Anmerkungen zum Programm 2019

Realitäten? Welche Realitäten?

Realität ist steuerbar. Das wird tagtäglich deutlicher. Mit dem Werk des österreichisch-chinesischen Künstlers Jun Yang taucht das Kunsthaus ab März 2019 in Identitäts- und Realitätskonstruktionen ein. Die Konstruktion kultureller Identitäten, angefangen bei der eigenen bis hin zu nationalen Identitäten, ist ein wiederkehrendes Thema in seiner Arbeit. Zeitgleich folgt mit Johann Lurfs und Laura Wagners Intervention im „schwarzen Bauch“ des Kunsthauses, im Space03, eine technisch perfektionierte Aufarbeitung medialer Blicke auf den Planeten Erde als filmische und gesellschaftsbildende Konstruktion.

Wie sehr Identitäten von Raum- und Körperzuschreibungen abhängig sind, ist inhaltlicher Ausgangspunkt der Reihe Performative Turnover, in der während der Umbauzeiten im Juni – gemeinsam mit den Grazer Universitäten – performative Entwicklungen in Bezug zu Raum, Körper und Ökonomien reflektiert werden. Wie Realitäten über Repetition, Reproduktion, wiederholte Affirmation und das Erlebnis eines mit allem verbundenen All-over gesteuert werden, wird zum Kernthema in der mit Peter Kogler gemeinsam inszenierten Ausstellung Connected im Sommer. Ausgehend von seiner Arbeit werden von Fernand Léger bis Franz West visuelle und inhaltliche Verbindungen geschaffen, wie wir sie über Zeit und Raum hinweg im Netz täglich erleben. Zentral stellt sich die Frage nach gesellschaftlicher Programmierbarkeit und Einflussnahme, nach rauschhafter Abhängigkeit und kritischer Distanz – sowohl in der Ära der Industrialisierung als auch der Digitalisierung von heute.

Im Herbst fragt die Ausstellung Kunst_Handwerk nach der Vereinbarkeit des Wissens der Hand und der Maschine und inwiefern diese in ein produktives Verhältnis zueinander gesetzt werden können. Diese Ausstellung schließt den thematischen Bogen der Erforschung von technologischen Entwicklungen als Auslöser sich wandelnder Realitäten und der von ihnen gesteuerten Fetischisierungen.

Genialische Schöpfung, kollektives Schaffen?


Die Ausstellung des Künstlers Jun Yang nimmt grundlegende Fragen künstlerischen Arbeitens in den Blick: Welche Erwartungen werden an eine Künstlerin/einen Künstler gerichtet, wie präsentiert sie/er sich bzw. wie werden sie präsentiert? Wie sehr kann eine Künstlerin/ein Künstler aus sich selbst schöpfen und inwieweit entsteht ein „Werk“ immer auch im Austausch und im Zusammenwirken mit anderen? Autorschaft, Identitätszuschreibungen und Rollenverteilungen werden dabei zum Gegenstand künstlerischer Reflexion. Einen besonderen Stellenwert nimmt dabei die Zusammenarbeit mit anderen ein. So entwickelt sich die Einzelausstellung von Yang letztendlich zu einer kollektiven Unternehmung, an der viele teilhaben und bei der enge disziplinäre Grenzen selbstverständlich überschritten werden. Beteiligt sind Erwin Bauer, Mike Kelley/Paul Mc Carthy, siren eun young jung, Lee Kit, Oliver Klimpel, Michikazu Matsune, Yuuki Nishimura, Yuki Okumura, Koki Tanaka, Maja Vukoje, Jun Yang und Bruce Yonemoto.

Daran schließt auch die Ausstellung mit dem programmatischen Titel Connectedan: Peter Kogler with George Antheil with Friedrich Kiesler with Hedy Lamarr with Fernand Léger with Charlotte Perriand with Franz Pomassl with Franz West. Die einzelnen Positionen sind in der Rauminstallation, die sich auf zwei Etagen entfaltet, nicht mehr eindeutig voneinander zu trennen. Dies lässt an Prinzipien des Gesamtkunstwerks denken und bezieht sich mit George Antheil, Fernand Léger und Charlotte Perriand auch auf eine Zeit, die auf ein zu denkendes gemeinsames Werk abzielte, um die Zukunft einer erneuerten Gesellschaft mitzugestalten. Diese Utopie einer konkreten Gesellschaftsveränderung verschiebt sich in Connected hin zur Analyse einer bildgesteuerten Welt. Durch Intermedialität und geteilte Autorschaft werden die Beziehungen zwischen den verschiedenen Medien, mögliche ästhetische Kopplungen bzw. deren Brüche untersucht.

Mit der Ausstellung Kunst_Handwerk und der künstlerischen Auseinandersetzung mit handwerklichen Verfahren und Fertigungstechniken öffnet sich Autorschaft hin zu kollektivem Wissen und der Weitergabe von Tradiertem, das immer wieder von Neuem interpretiert wird. Azra Akšamija, Plamen Dejanoff, Olaf Holzapfel, Jorge Pardo, Slavs and Tatars, Haegue Yang, Johannes Schweiger verbinden in ihren Arbeiten handwerkliche Traditionen mit sozialen und ökonomischen Verhältnissen in einer globalisierten Welt. Vorstellungen vom (individuellen) künstlerischen Schaffen, von kulturellen Zuordnungen, puren Identitätskonzepten und Kategorisierungen werden perforiert.

