vielen Orten, besonders in Europa, ein Badewagen benutzt, der gleichzeitig als Umkleidekabine dient. Während der Fahrt ins Wasser tauschen die Badenden das Strandkostüm gegen die Bademode und gleiten dann – geschützt von einem Leinenvorhang – ungesehen ins Meer, um sich ein paar Minuten der wohltuenden Wirkung der Brandung auszusetzen. Schwimmen ist mit der schwerfälligen Montur nur schlecht möglich.

 

Eine der Reformerinnen der Bademode ist Annette Kellermann. Um Schwimmen zu können, schneidert sie sich einen ärmellosen, enganliegenden Gymnastikanzug, den sie abwechselnd mit Beinstrümpfen oder ohne trägt – je nachdem, wie liberal die Sitten im jeweiligen Land sind. Bei der Einschätzung der Gepflogenheiten am Strand von Revere nahe Boston irrt sie sich und kommt deswegen prompt mit dem Gesetz in Konflikt: Sie wird vorübergehend festgenommen, weil sie sich mit nackten Beinen gezeigt hat.

Annette Kellermann macht in Hollywood Karriere und ihr Badeanzug setzt eine Revolution in Gang. Noch gibt es allerdings Polizisten, die mit Maßbändern an den amerikanischen Stränden patrouillieren, um nachzumessen, ob Frauen nicht zu viel Haut zeigen. Mit der Zeit ziehen sich die Säume trotz allem immer weiter zurück.

 

Der Badeanzug der 1920er-Jahre ist sportlich und geschlechtsneutral: ein ärmelloses Badehemd mit oberschenkellangen Shorts, modisch und schick auch im Partnerlook.

Therese Kasimir im Badekostüm, ohne Datum, Fotograf: Alois Kasimir, MMS/UMJ
Annette Kellermann, um 1900, Fotograf: George Grantham Bain, Library of Congress
Baden im See, 1920er, MMS/UMJ

Ab den 1930er-Jahren ist es für Männer gesellschaftlich akzeptiert, nur mit einer Badehose bekleidet ins Wasser zu gehen. Und auch die Badeanzüge der Frauen werden immer knapper.

Bis zur Erfindung des Bikinis dauert es allerdings noch eine Weile. 1946, kurz nach dem Atomtest der USA auf dem Bikini-Atoll, schneidern unabhängig voneinander der Schweizer Louis Réard und der Franzose Jacques Heim jenes knappe Badekostüm, das fortan unter dem Namen „Bikini“ Furore macht.

Vielfache Verbreitung findet der Bikini allerdings erst in den 1960er-Jahren, was vielleicht auch daran liegt, dass frühe Bikinis nicht unbedingt modische Meisterwerke sind. So vertraut Victor Klemperer 1948 seinem Tagebuch an: „Die pralle Hose, der Busenhalter, die eingequetschte Nacktheit dazwischen … Man könnte darüber homosexuell werden.“ Verbesserungen der Passform bringen Perlon- und Nylongewebe. Mit diesen neuen Textilien ist es möglich, den Zweiteilern einen modellierten Sitz zu geben, der sich wie eine zweite Haut an den Körper der Trägerin schmiegt.

Drei Frauen im Bikini, 1960er, MMS/UMJ

Das Tragen erfordert Selbstbewusstsein, aber auch eine liberale Grundeinstellung vonseiten der Elterngeneration. So mancher Kampf muss erst ausgefochten werden, bis man als Tochter mit modischem Zweiteiler baden gehen kann.

Im (ehemaligen) Josefsbad in Kroisbach, Frau im Bikini, um 1960, Hauber, MMS/UMJ

Museum für Geschichte

Sackstraße 16
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T +43-316/8017-9800
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