1918–1945

In der entbehrungsreichen Zeit nach dem Ersten Weltkrieg sehnten sich viele Menschen nach unpolitischer, heiterer Unterhaltung und Zerstreuung. Die viel gerühmten „wilden 20er“ waren aber ein städtisches Phänomen, vor allem nach Berlin zog es all jene, die mit der „leichten Muse“ erfolgreich sein wollten. Die neuen Modetänze und modernen Rhythmen dieser Zeit, Schlager und Tanzmusik, brachen – sowohl in musikalischer als auch in gesellschaftlicher Hinsicht – mit bisherigen Konventionen und beendeten endgültig die Vorherrschaft der klassischen Musik. Im Radio und vor allem im Tonfilm ab Ende der 1920er-Jahre fand die Unterhaltungsindustrie enge und überaus wichtige Verbündete. Sie machten Interpretinnen und Interpreten zu Stars und sorgten für einen regelrechten „Schlagerboom“. Auch steirische Musikschaffende profitierten davon, so etwa Austin Egen, Robert Stolz oder auch die „Comedy Harmonists“.

 

In der NS-Zeit erfuhr die Unterhaltungsmusik einen von oben unterstützten Aufstieg und stand ganz im Dienste der NS-Propaganda. Sie wurde instrumentalisiert, hatte vor allem eine systemstabilisierende und -erhaltende Funktion und sollte die Liebe und Treue zur Heimat schärfen. Komödien und Schlager vermittelten eine geschönte, heile Welt und wurden zur „Optimismuswaffe“: Je härter die Realität, umso massiver war die Realitätsflucht. Die 1904 in Knittelfeld geborene Lizzi Waldmüller war ein Rädchen dieser Maschinerie. Sie wurde zum Star – und spielte an der Seite von Johannes Heesters, Magda Schneider oder Karl Schönböck. Zugleich kam es aber auch zu einem massiven Aderlass in der Musikbranche: Viele Künstler/innen verloren ihre Arbeitsgrundlage, wurden verfolgt und mussten emigrieren, andere wurden in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten ermordet.

Robert Stolz

Der Komponist und Dirigent Robert Stolz wurde 1880 in Graz geboren. Nach Anfängen als Korrepetitor am Städtischen Theater Graz etablierte er sich als Komponist im „leichten Fach“. Nach dem Ersten Weltkrieg ließ er rasch mit neuen Stücken aufhorchen, mit Salome veröffentlichte Stolz 1920 einen der ersten europäischen Foxtrotts.

 

Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten 1933 in Deutschland brachte er auf 21 Autofahrten Jüdinnen und Juden sowie politisch Verfolgte über die Grenze nach Wien. 1938, unmittelbar nach dem „Anschluss“ Österreichs an Hitlerdeutschland, emigrierte er in die USA, wo er als Filmkomponist auch zweimal für den Oscar nominiert wurde. Stolz kehrte 1946 nach Wien zurück und blieb bis ins hohe Alter als Musikschaffender aktiv. Er schrieb über 60 Operetten, zahlreiche Filmmusiken sowie Schlager und gilt als letzter Meister der Wiener Operette. Viele seiner Melodien wie Im Prater blühn wieder die Bäume oder Die ganze Welt ist himmelblau sind bis heute bekannt. Robert Stolz verstarb 1975.

„Der Raub der Mona Lisa“, Annenhof Ton-Kino, Kinoplakat, 1931, Steiermärkisches Landesarchiv

Comedy Harmonists (1935–1941) – die Exilgruppe der Comedian Harmonists

Seit ihrer Gründung in den Jahren 1927/28 feierten die „Comedian Harmonists“ sensationelle Erfolge in aller Welt. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland gab es dort aber nur noch eingeschränkte Auftrittsmöglichkeiten für jüdische Musiker/innen. Die Nichtaufnahme der jüdischen Mitglieder in die Reichskulturkammer, was einem Berufsverbot gleichkam, zwang Erich Collin, Harry Frommermann und Roman Cycowski 1935 schließlich zur Emigration nach Wien. Dort formierten sie eine neue Gruppe – die „Comedy Harmonists“. Unter den Mitgliedern: die gebürtigen Steirer Hans Rexeis und Rudolf Mayreder.

