Sammlungskonzept der Kulturhistorischen Sammlung

Ausgangslage

Die Kulturhistorische Sammlung wurde im ausgehenden 19. Jahrhundert mit dem Ziel begründet, 1) die Kulturepochen des Landes Steiermark vom Mittelalters bis zur Gegenwart zu dokumentieren sowie 2) eine Musterkollektion für das heimische Kunsthandwerk zu erhalten. Insgesamt umfasst die Sammlung heute gut 35.000 Objekte, darunter Andachtsbilder, Bücher und Grafiken, Orden und Medaillen, Eisenobjekte und Möbel, liturgische Geräte und Musikinstrumente, Kacheln, Geschirr und Vasen, wissenschaftliche und technische Geräte, Uhren und Teppiche, Kleidungsstücke und Schmuck. Einen besonderen Sammlungsbestand stellt eine Reihe historischer, im Land zusammengetragener Raumensembles dar.


Die Sammlungsgeschichte des 20. Jahrhunderts war durch eine Fortführung der begonnenen Sammlungen bestimmt, neue Themen und Materialien wurden jedoch nicht in angemessener Weise berücksichtigt. Vor diesem Hintergrund planen wir für die kommenden Jahre:

 

  1. die qualitative Entwicklung der vorhandenen Sammlungsbestände durch Forschung im Rahmen eigener Projekte, durch Diplomarbeiten und Dissertationen sowie durch externe Expertinnen und Experten;
  2. die qualitative Entwicklung der vorhandenen Sammlungsbestände durch Restaurierungsprojekte, sofern diese im Rahmen von eigenen und extern finanzierten Initiativen und Ausstellungsvorhaben möglich sind;
  3. die punktuelle Erweiterung der traditionellen Sammlungsbereiche dort, wo es vor dem Hintergrund mangelnder räumlicher und finanzieller Ressourcen sinnvoll ist;
  4. wo dies möglich ist: die Aktualisierung des Sammlungsauftrages durch Fortführung traditioneller Objektgruppen in ihrer zeitgemäßen Form (z. B. Leuchtreklamen anstelle der aus Eisen gefertigten Geschäftsaushänge);
  5. ein Nachsammeln des 20. und frühen 21. Jahrhunderts zu folgenden Themen, die allesamt – wenn auch mit anderer Begrifflichkeit – in den vorhandenen Beständen grundgelegt sind:

Sammlungsbereiche 20./21. Jahrhundert


Politische Geschichte der Steiermark
Späte Monarchie und Erster Weltkrieg, Erste Republik, Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg, Zweite Republik, die Steiermark als Teil eines Europas der Regionen, Ereignisse, politische Akteurinnen/Akteure und Persönlichkeiten der steirischen Politikgeschichte, die Geschichte der Parteien, zivilgesellschaftliches Engagement in Protest- und internationalen Bewegungen, zentrale Momente der Rechts- und Verwaltungsgeschichte.

 

Arbeit und Produktion
Industrialisierung der Steiermark, Sparten und Wirtschaftsentwicklung im Verlauf des 20. Jahrhunderts, Wandel der Arbeit, Arbeiterinnen und Arbeiter, Geschichte der Wirtschaftsmigration, Ressourcen und Naturverständnis.

 

Mobilität
Geschichte der Eisenbahn, des Automobil- und Flugverkehrs in der Steiermark, Fahrzeugproduktion und Infrastrukturentwicklung in der Steiermark, das Radfahren und weitere Formen der Bewegung im Rahmen von Reisen und Freizeit, Mobilität und Umwelt.
 

Medien und Kommunikation
Technische Innovationen, die mit neuen Möglichkeiten der Informationsgewinnung und des Austauschs den Alltag der Menschen in der Steiermark veränderten, so z. B. die Verbreitung von Zeitung, Radio und Fernsehen, Morse- und Telefonapparat, Mobiltelefon und Internet.

 

Bildung und Erziehung
Geschichte von Kindheit und Bildung, geschlechterspezifische Erziehungskonzepte, Geschichte des steirischen Schulwesens, weitere Institutionen und Organisationen für Kinder und Jugendliche in der Stadt und auf dem Land, Spielzeug, Jugendkultur.


Medizin und Körper
Geschichte der Medizin und der medizinischen Versorgung in der Steiermark, Konzepte von Gesundheit und Krankheit, bedeutende Institutionen, Akteure und Persönlichkeiten der steirischen Medizingeschichte, Ausbildung und medizinische Berufe.

 

Mode und Konsumkultur
In Fortführung der bisherigen Schwerpunkte und unter Achtung des lokalen Bezugs: Damen-, Herren- und Kindermoden, Schuhe, Hüte und Taschen, Schmuck und Accessoires, Erscheinung der Warenkultur.

 

Räume und Architekturen
Wandel der Wohnkultur und Entwicklung des öffentlichen Raums in der Steiermark, funktionale Architekturen der Moderne und Zweiten Moderne in Form von Modellen und Fragmenten: die Fabrik, das Warenhaus, die Zeitungsredaktion, das Grandhotel, das Schulzentrum etc., Wahrnehmung von Natur/Landschaft/Umwelt.

Prinzipien der Sammlungsentwicklung

Unbedingter Steiermark-Bezug!
Vor dem Hintergrund unserer institutionellen Zuständigkeit und einer tendenziell global austauschbaren Warenkultur kann nur in die Kulturhistorische Sammlung eingehen, was thematisch lokal relevant, in der Steiermark produziert oder genutzt wurde bzw. mit Personen in Verbindung steht, die in der Steiermark gelebt und gewirkt haben.

 

Exemplarisches anstelle von enzyklopädischem Sammeln!
Es ist weder möglich noch erstrebenswert, die skizzierten Themen in ihrer ganzen Breite und Komplexität zu fassen. Für die Kulturhistorische Sammlung als Überblickssammlung zum Werden und Wandel des Landes geht es um die punktuelle und exemplarische Dokumentation markanter Entwicklungen und Wendepunkte, um Qualität vor Quantität.

 

Gesellschaftliche Repräsentativität
Stärker als bisher soll auf die Repräsentation aller gesellschaftlichen und vor allem bislang in der Sammlung nicht in angemessener Weise vertretenen gesellschaftlichen Gruppen geachtet werden.

 

Zusammenarbeit
Neben der Abstimmung mit anderen, im weiteren Sinn kulturhistorischen Sammlungen am Universalmuseum Joanneum wird die bestmögliche Kooperation mit regionalen Museen im Sinne einer gemeinsamen „Sammlung Steiermark“ gesucht.

 

Schwerpunkte, aussagekräftige und ausstellbare Objekte
Forschungsprojekte und Ausstellungen werden künftig zum schwerpunktmäßigen Sammeln von Zeitabschnitten, Themen oder Regionen genutzt. „Schwellenprodukte“, die den Übergang in eine neue Ära markieren, werden gezielt gesucht. Die grundsätzliche Ausstellbarkeit eines Objekts ist Voraussetzung für seine Aufnahme in die Sammlung.

 

Das Sammlungskonzept gilt für fünf Jahre. Danach erfolgt ein kritischer Blick auf die definierten Themenfelder bzw. Sammlungsbereiche und gegebenenfalls deren Bestätigung, Modifikation oder Erweiterung.

Museum für Geschichte

Sackstraße 16
8010 Graz, Österreich
T +43-316/8017-9800
geschichte@museum-joanneum.at

 

Öffnungszeiten
Mi-So, Feiertag 10 - 17 Uhr

 

10. Juni

24. bis 25. Dezember
31. Dezember