"Vorne" und "hinten"

Die Kriegsrealität war jedoch sehr rasch eine andere. Die Männer an der Front trafen auf ein Szenario, das jede Vorstellung übertraf. In den Kriegen bis 1914 standen sich bewegliche Verbände auf einem klar abgegrenzten Schlachtfeld direkt gegenüber. In diesem Krieg aber gruben sich die Soldaten nunmehr ein und führten aus den Schützengräben einen Stellungskrieg. Dieser war von der Landschaft entscheidend mitgeprägt: die tiefen Gräben an der deutschen Westfront mit dem Schreckgespenst des Gaskriegs, des lautlosen Todes, neben dem ungeheuren Lärm der einschlagenden Granaten. Der Hochgebirgskrieg in den Dolomiten, teilweise im ewigen Eis geführt, mit den Lawinen und den komplizierten Nachschublinien. Der Karst, wo der Muschelkalk nur niedrige Schützengräben erlaubte und das Splittern des Gesteins Kugeln und Geröllsplitter mit schrillem Ton querschlagen ließ. Dort lagen in der Kälte der Winterwinde und in der Gluthitze des Sommers die Gefallenen vor den Stellungen, im Niemandsland.

Zur Fliegerabwehr im Hochgebirge umfunktioniertes Geschütz, Monte Pizzul mit dem eisernen Ritter im Hintergrund, 1916, Fotograf Peter Pailer, Leihgabe: Dr. Josef Pailer, Graz

Der spätere Begründer der Feldtheorie, Kurt Lewin, an der deutschen Westfront als Kanonier eingesetzt, nannte in einer kurzen Analyse die Front eine „gerichtete Landschaft“. „Die Gegend scheint da ,vorne‘ ein Ende zu haben, dem ein ,Nichts‘ folgt.“ Vorne, das war der Tod. Die Landschaft war nicht mehr im Rundblick zu erfassen, sie war Teil der Kampf- und Überlebensstrategie.

Der Künstler Fritz Silberbauer, 1883 in Leibnitz geboren, diente während des Ersten Weltkriegs beim steirischen Infanterieregiment Nr. 27, dem „Grazer Hausregiment“ und war u. a. an der Südwestfront eingesetzt. In seinen Werken verarbeitete er seine Kriegserlebnisse.
Die vielen Toten, die dieser Massenkrieg hervorbrachte, mussten trotz der unmenschlichen Verletzungen, den entstellten, zerfetzten Körpern, identifiziert und entsprechend beerdigt werden. Zur Erkennung trug jeder Soldat eine Legitimationskapsel bei sich, die mit einem Band an der rechten Hoseninnenseite in einer speziellen Tasche befestigt und deponiert wurde. Bei Offizieren war die Legitimationsblattkapsel auf der Vorder- und Rückseite reich verziert: mit den Herrscherinitialen und dem kaiserlichen Doppeladler – wie das hier abgebildete Beispiel zeigt. Sie beinhaltete das sogenannte Legitimationsblatt, das Informationen zur Truppenkörperzugehörigkeit, dem Musterungsjahrgang, der Heimatzuständigkeit enthielt und auch Aufschluss über den Ort und den Zeitpunkt der Bestattung seines Besitzers erlaubte. Die hier gezeigte Legitimationsblattkapsel stammt von Oberleutnant Emil Teuschel, Angehöriger des Schützenregiments Nr. 37, der an der Isonzofront kämpfte und dort mit dem Verlust Untergebener, Kameraden und seinem eigenen Schicksal konfrontiert war. In seiner Legitimationsblattkapsel hinterließ er den Wunsch: „beerdigt mich in der Heimat“.

„Gerichtet“ war aber nicht nur die Landschaft an der Front. Den Bedürfnissen der Front war alles untergeordnet: die Versorgung, das Transportwesen, die Kommunikation, ja sogar die Kunst. Zuerst die Bedürfnisse der Front (so wurde letztlich der Krieg an der Heimatfront entschieden), zuerst der Transport von Truppen und Waffen, zuerst die Feldpost, dann erst die zivilen Bedürfnisse nach Nahrung, Kommunikation oder Mobilität. Künstler, die nicht an der Front im Einsatz waren, saßen im Kriegspressequartier und schrieben, zeichneten oder malten im Dienste der Propaganda. Gedichte, Ansichtskarten und Durchhaltegeschichten entstanden in diesem Zusammenhang.

Fertigstellung von Fahrküchen, o. J., Fotograf unbekannt, Leihgabe: Stadtarchiv Graz

Die ganze Gesellschaft war also „gerichtet“. Vorne war die Front, die Linie vor dem Nichts, vor dem Tod. Dahinter in Abstufungen die Lazarette, der Nachschub und schließlich das Hinterland, sicher zwar, aber nur als Werkbank für die Bedürfnisse der Menschen „vorne“ verstanden. Hunger und Entbehrungen verschiedenster Art machten das Hinterland – auch ohne militärische Aktionen – ebenfalls zum Kriegsgebiet. Und hier wurde der Krieg von den Mittelmächten („Im Felde unbesiegt“ als Mythos) letztlich auch verloren, was Grundlage späterer Verschwörungstheorien wurde, allen voran die „Dolchstoßlegende“, die den Feind im Inneren ortete.

Der Einsatz von Flugzeugen und Ballonen trug die Kriegsführung in eine neue Dimension, die es nun in die militärischen Planungen zu involvieren galt. Aufgrund des technischen Entwicklungsstandes der Flugzeuge wurden diese vorerst zur Aufklärung eingesetzt und als Hilfsmittel für die Bodentruppen herangezogen. Da zu Beginn des Luftkriegs die Flugzeuge noch nicht mit Schusswaffen oder Bomben versehen waren, wurden die hier abgebildeten Fliegerpfeile mitgeführt und auf feindliche Bodentruppen geworfen. Die Anzahl der abgeworfenen Pfeile war meist sehr groß, da die Trefferquote gering war. Ein Pfeil konnte allerdings aufgrund der enormen Geschwindigkeit, die dieser während des Falles entwickeln konnte, einen Stahlhelm durchbohren – ein Treffer war meistens tödlich.

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