 

Fast nahtlos schloss man an den früheren Erfolg an: 1936 entstanden Filmaufnahmen für Katharina, die Letzte, es folgten Plattenaufnahmen mit Josephine Baker, 1936/37 unternahmen sie Tourneen in 14 Ländern. 1938, nach dem „Anschluss“ Österreichs, mussten sie allerdings auch Wien verlassen. Es folgten weitere Tourneen rund um den Erdball, eine Rückkehr nach Europa war aber ausgeschlossen. Nach internen Streitigkeiten verschlechterte sich die Stimmung innerhalb des Ensembles. Rudolf Mayreder verließ die Gruppe 1940, ein Jahr später erfolgte die Auflösung.

Rudolf Mayreder

 

Rudolf Mayreder (1902–1978) war ein Gastwirtssohn aus Mariazell. 1934/35 übersiedelte er für seine Gesangsausbildung nach Wien, wo er 1935 Bassist der „Comedy Harmonists“ wurde. Mayreder war leidenschaftlicher Fotograf, als Hobbyfilmer dokumentierte er die Freizeitaktivitäten der „Comedy Harmonists“ während ihrer Reisen. Nach seinem Austritt aus der Gruppe 1940 sang er im Chor der Radio City Music Hall in New York und ab 1952 erhielt er eine Festanstellung an der Metropolitan Opera. 1959 heiratete er in Mariazell seine Jugendliebe und kehrte nach seinem Abschied von der Bühne schließlich nach Mariazell zurück. Er verstarb 1978 im Krankenhaus in St. Pölten.

Hans Rexeis

 

Hans Rexeis (1901–1980) wurde in Lannach geboren. Er studierte Geige und Gesang in Berlin, wo er auch Roman Cycowski, den späteren Bariton der „Comedian Harmonists“ kennenlernte. Ab den 1920er-Jahren war Rexeis als Stehgeiger in Tanz- und Operettenorchestern und als Sänger tätig. 1935 wurde er erster Tenor bei den „Comedy Harmonists“. Nach Auflösung der Gruppe 1941 blieb Rexeis zunächst in New York, ehe er auf Kuba als Musiklehrer tätig war. Ende der 1940er-Jahre gründete Rexeis eine Gesangsschule in Genua. Eine Augenerkrankung machte kostspielige Operationen notwendig, sodass er Ende der 1970er-Jahre mittellos nach Österreich ausgewiesen wurde. Er verbrachte einige Zeit im Altenheim in Birkfeld und starb fast blind 1980 im Krankenhaus in Vorau.

Werbegrafik für Comedy Harmonists, um 1937 Gestaltung: Fabigan v. l. Fritz Kramer (Piano), Erich Collin, Roman Cycowski, Harry Frommermann, Hans Rexeis, Rudolf Mayreder, Archiv Josef Westner

Austin Egen

Der steirische Pianist, Sänger, Komponist und Musikverleger Austin Egen (bürgerlich: Augustus Guido Maria Meyer-Eigen) wurde 1897 in Graz geboren. Nach etlichen Jahren in den USA führten ihn seine musikalischen Aktivitäten auch nach Wien und Berlin. 

Als sogenannter „Flüsterbariton“ und Instrumentalist trat er in den 1920er-Jahren in zahlreichen Formationen auf, und mit rund 170 Werken wurde er als Schlagerkomponist berühmt. Als Sänger trat er auch in etlichen Filmen in Erscheinung und zählte zwischen 1927 und 1931 zu den meistbeschäftigten Schlagersängern Deutschlands. Nach unzähligen Plattenaufnahmen und Erfolgen im „wilden Berlin“ der 1920er-Jahre gingen seine Geschäfte jedoch zurück und Egen zog wieder in die Steiermark, wo er seine musikalischen Aktivitäten stark einschränkte. Als Interpret war er aber nach wie vor auf Schellackplatten zu hören und trat regelmäßig mit der Jazzkapelle von Heinz Sandauer in Sendungen der RAVAG auf. In seinen letzten Lebensjahren betrieb er eine Kaffeeschenke am Griesplatz. Er starb 1941 in Frohnleiten.

