Rätselhafter Männerrock

Fallbeispiel historischer Kleiderforschung

Museumsarbeit: Spannend wie ein Krimi
Video: Stefan Gröching

Männerjacke: Steiermark, 19. Jahrhundert, Loden, reichhaltige Tuchapplikationen, Hirschhornknöpfe

Wie in einer Detektivgeschichte lassen die Wissenschaftlerinnen des Museums alle Register der volkskundlichen Recherche anhand dieses Stücks spielen und verweisen auf die Vielstimmigkeit der Sprache der Dinge. Am Beispiel eines Männerrocks mit ungewöhnlich reichen Applikationen, der 1923 dem Museum geschenkt wurde, führt das Volkskundemuseum hinter die Kulissen seiner alltäglichen Arbeit. Aus den spärlichen Aufzeichnungen im Inventar erfährt man nämlich nichts über seine Herkunft, seinen Besitzer und die vielfältigen Verzierungen.

Die Herkunft des Rockes


Wie kam der Rock ins Museum?
Er wurde im Jahr 1923 als Geschenk von einer in Graz lebenden Frau Marie Pamperl dem Volkskundemuseum überlassen. In der knappen Beschreibung im Sammlungsinventar wird angemerkt, dass es sich möglicherweise um ein Faschingsgewand handle. 


Wer war Frau Pamperl?
Nachforschungen ergaben, dass Marie Pamperl am 14. Jänner 1852 in Klagenfurt geboren wurde und bei Adoptiveltern aufwuchs. 1870 heiratete sie Karl Pamperl. 1886 wanderte die Familie in die Vereinigten Staaten aus, kehrte sieben Jahre später wieder nach Europa zurück und lebte für weitere sechs Jahre in der Schweiz. Marie Pamperl lebte in späteren Jahren in Graz. Wie sie in den Besitz des Männerrockes kam, ist nicht nachweisbar. 


Wie ist der Rock gearbeitet? 
Der Männerrock aus graubraunem Loden ist rundum kontrastierend grün eingefasst („eingebandelt“) und weist zahlreiche maschinell genähte Zacken- und Bogenverzierungen, Blattranken sowie Zierelemente an den Taschen und Teilungsnähten auf. Hirschhornknöpfe dienen als Verschluss und Zier an den Ärmeln und an den Revers. Der Rock trägt Merkmale, die in der Weststeiermark – im Raum Köflach, Pack und Stubalm – in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Männertracht typisch waren: reichhaltige grüne Applikationen auf hellen, graubraunen Lodenröcken und -hosen sowie eine Vorliebe für rot unterlegte Taschen.

Auffallend sind aber die vielen zusätzlichen Applikationen aus grünem Tuch (Schafwollstoff), die in unterschiedlichen Stoffqualitäten und Farbtönen von Hand mit groben Vorstichen oder mit Knopflochstich aufgenäht sind. Sie unterscheiden das Kleidungsstück deutlich von einem Werktags- oder Sonntagsrock. Das ursprüngliche Kleidungsstück ist eine einfache, aber professionell gefertigte Schneiderarbeit und wurde nachträglich von Laienhand weiter bearbeitet. Bei sämtlichen Namen und Begriffen fällt neben den häufigen Schreibfehlern auf, dass alle N und Z seitenverkehrt aufgenäht sind. Die späteren Applikationen reichen nicht an die Qualität des Ausgangsprodukts heran. Sie wurden von verschiedenen Personen – Männern oder Frauen – hergestellt. Zumindest sind die unterschiedlichen Stoffe und Sticharten ein Indiz dafür.