Original, Kopie, Reproduktion, Fetisch?


Jun Yangs Arbeit ist medial gesehen sehr vielgestaltig: Objekte, Fotografien, Filme, Installationen, Performances, Restaurant- und Caféinterieurs, kollektive Projekte. Originale, Kopien, Reproduktionen, eigene Produktionen, Koproduktionen und Fremdproduktionen treten gleichberechtigt nebeneinander. Status und Beschaffenheit des jeweiligen materiellen Objekts sind unmittelbar auf den Anlass, auf das jeweilige Vorhaben bezogen und werden davon abgeleitet. Damit wirft Yangs Ausstellung auch wesentliche Fragen nach dem Stellenwert von Original, Unikat, Serien und Reproduktionen in der europäischen/ außereuropäischen Kunstgeschichte, in der medialen Wahrnehmung und auf dem Kunstmarkt auf.

Auch in Connected werden absichts- und auch lustvoll die Grenzen zwischen Original und Kopie aufgehoben. Kogler ist einer der ersten Medienkünstler, der den Computer zur Herstellung von Bildern verwendete. Seine hypnotischen All-over-Bilder sind geprägt von der Vervielfachung eines sich endlos wiederholenden Formenvokabulars. Die an Wänden, aber auch in Stoffen und Möbeln hineinarbeitende Repetition der sich morphenden Reproduktion eilte der Zeit einer durch das Bild gesteuerten Gesellschaft um Jahre voraus. Kogler schafft im Zusammenspiel von Musik, Film und Bezügen zur Geschichte ein grundsätzliches Verweben und Verbinden von Zeit und Raum, von Bild und Ton, das wiederum vor Ort bildwirkungsvoll den Menschen und seine Interaktivität in einen Zustand permanenter, multidimensionaler Bild- und Raummontagen hineindenkt. Das Kunsthaus transformiert sich so in einen theatralen Raum, in einen Ereignisraum. Die Ausstellung Kunst_Handwerk widmet sich einer künstlerischen Praxis, die aus einer Auseinandersetzung mit dem Material und den Funktionen kommt und dieses Wissen in steter Anpassung an neue Situationen weitergibt. Dabei steht nicht die unikale Handschrift des Einzelnen im Vordergrund, sondern das Einschreiben in kollektives Wissen und dessen Weitergabe.

Ökonomie? Ökonomie.


Das originale Werk, die eindeutig zuordenbare künstlerische Handschrift und die Narration vom authentischen Schöpfer und Einzelkünstler eignen sich besonders gut für das „Branding“ von Künstler/in und Werk und sind entsprechend markttauglich. Im diesjährigen Programm des Kunsthauses wird dies auf mehreren Ebenen thematisiert: Jun Yang taucht zweimal auf (als vom Kunsthaus eingeladener österreichisch-chinesischer Künstler und als sein in San Francisco lebender koreanischer Namensvetter), auf eine eindeutig zuordenbare künstlerische Handschrift wird verzichtet, Originale und Kopien, Einzelstücke und Massenware treten gleichberechtigt nebeneinander. Die Ausstellung setzt sich darüber hinaus konsequent im Shop des Kunsthauses fort. Die Erlöse fließen in die künstlerische Produktion zurück.

Performative Turnover widmet sich explizit der Trias Körper – Raum – Ökonomie. Die einstige Vorstellung, dass performative Arbeiten nicht sammelbar und daher für den Kunstmarkt untauglich seien, hat sich als Mär erwiesen. Die beteiligten Künstler/innen reflektieren verschiedenen Formen der Ökonomisierung: des Körpers, der Institution, aber auch der eigenen Praxis. 

Peter Kogler gibt den Impuls für Connected. Er verbindet sich mit George Antheil, Friedrich Kiesler, Hedy Lamarr, Fernand Léger, Charlotte Perriand, Franz Pomassl und Franz West und nimmt dabei die Rolle eines Regisseurs ein. Film, Maschinenmusik, serielle, reproduzierbare Kunst und Möbel sowie Originale gehen eine ästhetische Synthese mit dem Raum ein. Als installative Setzung ist das gemeinsame Werk unveräußerlich. Es existiert nur im Hier und Jetzt und kann nur vor Ort erlebt werden. Mit Kunst_Handwerk rückt die Fetischisierung und Kommodifizierung von Einzelobjekten in einen absichtsvollen Kontrast zur Langsamkeit des Kunsthandwerklichen, zu seinem kollektiven Geist, der wiederholenden, einübenden Ausführung und der Tradierung von Wissen über Generationen.

Kunsthaus Graz

Lendkai 1
8020 Graz, Österreich
T +43-316/8017-9200
kunsthausgraz@museum-joanneum.at

 

Öffnungszeiten
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Führungen
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Architekturführungen
in ausstellungsfreien Zeiten, Di-So, Feiertag 11, 14 Uhr (So EN) und 15:30 Uhr (DE) oder auf Anfrage

Kunsthauscafé
Mo-Do 9-23 Uhr
Fr-Sa 9-1 Uhr
So 9-20 Uhr
T +43-316/714 957

 

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