Ein Tag im Kunsthaus Graz

16.09.2026, Sophia Steinegger

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Die Volontärin Sophia Steinegger nimmt uns für einen Tag mit hinter die Kulissen im Kunsthaus Graz. So oder so ähnlich sieht der Alltag dort aus. Erzählt aus einer Perspektive, die irgendwo zwischen Innen und Außen liegt.

Morgens im Kunsthaus Graz

Es ist Mittwoch, 08:27 Uhr morgens und die Luft ist noch angenehm kühl. Die Türen zum Friendly Alien sind verschlossen. Im Kunsthauscafé schwirren aber schon Servicekräfte und Köch*innen herum, die sich auf einen langen Tag voller durstiger und hungriger Gäste einstellen. Das Büro ist auch noch recht leer, die meisten Kolleg*innen trudeln erst später ein. Doch einige Frühaufsteher*innen sind trotzdem schon vor mir da und sitzen an ihren PCs. Die Fenster sind geöffnet, um noch etwas frische Luft hineinzulassen. So beginnt der Tag im Kunsthaus.

Als erste Amtshandlung des Tages wird der Computer hochgefahren und die Mails werden gecheckt. In einer davon wird das Protokoll der gestrigen Sitzung des Kurator*innen-Teams geteilt. Ein neuer Katalog soll präsentiert und versendet werden. Für eine Evakuierungsübung muss ein Termin gefunden werden. Ein neues Projekt für die BIX-Fassade startet demnächst. Noch eine weitere eingetroffene Mail: Ein Arbeitskollege hat mir einen Ausschnitt aus einem Buch geschickt, der mir eine sehr spezifische Frage zu einem Kunstwerk der aktuellen Ausstellung beantwortet. Er hat sich extra die Zeit genommen, zu Hause nachzusehen. „Vielen lieben Dank, das ist super spannend!“, schreibe ich zurück. Noch eine dritte Mail ist ungeöffnet. „Danke fürs Durchschauen vom Text und deine Hinweise“, heißt es darin. Den Text habe ich gestern gelesen, er soll in einen Ausstellungskatalog kommen und ich wurde gefragt, meine Meinung dazu abzugeben.

Ich fahre die restlichen Programme hoch, die ich im Laufe des Tages brauchen werde. Das Intranet des Universalmuseums Joanneum natürlich, dann Typo3 für die Website-Bearbeitung und meine Word-Dokumente und Excel-Tabellen.  Viel weiter komme ich nicht, es ist 08:59 Uhr und jemand steht in der Bürotür: „Kaffee?“ Das Häferl aus der Küche ist schon in der Hand, jede*r hat seinen Favoriten. Es ertönen Geräusche der Zustimmung und gemeinsam mit einer kleinen Gruppe gehe ich nach unten ins Kunsthauscafé, das gerade die Türen geöffnet hat. Trotzdem sind schon einige der Tische besetzt. „Einen Cappuccino bitte“, „Meinen bitte schwarz“. Ich nehme einen Chai Latte mit Hafermilch. Ausgestattet mit unseren Heißgetränken gehen wir zurück nach oben. Inzwischen ist es 09:14 Uhr und wir sind gerade rechtzeitig da für den wöchentlichen Jour fixe im Großraumbüro.

Mitarbeitende gruppieren sich rund um den großen Tisch, manche stehen und lehnen an der Wand, andere sitzen auf den gepolsterten Hockern. Die meisten haben einen Stift in der Hand und den Finger in einen Notizblock geklemmt. Direktorin Andreja Hribernik leitet den Austausch ein und beginnt mit der Ankündigung einer Performance. Die nächste Person berichtet davon, dass heute die Anbringung eines Kunstwerks für die nächste Ausstellung getestet werden soll. Das notiere ich mir, dabei soll ich helfen. Es geht weiter: Für die Finissage einer Ausstellung ist ein Performance-Programm geplant. Die Proben im Kunsthaus beginnen nächste Woche. Weitere Punkte sind der Druck von neuen Plakaten, der jährliche Nachhaltigkeitsbericht und ein Grafik-Projekt für die Online-Präsenz. All jene, die keine wichtigen Meldungen mitbringen, sagen ganz routiniert: „Ich hab nichts.“ Nach einer guten Viertelstunde ist der Prozess abgewickelt. „Danke euch allen“, sagt Andreja Hribernik und die Gruppe strömt in unterschiedliche Richtungen auseinander, wobei manche noch zu zweit oder dritt stehen bleiben, um kleinere Dinge zu besprechen.

