Ausstellungsansicht "was war" im Museum für Geschichte, Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Milatovic

Ausstellungsansicht “was war” im Museum für Geschichte, Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Milatovic

2. Juni 2021 / Bettina Habsburg-Lothringen

Was kommt? Was bleibt? Zur Gestaltung einer Ausstellung

Ausstellungen | Museum für Geschichte | Museumseinblicke

INNOCAD ist ein in Graz ansässiges, international tätiges, transdisziplinäres Architekturbüro. Eine erste Zusammenarbeit mit INNOCAD gab es bereits im Kontext der mehrfach ausgezeichneten Dauerausstellungstrilogie des Museums für Geschichte. Martin Lesjak, Mitgründer und CEO von INNOCAD, im Gespräch mit Bettina Habsburg-Lothringen zum Gestaltungskonzept der Ausstellung was war. Historische Räume und Landschaften.

Bettina Habsburg-Lothringen: INNOCAD ist in allen Bereichen der Architektur und Innenarchitektur aktiv und beschäftigt sich mit dem Tochterunternehmen 13&9 mit Produkt- und Sounddesign sowie Ausstellungsgestaltung. Worin besteht der größte Unterschied zwischen dem Bau eines Hauses, der Gestaltung eines Hotels oder Bürogebäudes und der Planung einer Ausstellung?

Martin Lesjak: Für uns gibt es in der grundlegenden Herangehensweise keinen Unterschied, da wir mit unserer holistischen Arbeitsphilosophie für jedes Projekt unabhängig von Umfang und Größe nach einer relevanten Lösung suchen.

Welches Selbstverständnis hast du, habt ihr als Ausstellungsgestalter*innen, wie seht ihr eure eigene Rolle in so einem Projekt?

Wir sehen uns nicht nur als Gestalter*innen, sondern auch als Konzeptionist*innen. Die Gestaltung entspringt deshalb einer sorgsamen inhaltlichen Auseinandersetzung, die in engem Austausch mit den Kurator*innen stattfindet. Aus dieser Vertiefung entwickeln wir eine geeignete Darstellung des Ausstellungsthemas, das dieses atmosphärisch auflädt und auf mehreren Ebenen erlebbar macht.

Wie groß ist so ein Team, welche Kompetenzen sind darin versammelt?

Wir sehen uns als transdisziplinäres Kollektiv mit Expert*innen aus den Bereichen Architektur, Innenarchitektur, Konzeption, Produktdesign, Ausstellungsgestaltung und Sounddesign. Im aktuellen Fall bestand das Team von INNOCAD und 13&9 aus fünf Personen und wurde darüber hinaus durch externe Spezialist*innen unterstützt.

Ausstellungsansicht "was war" im Museum für Geschichte, Foto: Universalmuseum Joanneum/J.J.K Kucek

Ausstellungsansicht “was war” im Museum für Geschichte, Foto: Universalmuseum Joanneum/J.J.K Kucek

Ich nehme an, die Entwicklung einer Ausstellung erfolgt in mehreren Schritten. Wie kommt man zu einem Gestaltungskonzept? Wie kann man sich den Prozess im Team vorstellen, wie in der größeren Runde mit der Inhaltsgruppe, den Techniker*innen und Handwerker*innen?

Indem man sich von mehreren Seiten nähert, von einem analytischen, einem szenografischen und einem inhaltlichen Standpunkt aus. Danach wird das Konzept mit den vielen beteiligten Professionist*innen hinsichtlich technischer Umsetzung, des budgetären Rahmens und der konservatorischen sowie organisatorischen Anforderungen weiterentwickelt.

Kommen wir nun zum Ergebnis des Prozesses: Wie lassen sich die konzeptionellen Grundlinien eurer Gestaltung beschreiben? Aus welchen Elementen setzt sie sich zusammen?

Die Ausstellung zeigt historische Räume und Landschaften, aneinandergereiht vom Beginn der Zeitrechnung bis ins 20. Jahrhundert. Wir lassen diese sichtbar werden, wissend, dass diese heute noch wirksam sind und ganz oder in Spuren lesbar sind – als Architekturen, als Landschaften, als Grenzen, als Herrschafts- und Rechtsräume, als Lichträume und Klanglandschaften, als soziale Räume.

Diese vielen verschiedenen Raumstrukturen wirken gleichzeitig, sie sind vielschichtig und komplex. Sie haben eine andauernde Präsenz und sind als Raum-Zeit-Kontinuum das Medium unseres Lebens.

