Wie wird der liturgische Raum zum Festraum?

Kirchliche Liturgie ist nicht nur „Dienstleistung“, die von der Routine des Kirchenjahres bestimmt wird. Die Messfeier soll den himmlischen Raum erahnen lassen. Ein Erlebnis, das alle Sinne anspricht, mit Licht und Farben, Chorgesang und Weihrauch. Eine Suggestion des Paradieses.

 

Ist der Kirchengebäude in all seiner Imposanz selbst „statisch“, so kommt durch die liturgische Feier, unterstützt durch Kleidungs- und Verhaltensmaßregeln für die Akteure der Feier, die „Zelebranten“, ein dynamisches, ja theatralisches Element hinzu, zumal der mittelalterliche Kirchenraum keine fixe Bestuhlung für die Masse der Laien kennt. Es unterliegt festen Regeln und ist auf mehrere Schauplätze verteilt: die im Chor zum gemeinsamen Gebet im Gestühl versammelten Mönche, die Messfeiern an den zahlreichen Altären, wobei der umfangreiche, aus kostbarem Material mit enormer Kunstfertigkeit erstellte Kirchenschatz, die sog. „heiligen Geräte“ (lat.„vasa sacra“) funktional zum Einsatz kommt.

Prozessionen finden auch innerhalb der Kirche statt, die genau festgelegten Gesten des Zeigens wie v.a. das Emporhalten der Hostie bei der Wandlung, die sog. „elevatio“. Diese Skala von ständig wiederholten Riten ist über Jahrhunderte im kollektiven Bewusstsein umso fester verankert, als der Großteil der Bevölkerung aus Analphabeten besteht.

 

Für die grundlegenden, im Range eines Sakraments stehenden Riten wie Taufe, Trauung und Beichte existieren in der Kirche und ihrem räumlichen Umfeld eigens zugerüstete Orte: allesamt unentbehrliche Lebensstationen für jeden Laien.

 

Zum Sehen tritt das Hören:  Begleitet wird all dies von einer immer anspruchsvolleren Vokal- wie Instrumentalmusik - unablässige Suggestion plötzlicher Gegenwart des Schöpfers, Das Auge muss sehen, was das Herz glauben soll.  Dieses geschlossene, nahezu choreographische System von Gesten und Bewegung liegt einer rituellen Kommunikation zugrunde, wie sie über Jahrhunderte zum festen Bestandteil des allgemeinen Lebensrhythmus wird. Dazu zählt neben dem sonntäglichen Kirchgang die Teilnahme an ausgedehnten Wallfahrten, eine aktive physische Leistung, wie sie im Rahmen der Spende des Bußsakraments immer wieder aufgetragen wird.

Die tönende Himmelsstadt. Orgeln im Mittelalter

Eine überirdische Welt, die das Volk staunen machen soll: Um 1500 wird die romanische Basilika von Seckau zu einem Raumwunder. Initiator all dessen ist Propst Johannes Dürnberger, ein überaus selbstbewusster geistlicher Mäzen, der dem traditionellen steirischen Bischofssitz mit seiner mächtigen, aber schlichten romanischen Basilika ein zeitgemäßes Äußeres geben will. Das Schauspiel der Liturgie wird nun von einem ebenso prunkvollen wie kostspieligen Netzgewölbe überhöht, das dem Auge reichlich Nahrung spendet. Und auch das Ohr wird bedient: Eine große Orgel führt ins Reich der Klänge. Ihr geschnitztes Gehäuse mit üppiger spätgotischer Zier, einzigartig im Land, hat die Zeitläufte mehr oder weniger überstanden.

 

Spätgotische Orgeln, wie sie in Europa um 1500 vielfach gebaut werden, können große Ausmaße annehmen. Optisch funktionieren sie wie gewaltige Flügelaltäre: Das empfindliche Werk wird in der nach Gebrauch durch große bemalte Holzflügel geschützt. Auch die Seckauer Orgel hat solche Flügel besessen.

Museum für Geschichte

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