Zurück im Büro setze ich mich an mein Langzeitprojekt. Es geht darum, eine Art Künstler*innenarchiv zu erstellen, mit allen Personen, die im Kunsthaus seit der Gründung 2003 ausgestellt haben. Name, Geburtsdatum, Geburtsort usw. werden eingetragen. Zu jeder Person wird zudem eine kurze Biografie angefügt, 700 bis 1.000 Zeichen lang. Dafür durchforste ich das Internet, die Webseiten der Künstler*innen, die Informationen auf der Kunsthaus-Homepage und füge alles zusammen. Von manchen Personen habe ich noch nie etwas gehört und entdecke neue, spannende Positionen, andere sind große Namen der zeitgenössischen Kunst. Manche sind in Graz geboren und wohnen und arbeiten auch hier, andere kommen aus den USA, China oder dem Senegal.

Um 10:00 Uhr lege ich diese Arbeit wieder beiseite und bewege mich in das Büro der Direktorin. Ein Mitglied des Organisationsteams eines lokalen Festivals ist hier, um eine Kooperation zu besprechen. Ich darf mich dazusetzen und mir anschauen, wie das abläuft. Die Stimmung ist locker, als Erstes gehen wir auf die Dachterrasse, schauen uns eine Lichtinstallation an. Drinnen stehen Wasser und Tee auf dem Tisch. Alle sitzen entspannt auf ihren Stühlen. Die Unterhaltung läuft mühelos. Wie entwickelt sich die aktuelle Ausstellung? An welchem Punkt sind die Vorbereitungen für das Festival? Welche Künstler*innen begeistern gerade? Smalltalk, denke ich, und warte darauf, dass das Geschäftliche beginnt. Bis ich verstehe: Was ich für Smalltalk halte, ist Arbeit. Networking, Austausch zwischen Institutionen, die Kooperation wird unterschwellig in einigen Sätzen abgewickelt. Nicht schlecht, denke ich und lehne mich nach vorne, um dem Hin und Her der Konversation mit mehr Aufmerksamkeit zu folgen. Nach etwa einer Stunde nähert sich das Gespräch dem Ende, ich schüttle noch einmal die Hand unseres Gastes und bedanke mich dafür, dass ich zuhören konnte.

Nach ein bisschen Schreibtischarbeit schlägt die Uhr der Kirche auf der anderen Murseite zwölf und ich mache mich auf den Weg in die Küche zum Mittagessen. Der Mittagstisch ist der gleiche, an dem noch ein paar Stunden zuvor der Jour fixe abgehalten wurde. Jetzt stehen auf dem Tisch einige Teller mit den Gerichten vom Kunsthauscafé, Frischhalteboxen mit vorgekochten Speisen von zu Hause und Kartons mit Essen to go. „Mahlzeit!“, sage ich und gefüllte Münder nuscheln sowas wie „Danke“. Meine Nudeln drehen sich in der Mikrowelle, während ich dem Austausch über die jeweiligen Urlaube lausche. Nicht fehlen darf dabei eine genaue Schilderung der besuchten Ausstellungen. Dabei schwingt immer mit, was man übernehmen könnte und was man absolut vermeiden sollte. Nachdem ich mich dazugesetzt habe, nutze ich einen stillen Moment für eine Frage an die Kurator*innen: „Was macht eigentlich mehr Spaß in der Entwicklung, Einzel- oder Gruppenausstellungen?“ Die Antwort darauf kommt nicht direkt, zunächst folgt die Geräuschlosigkeit des Nachdenkens. Die erste Meinung: Beides hat was, aber Einzelausstellungen vielleicht etwas mehr. Besonders wenn die Zusammenarbeit mit der Person, auf die sie sich fokussiert, angenehm ist. Dann kann man sich wirklich in eine künstlerische Position vertiefen. Jemand anderes meint, er könne sich dazwischen nicht entscheiden. Gerade die Abwechslung mache den besonderen Reiz aus.

