Hab und Gut von Dienstboten

Holztruhe und Arbeitsgewand

Holztruhe, Ende des 19. Jahrhunderts, sowie
Arbeitsdirndl, Schürze, Kopftuch und 
„Holzzockel“ (Schuhe), 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts, Foto: UMJ

Wurde die Dienstbotin oder der Dienstbote nach Ablauf des mündlichen Vertrages nicht weiterbeschäftigt, oder wollten diese das von sich aus nicht, mussten sie mit dem gesamten Hab und Gut, das meist in einer Truhe Platz hatte, auf einem anderen Bauernhof vorstellig werden.

Vor allem in Kriegs- und Notzeiten waren „Holzzockel“ (Lederschuhe mit Holzsohle) als Arbeitsschuhe  in verschiedenen landwirtschaftlichen Bereichen – zumeist in Eigenerzeugung hergestellt – in Verwendung. In vielen Gegenden Österreichs wurden diese Arbeitsschuhe – vielfach aus Ersparnisgründen – hergestellt, indem man auf vorgefertigte Holzsohlen das Oberleder von alten Schuhen nagelte. In der Weststeiermark bezeichnete man diese Arbeitsschuhe als „Zoaglschuah“ oder auch als „Hulzschuah“. Diese Arbeitsschuhe fanden vereinzelt bis in die 1970er-Jahre Verwendung. Ab den 1960er-Jahren wurden aber schon vermehrt Gummistiefel als Arbeitsschuhe getragen. 

Aus dem Leben von Dienstboten


Das bäuerliche Arbeitsjahr begann in vielen Teilen Österreichs mit Maria Lichtmess am 2. Februar. Im Osten Österreichs wurde der Dienstplatz auch in der Zeit zwischen Weihnachten und Dreikönig gewechselt, in der südsteirischen Weingegend war Martini (11. November) ein beliebter Tag, um die Arbeitsstelle zu wechseln. Die Dienstbotinnen und Dienstboten wurden üblicherweise für ein Jahr auf einem Hof angestellt.

Der Dienstantritt auf einem Hof kam einer Aufnahme in der Familiengemeinschaft gleich. Dienstbotinnen und Dienstboten begannen in der Regel im Alter von 14 Jahren zu arbeiten, manchmal waren sie aber auch wesentlich jünger. Bauer und Bäuerin übernahmen in diesem Fall die Rolle der Erziehungsberechtigten. Unter dem Gesinde herrschte eine ausgeprägte Hierarchie.

Der Arbeitstag begann zu Sonnenaufgang und dauerte bis Sonnenuntergang. Der Arbeitstag am Bauernhof war nicht streng nach Uhrzeit geregelt, sondern von den anstehenden Arbeiten geprägt. Je nach Jahreszeit und Witterungsverhältnissen arbeiteten Knechte, Mägde und Tagelöhner/innen 12 bis 17 Stunden, was einer Wochenarbeitszeit von 80 bis 100 Stunden entspricht. 

Die Arbeitszeit der Mägde war generell höher als die der Knechte, dennoch verdienten sie um ein Drittel bis um die Hälfte weniger. Die Mägde versorgten nicht nur den Haushalt, sie hatten auch Dienste im Stall und am Feld zu verrichten. Ihre Abendstunden verbrachten sie häufig mit Hand- und Flickarbeiten. Wollten sie weggehen, mussten sie die Bäuerin um Erlaubnis bitten. Die Zahl lediger Kinder war hoch, zumeist mussten die Frauen die Verantwortung für sie tragen.

Bildergalerie: Historische Fotografien

Bis zum Jahr 1868 war die Möglichkeit, eine Ehe einzugehen, für Dienstbotinnen und Dienstboten wegen der herrschenden Gesetzeslage nahezu ausgeschlossen: Bis dahin waren Eheschließungen an die Zustimmung der Gemeinde geknüpft, diese wiederum machte die Zustimmung von einer Bargeldsumme von 300 Gulden abhängig.Diese Summe war bei einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von 12 bis 15 Gulden bei Knechten und 8 bis 10 Gulden bei Mägden kaum aufzubringen. Seit der liberalen Gesetzgebung von 1868 waren auch Eheschließungen von Dienstbotinnen und Dienstboten möglich. Meistens scheiterten diese Ehen allerdings an der prekären finanziellen Situation sowie am Fehlen von geeigneten Wohnmöglichkeiten für die Familien. 

Sogar im Jahr 1934 waren in Österreich noch 93,4 % aller Knechte und 94 % aller Mägde unverheiratet. Man sprach in Anbetracht dessen sogar vom „Zwangszölibat“, dieses war zu Beginn des 20. Jahrhunderts neben der mangelnden sozialen Absicherung im Krankheitsfall und im Alter ein weiterer Grund für die Abwanderung der Dienstbotinnen und Dienstboten in die Industrie.

Auch im Krankheitsfall oder im Alter hatten Dienstbotinnen und Dienstboten bis ins 20. Jahrhundert keinen Anspruch auf Lohn bzw. Pension. Erst am 29. Oktober 1921 wurde vom Steiermärkischen Landtag die Landarbeiterordnung beschlossen, die für damalige Verhältnisse einen beachtlichen sozialen Fortschritt darstellte. Den Großteil ihres Lohnes erhielten Dienstbotinnen und Dienstboten in Form von Naturalien – der Bargeldanteil betrug zumeist weniger als die Hälfte. Zu diesen Naturalentlohnungen gehörten z. B. Schuhe, Gewand, Arbeitsschürzen oder auch ein Acker- oder Wiesenstück für die Eltern. Der Bargeldanteil an der Gesamtentlohnung blieb auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts sehr gering.

Die Landwirtschaft war bis zum Ersten Weltkrieg der wichtigste Erwerbszweig der Bevölkerung, so waren laut einer Volkszählung im Jahr 1910 in der Steiermark 51,4 % der Menschen in der Land- und Forstwirtschaft tätig. Nach dem Zweiten Weltkrieg löste sich der Berufsstand der bäuerlichen Dienstbotinnen und Dienstboten rasch auf, nicht zuletzt durch die immer stärker einsetzende Mechanisierung der Landwirtschaft. 

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Landwirtschaftsmuseum, Schloss Stainz

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