Badesee

Im Gegensatz zum Freibad, wohin ab einem gewissen Alter auch allein gegangen, geradelt oder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln gefahren wird, ist der Ausflug zum Badesee zumeist eine Familienunternehmung. Grund dafür ist die meist doch recht weite Entfernung, die besser im Auto zurückgelegt wird, das Papa oder Mama steuern. Der größte Nachteil dabei: Ohne Aufsicht ist man selten. Vorteil: Die private Bank in Form der Eltern oder Großeltern ist stets in Rufweite und sorgt nach Absolvierung der rituellen Bettel- und Klagevorführung für Nachschub an Eiscreme und ansonsten nie erlaubten Comics. Eltern wollen ihren Badetag schließlich ebenfalls genießen.

Rückzugsorte der älteren Generation sind die Campingliegen, stoffverkleidete Metallgestelle mit höhenverstellbarem Kopf- und Fußteil, erhältlich in möglichst schreienden Farben und mit großflächigen Blumenmustern. Als Wesen am Übergang zwischen Kindheit und Erwachsenenalter bevorzugt man lässig das Handtuch oder die Luftmatratze.

Kommt das Kind tropfend und bibbernd aus dem Wasser und hat sich die erste Kälte mit dem Badetuch abgerubbelt, tritt die selbstgemachte Umkleidehilfe vulgo „Hexe“ in Aktion: Kreiert aus alten Leintüchern oder Vorhängen, die ihren Erstzweck aus ästhetischen Gründen nicht mehr erfüllen können, sind die Helfer am oberen Ende mit Gummizug oder Band versehen. Der Kopf wird durch die dehnbare Öffnung gesteckt, die Konstruktion liegt auf den Schultern auf und fällt bis zum Boden. Darunter muss man den geliebten neuen Bikini gegen einen weniger kleidsamen, weil aus der Vorsaison stammenden tauschen. Protestgeraunze und Hinweise auf die tropischen Temperaturen werden mit dem Kommentar „Du ziehst dich um, sonst bekommst du eine Blasenentzündung“ vom Tisch gewischt.

Die wenigsten Seebäder verfügen bereits über Sprungtürme oder Wasserrutschen – Ausnahmen bestätigen eher die Regel –, dafür aber meist über ein Floß in der Mitte, von dem aus man ins Wasser springen kann. Den größeren Unterhaltungswert bieten aber die beliebten Boote. Der Hit sind natürlich Elektroboote, aber auch Tret- und Ruderboote werden ebenso fleißig genutzt wie der Minigolfplatz mit seinen manchmal recht anspruchsvollen Löchern. Begleitet von Zorngeschrei und lauten Verwünschungen kann der Schläger dabei schon einmal unsanft auf dem Boden landen …

Thalersee

In den 1920er-Jahren wird damit begonnen, jene Teiche in Unterthal, die im 18. Jahrhundert trockengelegt wurden, im Herbst wieder aufzustauen. Das geschieht, um Eis zu gewinnen: Vor der Einführung des Kühlschrankes ist das ein gewinnbringendes Geschäft, sind doch Gastronomie und vor allem Brauereien zahlungskräftige Abnehmer. Gelagert wird das gewonnene Eis vor Ort, aber auch in Graz.

 

Es ist dann auch ein Bierbaron, der den Eissee in den Rang eines Badesees erhebt. Ab 1925 wird er im Auftrag von Hans von Reininghaus zu einem Strandbad ausgebaut. Mit 65.000 m² ist es schließlich das größte der Steiermark. Für die jährlichen Sportveranstaltungen sorgt der ehemalige Radrennfahrer und erste Badedirektor Taxal.

 

Das Bad wird in den höchsten Tönen gelobt und erhält sogar den Spitznamen „Grazer Gänsehäufel“. Man betont die vorzügliche Wasserqualität und meint, dass das Gewässer so klar sei wie der Wörthersee und so warm wie die Adria. Auch dem Schlamm, dem Heilkräfte zugeschrieben werden, gewinnt man gute Seiten ab. Das Strandbad verfügt über 92 Umkleidekabinen, die bereits 1927 um weitere 50 aufgestockt werden, sowie über ein Nichtschwimmerbecken mit 1.500 m², eine Spielwiese mit 80.000 m² und einen parkähnlichen Wald mit 15.000 m². Als besondere Attraktion wird 1929 ein Wassertobogan in Auftrag geben. Mit kleinen Wägelchen kann man von dem 10 Meter hohen Turm ins Wasser fahren.

 

Auch gastronomisch müssen die Badegäste nicht darben. Das Restaurant am See ist für 100 Personen ausgelegt und verfügt neben einem eigenen Rettungszimmer auch über Abstellplätze für Räder, Autos und Motorräder. Zusätzlich gibt es eine Werkstatt und eine Benzinstation.

 

Für die Anreise gibt es einen eigens eingerichteten Pendelverkehr von Wetzelsdorf und Gösting. So kommen an schönen Sommerwochenenden Hunderte Badebegeisterte nach Thal.

 

Durch Krieg und Geldmangel geht es mit dem Strandbad in den 1940er- und 1950er-Jahren steil bergab. Trotzdem wird der See noch zum Baden genutzt, wenngleich die Besuchszahlen immer weiter zurückgehen. In den späten 1950er-Jahren entdecken Wintersportler den See für sich.

 

Die schwierigen Zeiten enden zumindest für die Gastronomie in den 1960er-Jahren. Ein Besitzerwechsel sorgt für neuen Schwung und macht das Restaurant am See zu einem Lokal für gehobene Kulinarik. Fortan nutzt die Bevölkerung den See für Uferspaziergänge und Bootfahren, aber nicht mehr zum Schwimmen.

Museum für Geschichte

Sackstraße 16
8010 Graz, Österreich
T +43-316/8017-9800
geschichte@museum-joanneum.at

 

Öffnungszeiten


Di-So, Feiertag 10 - 18 Uhr

 

6. Juni 2022
15. August 2022
26. Dezember 2022

24. bis 25. Dezember 2022