Andrea M. Galdy:

Zur andauernden Relevanz von historischen Rüstkammern für die Sammlungsgeschichte

 

Wissenschaftler/innen, die sich mit der Erforschung fürstlicher Sammlungen während der frühen Neuzeit beschäftigen, werden vermutlich zustimmen, dass eine reiche und gut-präsentierte Rüstkammer einst das Kernstück der Besitzungen vieler Herrscher/innen war. Rüstungen auf dem letzten Stand der Technik und die neuesten Waffen konnten den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten, sowohl in der Schlacht als auch auf dem Turnierplatz. Aristokraten wurden dazu erzogen, sich im Kampf, bei der Jagd, und im Turnier auszuzeichnen. Darüber hinaus hatten sie die Mittel, um sich die notwendige Ausrüstung leisten zu können – da das eine bedeutende Ausgabe bedeutete, wurden Rechnungen für die beste Technik und auch für die schönste und modischste Ausstattung gezahlt. Der Besitz einer besonderen maßgeschneiderten Rüstung, die von einem wichtigen Meister Plattner hergestellt wurden, bedeutete definitiv ein Status Symbol. Solche Objekte wurden auch als passende diplomatische Geschenke unter Aristokraten verwendet.

Rüstkammern waren oft die Keimzelle einer neuen Sammlung. Da sie historische Stücke, zum Beispiel Rüstungen oder Waffen die einst einer berühmten historischen Persönlichkeit wie Karl dem Großen gehört hatten, enthielten, konnten Rüstkammern zur Bedeutung eines neuen regierenden Hauses beitragen. Diplomatische Geschenke von lebenden „Kollegen“, die eine bestimmte Rüstung während eines erfolgreichen Feldzuges getragen hatten, erhöhten ebenfalls die Relevanz und Bedeutung einer fürstlichen Sammlung.

 

Obwohl man das Phänomen der Rüstkammer als essentiellen Teil frühneuzeitlicher Sammlungen verstehen kann, herrscht von unserer Perspektive des 21. Jh. immer noch der kunsthistorische Blickwinkel auf Kosten anderer Disziplinen vor. In Kombination mit einer heute üblichen negativen Auffassung von allem, was mit Krieg oder Militär zu tun hat, stellen selbst die noch existierenden fürstlichen Rüstkammern eine Herausforderung an die Kuratoren und Vermittler dar. Allerdings wurden nicht alle Rüstkammern als Schauplätze für die Selbstdarstellung von der Kultur und Macht der Eliten kreiert. Das Grazer Landeszeughaus funktionierte zum Beispiel als Depot, aus dem heraus die Bevölkerung wenn nötig bewaffnet werden konnte, wie das in einer häufig umkämpften Grenzregion wie der Steiermark immer wieder vorkommen konnte. Diese reichhaltige Sammlung von Rüstungen und Waffen war dennoch im 18. Jh. von Auflösung und Zerstörung bedroht, vermutlich als Teil einer neuen Politik der Zentralisierung durch den kaiserlichen Hof in Wien. Damals verteidigten die Grazer Bürger ihr Zeughaus erfolgreich und es existiert bis heute als eine historische Sammlung von Rüstungen und Waffen, statt in ein mehr oder weniger zeitgemäßes Museum umgewandelt zu sein. Deshalb müssen Führungen und museumspädagogische Programme gefunden werden, als auch eine Form von Nummerierung anstatt von Texten und Erklärungen, die möglichst wenig eingreifen in ein ordentlich aufgestelltes Depot, das ursprünglich zur Bereitschaft und nicht zur Ausstellung geschaffen wurde.

 

Mein Interesse in die Geschichte von Rüstkammern ist Teil eines andauernden Interesses in die Sammlungsgeschichte nördlich und südlich der Alpen. Ursprünglich lag der Fokus meiner Forschung vor allem auf Antikensammlungen im Florenz des 16. Jh. Ein besseres Verständnis der multidisziplinären Kategorien von Sammlungsobjekten in den Uffizien in Kombination mit neuerer Forschung zur Rolle von Geberländern und –höfen, die Teil eines internationalen aristokratischen Netzwerks waren, hat zur Ausweitung meines Interesses auf Sammlungskategorien beigetragen, die immer noch zugunsten von attraktiveren und leichter vermittelbaren Objekten, wie zum Beispiel Kunstwerken, vernachlässigt werden. 

 

 

Kurzbiographie: 

Andrea M. Gáldy promovierte an der University of Manchester mit einer Dissertation zu den Antikensammlungen von Cosimo I de’ Medici aus dem sechzehnten Jahrhundert. Post-doc Stipendien von der Henry Moore Foundation und dem Harvard University Center for Italian Renaissance Studies at Villa I Tatti ermöglichten es ihr, Forschungen zu den kurfürstlichen Sammlungen am Hof von Dresden und zu den Besuchern von Antikensammlungen in einer Stadt mit wenigen noch sichtbaren antiken Monumenten wie Florenz durchzuführen.

Im Jahr 2004 gründete Andrea Gáldy mit zwei Londoner Kolleginnen das internationale Forum Collecting & Display. Die Gruppe hält regelmäßige Forschungsseminare am Institute of Historical Research in London und organisiert internationale Tagungen zu spezifischen Aspekten der Sammlungsgeschichte. Die Tagungsbände werden von Cambridge Scholars Publishing als Teil einer speziellen Reihe Collecting Histories herausgebracht. Der jüngst publizierte Band 5 befasst sich mit Collecting Nature (2014).

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