Wir Menschen sind es, die diesen Lebensraum schaffen und ihn permanent umformen. Wir pflegen ihn, wir benutzen ihn, wir ehren ihn, wir vernachlässigen ihn, wir transformieren ihn oder wir verlassen ihn. Nach dem Motto „Jede Zeit hat ihre Themen“ ändern bzw. definieren wir unsere Bedürfnisse und schaffen neue „Räume“ und Architekturen. Und all dies geschieht vor dem Hintergrund und in dem, was wir Natur nennen.

Verdichtung und Komplexität, Skalierung und Beschleunigung sind Attribute dieser Entwicklung und auch die Leitthemen der Ausstellungsgestaltung.

Als immersive Installation wollen wir den Besucher*innen die Inhalte auf allen Sinnesebenen vermitteln und ihnen eine optische, akustische, kinästhetische sowie haptische Erfahrung und Erkenntnis bieten.

Ausstellungsansicht "was war" im Museum für Geschichte, Foto: Unviersalmuseum Joanneum/J.J. Kucek

Ausstellungsansicht “was war” im Museum für Geschichte, Foto: Unviersalmuseum Joanneum/J.J. Kucek

Ich möchte nun ganz konkret auf die drei konzeptionellen und gestalterischen Grundelemente – Hülle, Struktur und Boden eingehen. Wie verortet die Hülle die Ausstellung inhaltlich, thematisch und räumlich?

Den Rahmen für die Ausstellung bildet der im Zuge des letzten großen Umbaus in die historischen Räumlichkeiten des Palais Herberstein eingeschriebene White Cube – eine Folge von hermetisch geschlossenen hölzernen Raumzellen als möglichst neutrale Ausstellungsfläche.

Die Verwandlung dieser künstlichen Hülle in eine künstlerisch übersetzte, von Menschenhand unberührte Naturlandschaft war der erste Schritt. Als „endlose“ Landschaft bildet sie jenen Raum ab, den wir Menschen als Handlungsfeld auf dieser Erde vorgefunden haben.

Sukzessive haben wir uns diesen Raum angeeignet, ihn verändert und überformt. Angefangen von minimalen Eingriffen in den Naturraum reicht das Spektrum von der Aneignung und dem Ausnutzen von naturräumlichen Gegebenheiten zur Stillung unserer Bedürfnisse – vom physischen Schutz bis zum Schutz ganzer sozialer Systeme – über die Nutzung von Naturschätzen in vielfältiger Ausprägung bis zur vollständigen Überformung des Naturraumes.

Die Spuren dieses Prozesses werden als Perforierungen der Landschaft und als Löcher in der Raumhülle lesbar. Sie bilden das Substrat unseres Schaffens. Zunehmend steigend in ihrer Anzahl sowie Größe verändern diese Eingriffe mehr und mehr den Naturraum, verdichten sich und werden komplexer. Es wir heller, lauter und schneller.

Raumbildend und Träger eines Gutteils der Texte, der Pläne und Modelle ist eine rohe Struktur …

Aus den Perforierungen der Landschaft wächst das „Gebaute“ und bildet als Raumstruktur gleichzeitig den Objektträger für verschiedene, die jeweilige Epoche repräsentierende Exponate.

In Form von Karten, Modellen, „Treibgütern“, Klang- und Tondokumenten füllen diese die Räume zunehmend an, machen Geschichte spürbar und vielschichtig lesbar als historische Manifeste menschlichen Handelns.

Zeit und Geschichte wird im Raum offensichtlich und stellt die Frage nach der Angemessenheit des Handelns. Die Exponate und Perforierungen der Wände ermöglichen Einblicke, legen die dahinterliegenden Schichten frei und werfen Fragen auf.

Ausstellungsansicht "was war" im Museum für Geschichte, Foto: Universalmuseum Joanneum/J.J. Kucek

Ausstellungsansicht “was war” im Museum für Geschichte, Foto: Universalmuseum Joanneum/J.J. Kucek

Auch die Bespielung des Bodens ist ein wesentliches Moment. Wie ist dieses in Konzept und Gestaltung verankert?

Als Projektionen legen sich die Strukturen auf den Boden und bilden Dorf- sowie Stadtpläne ab. Das Publikum durchschreitet Gebäudetypologien und wird selbst Teil davon – Wegenetze und Verwaltungsstrukturen schreiben sich in den Raum ein.

Immer wieder haben große Denker*innen den Einfluss von Landschaften als Denkraum betont und dabei auch das Gehen durch diesen als essenziell für das Denken beschrieben. Der Reichtum der Landschaft und die Umbrüche beim Gehen wirken innerlich wie äußerlich und fordern uns auf, unsere Position innerhalb der Welt zu bestimmen. Es erinnert uns daran, dass wir am Leben sind.

