Einzelteile der „Frankfurter Küche“ in der Kulturhistorischen Sammlung, Abbildung © V. Delic, UMJ

Einzelteile der „Frankfurter Küche“ in der Kulturhistorischen Sammlung, Abbildung © V. Delic, UMJ

16. Februar 2017 / Valentin Delic

Eine Stilikone für das Joanneum – Eine „Frankfurter Küche“ in der Kulturhistorischen Sammlung

Konservieren & Restaurieren | Museum für Geschichte

Am Dienstag, dem 12. Juli 2016, war es endlich soweit: Als großzügiges Geschenk des Museums Angewandte Kunst in Frankfurt wurde unsere neue Küche – zerlegt in Einzelteile – angeliefert. Es ist nicht irgendeine Küche, sondern eine sogenannte „Frankfurter Küche“, die erste Einbauküche der Welt und Urtypus unserer modernen Einbauküchen.

Heute am Blog: #title# #url#Die österreichische Architektin Margarethe Schütte-Lihotzky (1897–2000) hat die Frankfurter Küche als „Labor einer Hausfrau“ für die Wohnungen des von Ernst May initiierten Bauprojektes „Neues Frankfurt“ entworfen – eine Stilikone des frühen 20. Jahrhunderts – vergleichbar mit anderen legendären Möbelentwürfen dieser Epoche wie zum Beispiel der Wassily Chair, Modell No. B von Marcel Breuer (1925) oder die Liege Modell No. B von Le Corbusier, Pierre Jeanneret und Charlotte Perriand (1928).

Eine „Frankfurter Küche“ in einer historischen Aufnahme, Abbildung © Zeitschrift „Das neue Frankfurt“, 5/1926-1926.

Eine „Frankfurter Küche“ in einer historischen Aufnahme, Abbildung © Zeitschrift „Das neue Frankfurt“, 5/1926-1926.

Als erste kursteilnehmende Frau an der Wiener k. k. Kunstgewerbeschule, der späteren Universität für angewandte Kunst, wurde Margarete Schütte-Lihotzky dort von Lehrern wie Josef Hoffmann, Anton Hanak und Oskar Kokoschka geprägt und studierte von 1915 bis 1919 Architektur bei Oskar Strnad und Baukonstruktion bei Heinrich Tessenow. Durch die Zusammenarbeit mit Strnad kam sie erstmals mit dem sozialen Wohnbau in Wien in Berührung, einem Gebiet, auf dem ihr Architekturprofessor Pionier war. Nach ihrer Graduierung kooperierte sie mit ihrem Mentor Adolf Loos, als dessen Mitarbeiterin sie Ernst May, den Bauprojektleiter des „Neuen Frankfurt“, kennenlernte. Dieser beauftragte sie mit der Ausarbeitung der Frankfurter Küche, die auf minimalem Raum maximalen Komfort und eine umfassende Ausrüstung bieten sollte. Von drei unterschiedlich großen Typen der Küche wurden insgesamt 15.000 Exemplare gebaut. Eine Vielzahl dieser Küchen ist nach wie vor in der heutigen Ernst-May-Siedlung in Frankfurt eingebaut und wird noch benutzt.

„Period Room“ des frühen 20. Jahrhunderts

Da die Kulturhistorische Sammlung am Universalmuseum Joanneum einen bedeutenden Bestand von insgesamt neun kompletten historischen Raumausstattungen – sog. „Period Rooms“ von der Renaissance bis ins 19. Jahrhundert – besitzt, liegt es aufgrund dieser Sammlungstradition nahe, den Bestand der Raumausstattungen auch um relevante Beispiele des 20. Jahrhunderts zu erweitern. Durch den langjährigen fachlichen Kontakt zwischen den Möbelrestauratoren beider Museen konnte Anfang 2016 die Schenkung einer Frankfurter Küche, die ehemals in der Parterrewohnung der Ernst-May-Siedlung, Höhenblick, Hausnummer 22, eingebaut war, aus den Beständen des Frankfurter Museums für die Kulturhistorische Sammlung angebahnt werden. Durch die großzügige Unterstützung des Direktors des Museums Angewandte Kunst in Frankfurt, Matthias Wagner K, ist unsere Sammlung nun um ein kunst- und kulturhistorisch sowie gesellschaftspolitisch äußerst bedeutendes Beispiel europäischer Möbelgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts reicher!

