Bildinformationen
Laufzeit
19.02. - 19.03.2026
Eröffnung
19.02.2026 18:00
Ort
Kunsthaus Graz, BIX
Kuratiert von
Martin Grabner
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1641 formulierte der französische Philosoph René Descartes den Satz „Ich denke, also bin ich“. Hinter den Überlegungen seines Werks Meditationes de Prima Philosophia[1] über die Erkenntnisfähigkeit des Menschen steht die Grundannahme, dass alles, was der Mensch wahrnimmt, angezweifelt werden muss. Nur weil der Mensch die Welt so sieht, wie er sie wahrnimmt, heißt das nicht, dass die Welt tatsächlich so ist. Sich selbst und die eigene Wahrnehmung zu hinterfragen, geht leidenschaftlichen Verschwörungsideolog*innen allerdings nicht weit genug: Was wäre, wenn sich Gedanken – in welcher konkreten Form auch immer – materialisieren, Realität werden könnten? Auf dieses immer wieder auftauchende Motiv bezieht sich der Filmemacher Michael Gülzow mit seiner Arbeit für die BIX-Medienfassade des Kunsthauses Graz. „Im Zentrum des Blickfeldes befindet sich immer die Lösung eines Gedankens“ ist ein zentraler Satz seiner Mockumentary Der tote Winkel der Wahrnehmung, die 2025 mit dem Diagonale-Preis für Innovatives Kino ausgezeichnet wurde. Er bringt die beiden Heldinnen des Films auf ihrer Suche nach der Wahrheit in mehreren Situationen einen Schritt weiter – oder zieht er sie doch immer tiefer in die Welt der Verschwörungstheorien hinein? Alles – für Verschwörungstheoretiker*innen bis hin zu Naturgesetzen – könnte potenziell eine Konstruktion sein, nichts ist, wie es scheint.
In seinen Reflexionen des postfaktischen Zeitalters bezieht sich Gülzow auch auf die sogenannte „Sokal-Affäre“, die einen Höhepunkt im Kampf um den wissenschaftlichen Wahrheitsanspruch darstellt, in dem sich Vertreter*innen der Wissenschaftssoziologie auf der einen Seite und der „harten“ Naturwissenschaften auf der anderen Seite gegenüberstanden. Verärgert von der Vereinnahmung der Physik als Analogie für sozialwissenschaftliche Modelle, schrieb der Physiker Alan Sokal 1996 einen wissenschaftlichen Artikel, in dem er die Quantengravitation als ein linguistisches und soziales Konstrukt deutete, der – offensichtlich nicht ausreichend geprüft – von einem sozialwissenschaftlichen Journal veröffentlicht wurde. Denn kurz darauf offenbarte er, dass der Artikel ein aus zusammengesuchten Zitaten postmoderner Denker*innen und in deren typischem Jargon verfasster Hoax ohne sinnstiftenden Inhalt war. Er wandte sich damit gegen einen postmodernen Relativismus, der auch wissenschaftliche Erkenntnisse nicht als rein objektiv, sondern als aus einem spezifischen historisch-sozialen Kontext heraus konstruiert versteht.
Bewusst als „postmoderne Beliebigkeit“ missverstanden wurde und wird das politisch missbraucht, um die Wissenschaft zu diskreditieren, Wissen durch Glauben zu ersetzen und damit die Grundlage für „alternative Fakten“ zu schaffen. Der heute allgegenwärtige postfaktische Populismus relativiert die Existenz von Fakten durch methodische Verunsicherung, erzeugt durch die Überflutung mit Desinformation, die Umkehrung von Fakten und die Konstruktion falscher Zusammenhänge. Ähnlichen Mustern wie Verschwörungsideologien folgend, aber verstärkt durch die Echokammern der sozialen Netzwerke, ist er um ein Vielfaches wirkmächtiger und gefährlicher als herkömmliche, oft eher schrullige Verschwörungstheoretiker*innen. Michael Gülzow macht in seinen Arbeiten die Mechanismen von Verschwörungserzählungen mit ihren faszinierend beängstigenden Strategien der Verführung und Täuschung sichtbar und dekonstruiert sie mit ihren eigenen Mitteln.
Zweifel, um auf Descartes zurückzukommen, ist eine Grundlage aller Verschwörungserzählungen und -ideologien, aber auch das erste Mittel, um ihnen zu widersprechen. Solange wir Dinge aktiv anzweifeln und über sie nachdenken, können wir uns, Descartes zufolge, unserer Existenz sicher sein. Auf der BIX-Medienfassade des Kunsthauses Graz materialisiert sich Licht – pure Naturwissenschaft – zu Sprache und Kunst. Aber können wir uns wirklich so sicher sein, dass es nicht doch auch umgekehrt möglich ist?
Michael Gülzow, geboren 1982 in Kiel, hat an der Akademie der bildenden Künste in Wien Medienkunst und Experimentalfilm bei Constanze Ruhm und Harun Farocki sowie an der Muthesius Kunsthochschule Kiel bei Stephan Sachs und Else Gabriel studiert. Sein Spielfilmdebüt, die Mockumentary Der tote Winkel der Wahrnehmung, wurde bei der Diagonale 2025 mit dem Preis für Innovatives Kino ausgezeichnet. Er lebt als Künstler und Filmemacher in Wien.
[1] René Descartes, Meditationes de Prima Philosophia. Meditationen über die Erste Philosophie, Reclam, Stuttgart 1986