Tschatschkette

Amulettkette mit 13 Amuletten an einer roten Schnur
Verschiedene Materialien, 17. bis 19. Jahrhundert

 

Tschatsch bedeutet Anhängsel, Kleinigkeit, Plunder, Tand. Die Kette wurde im Jahre 1920 von einer Grazerin an das Volkskundemuseum übergeben. Bei wem sie in Gebrauch war, ist nicht bekannt. In der Sammlung des Volkskundemuseums zum Sachgebiet Aberglauben – übrigens eine der umfangreichsten im deutschsprachigen Raum – stellt sie ein markantes Stück zum vormodernen Weltverständnis und zu den Praktiken von Heilung und Vorsorge dar.​

Amulettketten wie diese waren im süddeutschen und österreichischen Raum bis ins 20. Jahrhundert sehr verbreitet. An ihnen lässt sich ablesen, welch allgegenwärtigen Gefahren eine Person sich ausgesetzt sah und welche popularmagische Strategien sie gegen ihre Ängste einsetzte. Jedem einzelnen Schutzmittel wurde eine andere Wirkung nachgesagt, die alle auf den Gesetzmäßigkeiten abergläubischen Denkens basierten. Ihre Kräfte konnten einander auch überlappen oder gar verstärken. Man bewahrte die Ketten an einem besonderen Ort auf oder nahm sie mit auf Reisen. Besonders in Bayern trugen manche Männer auch einzelne Amulette an ihren Uhrketten.


Zur Bedeutung der einzelnen Stücke:

Neidfeige

Die aus Holz geschnitzte Geste der Faust, bei welcher der Daumen zwischen Zeige- und

Mittelfinger geschoben ist, findet sich bereits unter altägyptischen Amuletten und in der griechischen und römischen Antike. Die Feigenhand ist Sinnbild der Vulva, bezeichnet aber auch den Geschlechtsverkehr und gilt als derber Spottgestus und grobe Beleidigung. Sie diente als Abwehrmittel gegen den Bösen Blick und das Verschreien. Bis ins vorige Jahrhundert wurde sie auch bei uns als vulgäres Zeichen benutzt, wie heute noch in mediterranen Kulturen. Man machte diese Geste heimlich, wenn etwa die eigenen Kinder, das Vieh oder Haus und Hof gelobt wurden, um den Bösen Blick von dem Gelobten abzuwehren. Zum Amulett materialisiert sollte sie durch den obszönen Affront alles Böse abschrecken.

Bernsteinkugel

Das fossile Harz der Bernsteinkiefer (Pinus succinifera) wurde in der griechischen Mythologie als Tränen der Töchter des Sonnengottes Helios gedeutet, die sie über den Tod ihres

Bruders Phaeton vergossen hatten. Bernstein galt als Mittel gegen und Abwehr von Gicht, welche in der Temperamentenlehre als eine melancholische Störung im Gleichgewicht der Säfte galt und vor allem cholerisch-sanguinische Charaktere befiel. Er half aber auch gegen Zahnschmerz und den Bösen Blick.

Zwei in Silber gefasste Malachite

Der Malachit ist ein recht weiches Mineral, das sich leicht bearbeiten lässt. Sein Name leitet sich vom lateinischen malacus (weich) ab. Da Bestrebungen zur Erleichterung einer Geburt darauf abzielten, den Gebärkanal für die Passage des Kindes elstisch zu machen, erlangte der Malachit den Rang eines Schutzamuletts und wurde auch „Hebammenstein“ genannt. Schwangere banden sich Malachite um den Bauch oder trugen ein „Wehenkreuz“ aus Malachit bei der Geburt.

Zwei Serpentine

Die Maserung des Serpentins soll an die Haut von Schlangen erinnern, vor denen man erschrickt, wenn man sie sieht. Werdende und stillende Mütter trugen ihn als „Schreckstein“ nach dem Grundsatz „Gleiches gegen Gleiches“ und schützten sich damit vor einem Erschrecken, welches zu Missbildungen beim Kind oder zum Versagen der Muttermilch führen sollte. In Form des „Verschreiherzes“ sollte der Serpentin allgemein vor Unglück schützen, das ein ausgesprochenes Lob nach sich ziehen konnte.

Phiole

Wahrscheinlich enthielt das kleine Behältnis aus geschliffenem Bergkristall einst das weit verbreitete Walburgisöl aus dem bayrischen Kloster Eichstätt. Seit der Mitte des 11. Jahrhunderts und der Umbettung der Gebeine der hl. Walburga in einen Steinsarkophag sondert diese Grabstätte in der kühlen Jahreszeit ein Kondensat ab, das als Öl aus dem Brustbein der Heiligen gedeutet wurde.

Es wird tropfenweise bei allen leiblichen Schäden eingenommen oder direkt zur Wundheilung verwendet. Als Amulett soll es besonders Wöchnerinnen schützen.

Korallenzweig und Korallenkugel

Die Koralle (Corallium rubrum) war aufgrund ihrer natürlichen Wuchsform und ihrer Farbe ein weit verbreitetes Amulett. Als Versinnbildlichung eines möglichen Schadens sollten die Ästchen Kinder vor Misswuchs bewahren, die rote Färbung hingegen wies auf seine Verwandtschaft mit dem Blut hin und galt im übertragenen Sinn als Symbol für das Leben. Daher wurden Korallen zur Blutstillung eingesetzt, als Schutz gegen alle Arten von Verletzungen getragen, und sie sollten ganz allgemein das Leben vor jeglichem Unglück und dem Bösem Blick schützen.

Wolfszahn

Kindern wurden Zähne von Raubtieren, vor allem des Wolfes, zum Lutschen oder Beißen gegeben, um das Zahnen zu erleichtern. Das Pfeifchen am anderen Ende der Fassung machte den Zahn gleichzeitig zum Spielzeug. Als Amulett umgehängt sollten Wolfszähne für ein starkes Gebiss sorgen.

Stoffbreverl

In solchen kleinen Polstern befinden sich gefaltete Kupferstiche mit Segen und Gebeten sowie Heiligendarstellungen und enthalten meist weitere Kleinstamulette wie Münzen, Kreuze, Pestpfeile, Heiligenfigürchen, Samen, Pflanzenteile oder Palmkätzchen. Sie vermittelten einen mehrfachen Schutz. Diese „Breverln“ sollten vor bösen Einflüssen, Verhexung und Besessenheit, Pest, Feuer, Unwetter und Soldaten vor Kugeln schützen. Die Kirche kämpfte zeitweise stark, aber vergeblich gegen ihre Verwendung an. Noch im 20. Jahrhundert erfreuten sie sich großer Beliebtheit.

Das Medaillon beinhaltete vielleicht ein persönliches Erinnerungsstück oder eine Heiligendarstellung.

Die Bedeutung der Eggenberger Silbermünze aus dem Jahr 1658 ist unklar. Wahrscheinlich gehörte diese Kette ursprünglich einer Frau. 

Die Tschatschkette ist in der Dauerausstellung im Volkskundemuseum ausgestellt. 

Volkskundemuseum

Paulustorgasse 11-13a
8010 Graz, Österreich
T +43-316/8017-9900
volkskunde@museum-joanneum.at

 

Öffnungszeiten
24. März bis 30. Dezember Mi-So, Feiertag 14 - 18 Uhr


Führungen für Gruppen und Schulklassen

Di-Fr von 1. April bis 31. Dezember 2017 und

Di-Fr von 24. März bis 30. Dezember 2018
auch außerhalb der Öffnungszeiten nach Voranmeldung

 

24. bis 25. Dezember