Margarete Schütte-Lihotzky, Abbildung © MONO VERLAG.

Margarete Schütte-Lihotzky, Abbildung © MONO VERLAG.

Bei unserer Frankfurter Küche handelt es sich um eine des Typs 1, der kleinsten Variante, die zwischen 1926 und 1927 eingebaut wurde. Die Küche ist weitgehend vollständig erhalten und besteht hauptsächlich aus einem großen Kasten, der rechts der Eingangstür stand, vier weiteren Unterschränken und einem großen, querrechteckigen Oberschrank mit vier verschiebbaren Glastüren. Darüber hinaus gehören ein kleines Gewürzregal, ein zweigeteiltes gusseisernes Spülbecken samt den zugehörigen Wandhaken und die hölzerne Geschirrabtropfwanne dazu. Auch der gesamte Gewichtmechanismus mit Stahlseil und Umlenkrollen, mit dem man das Brett zur Durchreiche nach oben hinter den küchenseitig angebrachten Oberschrank schieben und dann die Klappe zum Wohn- und Esszimmer öffnen konnte, ist noch vorhanden. Die meisten Fachböden und Gestelle zur Lagerung unterschiedlich großer Topfdeckel sowie viele weitere Originalteile der Innenausstattung der Kästen wie z. B. emaillierte blecherne Abtropfwannen, ein eiserner Gitterrost und eine in einem Unterkasten angebrachte, dreiseitig umlaufende eiserne Rundstange zum Aufhängen von Pfannen, Töpfen und weiteren Küchengeräten existieren noch. Darüber hinaus zählen eine Lampenfassung, zwei metallene Wandhaken für einen Glasfachboden und sieben originale Wandfiesen zum Bestand.

Grundriss der „Frankfurter Küche“, Abbildung © betonliebe.com.

Grundriss der „Frankfurter Küche“, Abbildung © betonliebe.com.

Nicht mehr vorhanden waren der originale Kochherd der Marke „Prometheus“, ein Radiator sowie der Großteil der Wand- und Bodenfliesen. Herd und Heizkörper könnten im Falle einer zukünftigen Museumspräsentation als „Period Room“ mithilfe der Ernst-May-Gesellschaft e. V. durch Dauerleihgaben ergänzt werden. Sämtliche Sichtseiten der Küchenmodule sind mindestens zweifach mit weißer und das Beschlagwerk sowie die Griffe der Schubkästen mit schwarzer Farbe überstrichen. Unter den Überfassungen befindet sich die originale dunkelblau-graue Farbfassung, die für viele Frankfurter Küchen als typisch gilt.

Komplexes Studienobjekt

Als Grundlage für eine zukünftige museale Präsentation der Frankfurter Küche ist ein Projekt mit Studierenden der Konservierung und Restaurierung angedacht. Im Zuge dessen sollen die Küchenmodule ausführlich fotografisch, aber auch digital-zeichnerisch dokumentiert und mithilfe dieser Daten ein digitaler Raumplan erstellt werden. Eine Erfassung sämtlicher Schäden in digitalen Kartierungen bildet die Grundlage für die weitere Bearbeitung. Die Untersuchung der einzelnen Module wird wichtige Erkenntnisse über deren Konstruktionsweise bringen. Zur Klärung der ursprünglichen Farbfassung sowie der diversen Überfassungen sollen anhand von mikroskopischen Querschliff- und Streupräparatanalysen die Stratigraphie sowie die Binde- und Farbmittel der unterschiedlichen Schichten untersucht und bestimmt werden. Auf Grundlage dieser Ergebnisse kann ein schadensspezifisches Reinigungs-, Konservierungs- und Restaurierungskonzept erstellt und können Überlegungen zur Freilegung der Originalfassung angestellt werden. Schlussendlich sollen aufgrund dieses Konzeptes Musterflächen angelegt und sämtlich angefallenes Datenmaterial als Grundlage für eine weitere Bearbeitung in die Datenbank eingespeist werden.

 

 

Kategorie: Konservieren & Restaurieren | Museum für Geschichte
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