Ausstellungsansicht "was war" im Museum für Geschichte, Foto: Universalmuseum Joanneum/J.J. Kucek

Ausstellungsansicht “was war” im Museum für Geschichte, Foto: Universalmuseum Joanneum/J.J. Kucek

Die Ausstellung ist ein räumliches Medium. Die Räume der Ausstellung was war. Historische Räume und Landschaften entstehen auch durch Sound – was lässt sich zum „Rauschen der Geschichte“ sagen? Welchen Leitlinien folgt die Konzeption?
Die von 13&9 in Zusammenarbeit mit Severin Su produzierte Klanginstallation ist ein wesentlicher Bestandteil der Szenografie und verschafft den Besucher*innen ein multidimensionales Erlebnis. Die Komposition basiert auf zwei unterschiedlichen Ebenen ‒ einer abstrakten und einer narrativen Klangebene.
Die abstrakte Klangebene unterstreicht die räumlich-konzeptionelle Gestaltung, Verdichtung und Komplexität sowie Skalierung und Beschleunigung. Konkret besteht sie aus drei Elementen:
DER TROMMELSCHLAG: Ein tiefer dumpfer Trommelschlag verdoppelt seine Geschwindigkeit, seinen Rhythmus von Raum zu Raum, chronologisch zur Zeit, bis er gegen Ende hin als fast technoider Beat erlebbar wird. Er steht für Skalierung und Beschleunigung des Lebens sowie des menschlichen Schaffensraums auf der Erde.
DAS RAUSCHEN: Die Klangfrequenzen beginnen bei 30 Hz im ersten Raum, überlagern sich stetig ansteigend und vervielfältigen sich, je weiter man sich in der Ausstellung fortbewegt. Anfangs noch harmonisch, verformen sie sich zunehmend in Disharmonien, chronologisch mit der Zeitachse. Das Rauschen steht für Verdichtung und Komplexität sowie für die ansteigende Disbalance zwischen Mensch und Natur.
DER HERZRHYTHMUS: Dieser Takt des Lebens begleitet das Publikum durch die gesamte Ausstellung. Als Rhythmus des Lebens ist er zugleich Rhythmus der Zeit – als Sinuston wird er bis zur finalen Fragestellung „Was kommt? Was bleibt?“ immer lauter, präsenter und schließlich auch exponentiell schneller.
So weit zur abstrakten Ebene. Die narrative Klangebene begleitet die Ausstellungsräume als chronologische Geräuschkulisse, versucht die Atmosphäre jedes Zeitabschnitts zu transportieren und nimmt gleichzeitig direkten Bezug auf die Exponate.

Ausstellungsansicht "was war" im Museum für Geschichte, Foto: Universalmuseum Joanneum/J.J. Kucek

Ausstellungsansicht “was war” im Museum für Geschichte, Foto: Universalmuseum Joanneum/J.J. Kucek

Der angesprochene HERZRHYTHMUS und die „finale Fragestellung“ weisen bereits in den letzten Raum. Als Kuratorin finde ich es bei jedem Ausstellungsprojekt erneut schwierig, einen guten Schlusspunkt zu setzen. Gut, wenn dies, wie im Fall der aktuellen Ausstellung, die Gestaltung in Form einer raumgreifenden Installation übernimmt! Für mich werden am Ende alle gestalterischen Elemente noch einmal in neuer Weise zusammengeführt und man erkennt in doppelter Weise die Geschlossenheit von Systemen: einmal des Ausstellungsraums als Rahmen jeder Präsentation. Einmal jene der Welt, in der wir leben. Kannst du beschreiben, welche Überlegung hinter der Gestaltung des letzten Ausstellungsbereichs steht?

Die Beschäftigung mit unserer Vergangenheit ist immer verbunden mit deren Auswirkung auf die Gegenwart und auf die Zukunft. Dieser Vorgang wirft stets dieselbe Frage auf: „Was kommt? Was bleibt?“ Der letzte Raum beschäftigt sich mit genau dieser Fragestellung.
Aus den Fragmenten der Eingriffe der Vergangenheit (Löcher) entsteht ein neuer, „anderer“ Naturraum. Die Strukturen der menschlichen Interventionen sind weitgehend verschwunden beziehungsweise von der Natur zurückerobert worden. Diese gestalterisch-inhaltliche Installation soll uns daran erinnern, dass wir Menschen nur Gast auf dieser Erde sind und die Natur an sich lange vor uns da war und wahrscheinlich lange nach der Menschheit Bestand haben wird.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

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