Fotograf/in unbekannt, Austin Egen, 1910er-Jahre, Privatbesitz Familie Teischinger
Privatbesitz Wolfgang Stanicek

Die Original Sparinis

Pepi Turl Spira, Humorist und Komiker, und die Sängerin Fanny Weigel, eine gebürtige Grazerin, waren zwischen 1925 und 1933 als „Die Original Sparinis“ im deutschsprachigen Raum auf Tournee. Gemeinsam mit einer bis zu 12-köpfigen Kapelle bestritten sie unzählige Auftritte. Das Showprogramm umfasste Gesangsduette, Couplets und Sketche, aber auch Auftritte mit der „Singenden Säge“. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland zwang sie 1933 zur Ausreise nach Österreich. Spira galt nach den Nürnberger Rassegesetzen als sogenannter „Halbjude“ und durfte in Deutschland nicht mehr auftreten.

In Graz erhielt Spira eine Anstellung im „Weißen Rössl“ in der Idlhofgasse. Werktags war er dort Kellner und Buchhalter, an den Wochenenden unterhielten er und seine Frau Fanny Weigel mit einer kleinen Kapelle das Publikum. Auch ihr Sohn Arthur gab dort 1937 mit fünf Jahren sein Debüt als „Le Petit Sparini“. Der „Anschluss“ Österreichs an Hitlerdeutschland beendete die Laufbahn der „Sparinis“ endgültig. Pepi Turl Spira starb 1953 in Graz, Fanny Weigel überlebte ihn um 41 Jahre. 2018 starb auch ihr Sohn Arthur Weigel – einst der „jüngste Humorist der Welt“.

Fotograf/in unbekannt, Die Original Sparinis, undatiert, Privatbesitz Familie Weigel
Werbepostkarte, „Original Sparinis“, ca. 1930, Reproduktion nach Fotoabzug, Privatbesitz Familie Weigel

Lizzi Waldmüller

Die Schauspielerin, Sängerin und Tänzerin mit dem bürgerlichen Namen Felizitas Karoline Waldmüller wurde 1904 in Knittelfeld geboren. Als Operettensängerin war sie u. a. auf Bühnen in Innsbruck, Graz, Wien, Leipzig und Berlin zu hören. Ihre Filmkarriere begann zunächst zögerlich mit Rollen in Die spanische Fliege (1931), Lachende Erben (1933) oder Liebe auf den ersten Ton (1932). 

Ihr Durchbruch kam 1939 mit Bel Ami an der Seite von Willi Forst – und dem bis heute populären Lied Du hast Glück bei den Frau’n, Bel Ami!. Danach wechselte Waldmüller nach Berlin und spielte Hauptrollen in großen deutschen Spielfilmen, fast immer auch mit Gesangseinlagen. Diese Filme leichten Inhalts stellen durchwegs idealtypische Beispiele des eskapistischen Unterhaltungsfilms zur Zeit des Nationalsozialismus dar. Diese Form der „leichten Unterhaltung“ bildete im Dienste der NS-Propaganda den Zugang zu einer heiteren, geschönten Gegenwelt parallel zur harten Realität. Lizzi Waldmüller wurde ein Star dieses Filmgenres. Sie war bis 1938 mit dem Schauspieler Max Hansen verheiratet und starb kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 bei einem Bombenangriff in ihrer Wohnung im ersten Wiener Gemeindebezirk.

„Die reizende Lee Parry in der lustigen Tonfilmkomödie Liebe auf den ersten Ton (...) mit Lizzi Waldmüller“, Theater-Kino, Kinoplakat, 1933, Steiermärkisches Landesarchiv

Museum für Geschichte

Sackstraße 16
8010 Graz, Österreich
T +43-316/8017-9800
geschichte@museum-joanneum.at

 

Öffnungszeiten


Di-So, Feiertag 10 - 18 Uhr

 

15. August 2022
26. Dezember 2022

24. bis 25. Dezember 2022