Testanbringung eines Kunstwerkes

Ein Blick auf die Uhr zeigt uns an, dass wir langsam mit dem Abräumen beginnen sollten. Es wird unsere Hilfe bei der Testanbringung eines Kunstwerkes benötigt. Ein langer Vorhang aus Metallfäden soll entlang der Needle angebracht werden. Doch um dort weiterhin auch Veranstaltungen abhalten zu können, braucht es eine Möglichkeit, den Raum wieder freizumachen. Die Handwerker, die sich dieses kleine Meisterstück ausdenken sollen, sind schon vor Ort. Ein Balken, mit Magneten an den metallischen Stützelementen der Wand befestigt, ist der aktuelle Plan. Um zu überprüfen, ob das funktionieren kann, muss ein Stück Vorhang an die Decke. Also beginnen wir, die Metallfäden einzeln in eine vorbereitete Schiene einzufädeln, was ein wenig Geschick und vor allem Geduld erfordert. Nach etwas mehr als einer halben Stunde ist die Länge der Schiene voll und die Geräusche einer Bohrmaschine erklingen, die Schrauben in die Decke dreht, um die ganze Konstruktion zu fixieren. Die langen Fäden reichen von ganz oben bis zum Boden und trennen den Raum, ohne undurchdringlich zu sein. Betrachtet man den Vorhang von der Seite, wird das Metall stofflich und changiert im Licht. So wirkungsvoll das alles auch ist, der Test mit dem magnetischen Balken schlägt fehl. Das Gewicht ist zu groß. Mittlerweile ist auch Direktorin Andreja Hribernik dazugestoßen, die das Unterfangen kritisch beäugt. Unterschiedliche Lösungsansätze werden diskutiert. Auch jemand vom Veranstaltungsmanagement beteiligt sich, immerhin sollte dieses Team dann in der Lage sein, den kleinen Umbau selbst zu erledigen. Mitten in der Debatte deutet einer der Handwerker auf den kleinen Wagen mit den Werkzeugen. Dort hängt an der Seite ein Metallhaken, auf dem Utensilien zwischengelagert werden können. „Was, wenn wir einfach so was nehmen?“, meint er. Die Idee wird kurzerhand umgesetzt, Holzplatten um den Pfeiler fixiert und der Haken angebohrt. Und siehe da – die Spontananfertigung funktioniert. So kann also reale Problemlösung im Kunstbetrieb aussehen.

Die ganze Prozedur hat seine Zeit gebraucht: 14:12 Uhr ist es inzwischen. Der Arbeitstag läuft für mich schon langsam aus (wer früh kommt, darf früh gehen). Ein bisschen Zeit widme ich meinen durchgehenden Tätigkeiten am PC und gehe auf Zeitreise in der Kunsthaus-Graz-Historie. Einem Kollegen helfe ich noch dabei, eine Leuchtbox im Foyer aufzustellen, welche die nächste Performance ankündigt. Während wir dafür durch die Stockwerke und Räume der Blue Bubble wandern, bemerke ich, wie vertraut mir das alles schon ist.

Von der Leere des Morgens ist nichts mehr zu spüren, als ich mich auf den Heimweg mache. In den Ausstellungsräumen herrscht noch reger Besucher*innenbetrieb, in den Gängen huschen Personen von Büro zu Büro oder sie stehen zwischen Tür und Angel und tauschen ein paar Worte aus. Das Kunsthauscafé ist prall gefüllt mit Menschen, die im Hoch der Hitzewelle nach einem kalten Getränk lechzen. Ich schließe alle Tabs in meinem Browser und klicke auf „Herunterfahren“. „Ich mach Feierabend, bis morgen!“, meine ich und bekomme ein paar freundliche Verabschiedungen zur Antwort. Um 15:16 Uhr verlasse ich das Museum.

Die Zeit, die ich im Kunsthaus Graz verbringen durfte, war für mich eine große Bereicherung und hat mir zahlreiche außergewöhnliche Eindrücke gewährt. Der Tag, den ich beschrieben habe, ist natürlich nur exemplarisch. Aber er fängt einige der zentralen Dinge ein, die ich hier für mich mitnehmen konnte. Das Miterleben der Planung und Organisation, die hinter einer Ausstellung oder auch nur hinter der Anbringung von einem einzigen Kunstwerk liegt. Die vielen Themen aus den unterschiedlichen Bereichen, die bei den Meetings ineinandergreifen, um den Museumsbetrieb so reibungslos wie möglich zu gestalten. Auch die Kleinteiligkeit und Mühseligkeit, die hinter einigen Aspekten steht, ein Aufwand, den man von außen nie erwarten würde. Die größte Wertschätzung bringe ich aber den anregenden Gesprächen mit meinen Kolleg*innen entgegen, die mir noch lange im Kopf bleiben werden.