Panzersperren als Hindernis gegen die deutsche Wehrmacht bei Šentilj/St. Egidi. Fotograf: Alfred Steffen, Multimediale Sammlung/UMJ

12. September 2018 / Nicole Hofstetter

Das Leben an der österreichisch-slowenischen Grenze von 1919 bis 1945

Ausstellungen | Museum für Geschichte

Am 13. September 2018 wird der zweite Teil der von Helmut Konrad kuratierten Ausstellung „100 Jahre Grenze“ im Museum für Geschichte eröffnet. Dieser widmet sich dem „Leben an der Grenze“. Die Zeitspanne zieht sich, beginnend im Jahr 1919, als die Grenze festgelegt wurde, über eine schwierige Phase, die den Zweiten Weltkrieg inkludiert. Nach Ende des Krieges schließt das Kapitel mit einem aussichtsreichen Bild der österreichisch-jugoslawischen Grenze im Weinbaugebiet.

„Man kann nur alle möglichen Seiten zeigen“

Petra Greeff, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Multimedialen Sammlungen (MMS), spricht von den „haarsträubenden Ereignissen“, die sich zwischen 1919 und 1948 ereignet haben, und der Notwendigkeit, sie aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Dabei wurde Abstand vom Bilderkanon genommen und ein Schwerpunkt auf noch nie gezeigtes Fotomaterial gelegt. Ergänzend dazu sind Materialien des „Museums der nationalen Befreiung Maribor“, das sich der Geschichte der Partisanenbewegung in Slowenien widmet, sowie Zeitzeugenberichte und Karten zur Veranschaulichung der Vertreibung der Personen, die an der Grenze lebten, Teil der Ausstellung.

Im steirischen Grenzland, Fotograf: unbekannt,
Multimediale Sammlungen/UMJ

Abwanderung der Bevölkerung

Bei der Teilung eines Landes, das Menschen mit verschiedenen Muttersprachen beheimatet, stellt sich natürlich die Frage, ob es nach der Grenzziehung zu einer Abwanderungswelle kommt. Verlegten deutschsprachige und slowenischsprachige Steirer/innen ihren Wohnort auf jene Seite der Grenze, wo sie keiner Minderheit angehörten? Statistische Daten legen diese Entwicklung nahe, man nimmt jedoch an, dass die Abwanderungswelle tatsächlich eher sukzessiv vonstattenging und die Bevölkerung großteils einfach dort verblieb, wo sie sich ihr Leben aufgebaut hatte. Fragen wie jene zur Sprache wurden vermutlich mit einem „Was ist für mich politisch besser?“ im Hinterkopf beantwortet.

Anfänge der Grenze

Zu Beginn war die neue, künstliche Grenze noch relativ durchlässig. Mithilfe von Grenzübertrittskarten konnte die lokale Bevölkerung vergleichsweise problemlos die Grenzposten passieren. Darauf waren ein Foto, die Adresse, die ungefähren Körpermaße und Stempel zu sehen. Diese Karten sind mit dem heutigen Reisepass, jedoch für einen kleinen, beschränkten Raum, vergleichbar.

Undatierte Grenzkarte von Ing. Hans Stingel aus Retznei,
Multimediale Sammlungen/Universalmuseum Joanneum, Schenkung Kriegl

Neuverteilung im „Dritten Reich“

Das nationalsozialistische Regime betrieb nach der Invasion in das Königreich Jugoslawien im April 1941 eine intensive Germanisierungspolitik, die zu einer massiven Umverteilung der Bevölkerung führte. So gab es vier verschiedene „rassische“ Stufen und fünf politische Grade, in die Personen eingeordnet wurden. Aufgrund dieser Bewertung wurde dann entschieden, ob jemand im Land verbleiben durfte oder zur „Umschulung“ oder Aussiedlung nach Deutschland (das sogenannte „Altreich“) übersiedelt wurde – womit sehr häufig die zumindest vorübergehende Verschleppung in verschiedene Lager gemeint war. Personen, die als „nicht eindeutschungsfähig“ eingeschätzt wurden, mussten nach Kroatien oder Bosnien und Herzegowina umsiedeln. Während dies bei der deutschsprachigen Minderheit in der Untersteiermark zu Beginn noch größtenteils Zustimmung fand, setzte sehr bald Ernüchterung ein und viele versuchten auch ihre slawischen Nachbarn vor den Aussiedlungsaktionen zu bewahren.

Maribor/Marburg, gesprengte Draubrücke im April 1941,
Fotograf: Alfred Steffen, Multimediale Sammlung/Universalmuseum Joanneum

Konzentrationslager in Slowenien

Nach dem Versuch der intensiven Germanisierung der slowenischen Bevölkerung holten 1945 die Partisanen mit der Errichtung von Konzentrationslagern für die deutschsprachige Minderheit zum Rückschlag aus. In diesen Lagern wurden die Insassen durch Entzug von Nahrung, harte Arbeit, Prügel und Erschießungen dahingerafft bzw. ermordet. Auch gegenwärtig stößt man in ehemaligen Panzergräben am Bachern/Pohorje noch auf menschliche Überreste.

Im Konzentrationslager Sterntal/Strnišče starben Tausende Menschen innerhalb von Monaten. Wer Glück hatte, wurde nur kurz interniert und dann wieder nach Hause geschickt. Bis heute gibt es keine genauen Zahlen und viele Personen gelten noch als verschollen.

Im Frühjahr 1945 wurden in Sterntal/Strnišče, Gutenhag/Hrastovec, Studenci, Brestrnica, Kamnik/Kamnica, Tezno und Tüchern/Teharje Konzentrationslager für sogenannte „Volksdeutsche“ errichtet. Da diese Lager völlig überbelegt waren, kam es in kurzer Zeit aufgrund katastrophaler hygienischer Zustände zu Ausbrüchen von Krankheiten wie Ruhr und Typhus. Das Lager Sterntal/Strnišče war zum Beispiel für 2.000 Personen ausgelegt, wurde aber mit 8.000-12.000 Personen belegt. Die genaue Zahl der Todesopfer von Sterntal ist immer noch unbekannt, die Schätzungen liegen zwischen 800 und 5.000 Menschen.
Karte erstellt von Petra Greeff, graphische Umsetzung: Leo Kreisel-Strauss, Universalmuseum Joanneum

Bezogen auf diese Gräueltaten ist es „eine Gratwanderung, was man zeigt und was man nicht zeigt“, meint Greeff. Besonders die Präsentation von problematischen Bildern, die Skelettteile oder Leichen zeigen, muss gut überlegt sein.

Für Interessierte ist die Ausstellung noch bis zum 20. Jänner 2019 zu sehen, bevor der dritte Teil im Februar 2019 eröffnet wird: Er beginnt mit der unmittelbaren Nachkriegszeit und endet mit dem Jahr 2018.

Kategorie: Ausstellungen | Museum für Geschichte
Schlagworte: 100 Jahre Grenze | 2. Weltkrieg | Interview | Leben an der Grenze | Teilung der Steiermark


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