Namen, Orte, Jahreszahlen, Bildgeschichten und Symbole


Drei historische Personen. Wer waren sie?
Drei verschiedene Personennamen sind auf den Ärmeln des Rockes zu finden. MATHEUS KRUG steht außen auf dem rechten Ärmel zu lesen. An der Innenseite ist der Rest des Schriftzuges M. Kr – wohl auch Matheus Krug – in Schreibschrift zu erkennen. Der Nachname Krug ist in der Köflacher Gegend verbreitet. Datum und Ort der Geburt eines Matheus Krug konnten ausfindig gemacht werden: 31. August 1842 in Puchbach. Weitere Einzelheiten über sein Leben sind allerdings nicht bekannt.  

Wer waren P.QIRRIN FAPIAN und P. TEOPALT SAURER?
Der Franziskanerpater Quirin Fabian (1841–1903), gebürtig aus Groß-St. Florian, war in Maria Lankowitz Katechet, dann Guardian im dortigen Franziskanerkloster und bis 1890 Pfarradministrator. Danach war er in Graz Mariatrost tätig. P. Theobald Saurer (1824–1875), ebenfalls Franziskaner, geboren in Telfs, wirkte in Maria Lankowitz ab 1855 zunächst als Kaplan, dann bis zu seinem Tod als Pfarradministrator. Die beiden Ordensgeistlichen waren also Zeitgenossen von Matheus Krug. Welche konkrete Rolle sie in seiner Lebensgeschichte gespielt haben, ist nicht geklärt. 

Stationen eines Lebens oder Wunschdestinationen – oder beides?
Erdteile, Länder- und Ortsnamen zählen zu den Applikationen auf den Ärmeln: UNGARN, AMERIKA, POSIEN (Bosnien?), ENGELANT (England), WIEN, MAILAND, EIROPA (Europa) und AFRIKA, TALMAZIEN (Dalmatien) und ASIEN, KARND (Kärnten?), TIROL sowie LANKOWIZ. Maria Lankowitz, bei Köflach in der Weststeiermark, wird als einziger Ortsname zweimal erwähnt. Die Gemeinde liegt nicht nur in nächster Nähe zum Geburtsort von Mathäus Krug, auch die beiden genannten Patres waren dort tätig. 

Daten der Weltgeschichte oder Persönliches?
Die aufgenähten oder applizierten Jahreszahlen 1811, 1812, 1873, 1886 ,1887, 1888 und 1889 unterscheiden sich in Material, Farbe, Größe und verwendeter Stichart, was auf mehrere Entstehungsphasen und verschiedene Näher/innen hinweist.
Sind diese Daten historische Meilensteine? 1811 wird das erste Allgemeine Bürgerliche Gesetzbuch verlautbart und tritt 1812 in Kraft. Im Juni 1812 zieht Napoleon unter Beteiligung österreichischer Truppen gegen Russland ins Feld. 1873 findet die fünfte Weltausstellung in Wien statt. Gleichzeitig kommt es zum Wiener Börsenkrach. Die Jahreszahlen 1811 und 1812 liegen rund 30 Jahre vor der Geburt des Matheus Krug und sind nachweislich auch nicht die Geburtsjahre seiner Eltern. Dennoch dürften sämtliche Jahreszahlen wohl biografische Bedeutung haben. 

Heraldische Symbole
Drei verschiedene Doppeladlerpaare sind in unterschiedlicher Machart an Revers, Ärmeln und Schultern zu sehen. Die heraldischen Differenzierungen hingen wahrscheinlich vom Geschick des Schneiders oder der Näherin bei der Wiedergabe der verfügbaren Bildvorlage ab. 

Jagdszenen und Tierdarstellungen: War der Träger des Rockes ein Jäger oder – ein Wilderer?
Vier verschiedene Jagdszenen sind auf dem Rock abgebildet. Zwei Jäger werden von zwei Hellebardenträgern begleitet. Neben einem Jäger, der auf einen Hirsch zielt, ist die Zahl 100 aufgenäht. Als Hunde und Füchse lassen sich acht Tiere identifizieren, die an den Ärmeln und am Rücken appliziert sind. Rote Garnspuren zeichnen Augen und Maul der Tiere nach und sind auch an deren Weidloch (After) zu sehen. Zwei Hähne schmücken die Brusttaschen des Rockes, und zwei Schlangen sind unter den zahlreichen figuralen Verzierungen am Rücken zu finden. 

