Jun Yang Schriftzeichen auf dem Kunsthaus, Foto: Universalmuseum Joanneum/ M. Humpel

11. Februar 2019 / Barbara Steiner

Gibt es einen Unterschied zwischen zeitgenössischer österreichischer, europäischer und außereuropäischer Kunst?

Kunsthaus Graz

Vor Kurzem wurde ich gefragt, was der Unterschied „zwischen zeitgenössischer österreichischer, europäischer und außereuropäischer Kunst“ sei. Diese Frage hat mich in verschiedener Hinsicht erstaunt. Ist österreichische Kunst denn keine europäische? Und was macht man mit kulturellen Überlagerungen, die sich nationalen oder kontinentalen Kategorien entziehen?

Nehmen wir den international erfolgreichen in Graz lebenden Schriftsteller Fiston Mwanza Mujila: Er ist kongolesischer Herkunft und hat kürzlich den wichtigsten steirischen Literaturpreis, den Peter-Rosegger-Preis, bekommen. Er selbst sieht sich als Grazer und Kongolese. Oder die heurige Kunstpreisträgerin der Stadt Graz: Azra Akšamija. Die aus Bosnien-Herzegowina stammende Akšamija ist in Graz aufgewachsen und hat an der Technischen Universität Graz Architektur studiert. Heute arbeitet die Künstlerin und Architektin am Massachusetts Institut of Technology (MIT) in Cambridge.

Ein weiteres Beispiel:

Am 14. Februar eröffnen wir eine Einzelausstellung von Jun Yang, einem Künstler, der 1975 in Qingtian, VR China, geboren wurde und im Alter von vier Jahren mit seinen Eltern nach Wien kam. Yang besitzt einen österreichischen Pass, er wuchs in Wien auf und lebt seit 2008 vorwiegend in Taipei und Yokohama, ohne dass die Verbindung zu Österreich jemals abgebrochen ist. Yang hat wiederholt in Graz ausgestellt: bei <rotor>, im Kunstverein, im Eisernen Haus, anlässlich der Europäischen Kulturhauptstadt 2003 und zuletzt vor zwei Jahren beim Festival steirischer herbst.

Gegenwärtig kann man eines seiner Werke in der Schau Chinese Whispers im MAK Wien sehen, eine Ausstellung der größten Sammlung zeitgenössischer chinesischer Kunst.

Heute lebt Yang in Wien, Taipei und Yokohama. Immer wenn er gefragt wird, ob er Österreicher, Chinese, Japaner etc. sei, fällt seine Antwort variantenreich aus: „Ich bin Österreicher“, „Ich bin Europäer“, „Ich bin aus Taiwan, Japan, China, Wien.“ Auch in seinen Arbeiten fordert Yang auf verschiedenen Ebenen Vorstellungen heraus, was es bedeutet, ein „Wiener“, ein „Österreicher“, ein „Chinese“, „Asiat“ oder „Europäer“ zu sein. Von hier lässt sich ein Bogen zum Programm des Kunsthauses Graz und dessen Fokus schlagen, Österreich zu anderen Teilen der Welt in Beziehung zu setzen und jenen kulturellen Verflechtungen nachzugehen, die sich über territoriale Grenzen eines Staates hinwegsetzen und nationale Begrenzungen herausfordern. Jun Yangs Ausstellung passt perfekt in diese Ausrichtung.

 

Kultureller Austausch

Nicht erst seit den letzten Jahren, sondern seit Jahrhunderten gibt es Wanderbewegungen, und damit einhergehend wechselseitige Einflüsse und kulturellen Austausch. Auf die Ebene des Alltags heruntergebrochen bedeutet dies:

Wir essen Spaghetti und Eis (übrigens aus China), kochen italienisch, arabisch oder indisch und wandeln die Rezepte mitunter entsprechend unseres Gaumens ab, tragen Kleidung, die in Bangladesch und Indien gefertigt wurde und verwenden selbstverständlich Smartphones, wobei diese ohne seltene Erden aus China und Coltan aus der DR Kongo nicht funktionieren würden. Die Beziehungen sind dabei höchst asymmetrisch: Vorteile aufseiten der Verbraucher/innen sind willkommen, das schmutzige Geschäft (buchstäblich gesprochen) wird allerdings gerne anderen überlassen.

Es ist paradox: Wir leben kulturelle Hybridität im Alltag geradezu selbstverständlich. Doch wenn es um Identitäten geht, soll es plötzlich möglich sein, zwischen Österreich, Europa und Außereuropa zu unterscheiden?

Kategorie: Kunsthaus Graz
Schlagworte: Logbuch Barbara Steiner


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