Fromme Bilder oder Anspielungen auf Biografisches?
Auf Kragen bzw. Ärmel sind die Begriffe IÜNGSTE TAG (Der Jüngste Tag) und NOES SÜNTFLUT (Noahs Sintflut) angebracht. Eine mehrteilige Bildgeschichte ist unterhalb der rechten Tasche aufgenäht: Die Szene stellt wahrscheinlich Adam und Eva bei der Vertreibung aus dem Paradies dar. Die gestaltete Fläche zeigt weiters die Buchstaben IHS mit darüber stehendem Kreuz und drei Kreuznägeln. Es ist die Kurzform des Namens Jesus in griechischer Sprache. 

Heiligenfiguren - Hinweis auf Berufliches oder Lokales?
Zwei Gestalten mit Rost und Palmzweig sind in der Rückenmitte symmetrisch nebeneinander zu sehen. Wahrscheinlich sind es Darstellungen des hl. Diakons Laurentius, Patron der Armen, Bäcker, Wirte und Köche, der nach der Legende sein Martyrium auf einem Bratrost erlitten hat und diesen daher als Attribut trägt. Der Palmzweig wäre bei dieser Deutung die Märtyrerpalme. Gehörte der Besitzer des Rockes einer dieser Berufsgruppen an? Ein lokaler Bezug zum hl. Laurentius könnte sich wiederum durch das Laurentius-Patrozinium im nicht weit von Lankowitz entfernten Edelschrott ergeben.

Unter dem linken Taschenschlitz ist eine weitere Bildgeschichte angebracht: Es dürfte sich um die Legende des hl. Isidor von Madrid handeln. Ein mittelgrüner Tuchstreifen, in der durchschnittlichen Größe der auf dem Rock verwendeten Buchstaben appliziert, könnte „I“ für Isidor bedeuten. 

Forschungsergebnisse und offene Fragen


Die professionelle Verarbeitung und grundlegende Gestaltungsmerkmale ermöglichen eine regionale und zeitliche Zuordnung in den Raum Köflach bzw. in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Als vermutlicher Besitzer konnte Matheus Krug, dessen Lebensmittelpunkt zumindest zeitweise in der Gegend von Maria Lankowitz gewesen sein dürfte, samt Geburtsdatum bestimmt werden.

Zum Verwendungszweck des Rockes ergeben sich aus der Kombination von Schriften und Bildern zwei Interpretationslinien: eine religiös-regionale und eine biografische. Entweder stellen die weltweiten Ortsangaben ein symbolisches Umfangen des Erdkreises und die bildlichen Darstellungen persönlich wichtige Glaubensinhalte des Trägers dar. Oder die Ortsangaben bilden einen konkreten Bezug zum Lebenslauf des Trägers und verweisen auf Städte, Länder und Kontinente, die er womöglich selbst bereist hat. Die Jahreszahlen und religiösen Motive markieren besondere Ereignisse in seinem Leben.

Über den konkreten Grund, warum dieser Rock mit den reichhaltigen Applikationen versehen wurde, können wir nur Vermutungen anstellen. Gegen die Theorie, es könnte ein Faschingsgewand gewesen sein, spricht die aufwendige und offensichtlich mehrstufige Gestaltung. War es eine Art textile Biografie als Geschenk zu einem Jubiläum oder einem bestimmten Anlass im Leben, vielleicht ein persönliches Erinnerungsstück eines besonderen Menschen? 

Der Rock ist ein Lehrstück, an dem sich vieles studieren lässt, doch es zeigt auch die Grenzen musealer Forschung auf – denn Funktion und Bedeutung des Objekts eröffnen sich ohne Spekulation letztlich nicht. Viele Fragen bleiben offen. 

 

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