Barbara Mungenast

Hot Dot at one End

08.11.-07.12.2003


Eröffnung: 07.11.2003, 19 Uhr
Kuratiert von: Elisabeth Fiedler

Ort: Studio der Neuen Galerie Graz


Malerei als entgrenzt Fragiles

Die Arbeit von Barbara Mungenast, deren Wurzeln sich auf Frank Stella, Mary Heilman oder Sue Williams zurückführen lassen, bewegt sich zwischen gestischer Malerei, analytischer Konstruktion und Reflexion auf das Vorhandene, ohne dabei einen Ganzheitsanspruch im Sinne von geschlossenem Kunstwerk zu erheben.

Die aufwendige Produktion und nuancierte Abmischung von Farbe, vermittels der ein der Natur möglichst getreues Abbild hergestellt werden sollte, endet mit der Verfügbarkeit über Farbe in Tuben ab den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts. Auch die Einstellung, geboren aus der im 18. Jahrhundert entstandenen Ästhetik, die Kunst sei der eigentliche Ort des Schönen, verändert sich durch differenzierte Sichtweisen der Welt und aufgrund neuer formaler und technischer Voraussetzungen.

Kunsthistorisch gesehen tritt "im Augenblick der Rivalität zwischen Natur und Bild, der Rivalität zwischen Visuellem und Bild ein entscheidender Bruch ein. In dieser Funktion der Rivalität von Kunst und Natur, von Bild und Visualität ist der Aufbruch zur Abstraktion begründet." (Peter Weibel in: PITTURA/IMMEDIA, Malerei in den 90er Jahren, Klagenfurt. 1995, S.16) Anstelle der Naturtreue tritt die Auseinandersetzung mit Phänomenen der Wahrnehmung, einer Strukturierung des Sicht- und Fühlbaren und der daraus resultierenden formalen Entsprechung.

Technisch stellt das Auftreten neuer Medien, im 19. Jahrhundert vor allem der Fotografie, angesehen als wahrheitsgetreues Abbild der Wirklichkeit, die bisher verwendeten Mittel der Repräsentation in Frage. Mit van Gogh löst sich die Farbe von der Objektdarstellung und Malewitsch verbannt mit seiner suprematistischen Farbmalerei das Objekt aus dem Bild. Die Analyse der Farbe als Medium wurde ausgehend von Cezanne über den Impressionismus und Expressionismus im abstrakten Expressionismus, dem Informel und dem action painting weitergetrieben, um in der Pop Art einen weiteren Höhepunkt zu erfahren. In der europäischen Entwicklung ist es neben der Reflexion dieser Tendenzen die Vorstellung von der rationalen Durchkonstruierbarkeit der Welt seit Descartes, die schlussendlich die Selbstauflösung der Ratio einläutete.

In seiner überheblichen Annahme einer Konstruktion der freien Gesellschaft durch Kolonialisierung anderer Nationen im Namen von Fortschritt und Technik entpuppte sich das Europa der ersten Welt zu einem Machtkonstrukt, dessen Scheitern wir heute miterleben. Im Wissen um dieses Scheitern und als Zeichen des Ausbruchs aus der Vorstellung einer homogenen Gesamtstruktur wird vor allem in der Kunst aber auch in der Wissenschaft einer Ganzheit das Fragment, der Kontinuität Diskontinuität, festgelegten Ordnungssystemen das Hybrid vorgezogen.

So bewegt sich auch die Arbeit von Barbara Mungenast, deren Wurzeln sich auf Frank Stella, Mary Heilman oder Sue Williams zurückführen lassen, zwischen gestischer Malerei, analytischer Konstruktion und Reflexion auf das Vorhandene, ohne dabei einen Ganzheitsanspruch im Sinne von geschlossenem Kunstwerk zu erheben. Nach ihrem Studium der Malerei und Grafik bei Ernst Caramelle verbringt sie die Jahre von 1995 bis 1997 in Afrika, wo sie sich intensiv mit Malerei auseinandersetzt. Dort beginnt sie, auch aus Mangel an Utensilien, mit Latex, einer wässrigen Emulsion von Kautschukbäumen, die unter großen Mühen gewonnen wird, zu arbeiten.

Hatte sie Farbe ursprünglich unbelastet und traditionslos verwendet und diese auf dem fremden Latexmaterial aufgebracht, so war ihr doch von Beginn an in der Farbwahl die Unterbrechung von Harmonie wichtig. Ihre damals gewonnenen zahlreichen Abgüsse bezeichnet sie ebenso als Malerei, wie ihre heutigen Arbeiten und betont damit die Gleichwertigkeit und -zeitigkeit von Farbe und Körper. Trotz der emotionalen Dynamik, mit der sie den Betrachter berührt, bedient sie also keine ästhetisch romantizistischen Wunschvorstellungen, agiert nicht mit retardierenden Stilmitteln, sondern entwickelt in präziser Farbwahl beziehungsreiche Strukturgebilde.

Geblieben ist der Arbeitsvorgang, in dem sie Farbe wie Objekte setzt und diese vom Negativ ins Positiv entwickelt. Dabei entstehen neue Farben, die einen Irritationsfaktor in sich tragen, die Suche nach dem Gegenstand unterbrechen, Assoziationen aber zulassen. Dieses Changieren der Bedeutungsebenen zieht sich in der Materialität fort: Obwohl sie wie Industriefarben wirken, verwendet Barbara Mungenast doch Künstlerfarben, die sie bearbeitet, um sie glänzender hervortreten zu lassen. Diese werden auf eine Folie aufgebracht, auf der sie schablonenhaften Objektcharakter annehmen. Diese Objekte werden nach exakter Vorbereitung, Mungenast arbeitet mit räumlichen Modellen, mit allen auf der Folie verbliebenen Unachtsamkeiten und Spritzern an die Wand geleimt und vor Ort verändert. Es handelt sich also nicht um Wandmalerei, sondern um eine Installation, deren Charakter die Flüchtigkeit, das Fragile, das Fraktale ist.

Obwohl man keinen Pinselstrich mehr wahrnehmen kann, handelt es sich dennoch um Malerei, allerdings ohne Handschrift, die sich fluid als amorphe Formen an und um Wände bewegt. Verbindungen, Anziehungsquellen und Distanzen erzeugen dabei eine Spannung, die die Tendenz zu Veränderung und Spontaneität vermittelt. Ähnlich verhält es sich mit ihren Bildern: sie malt nicht auf die Leinwand, sondern setzt Farbe, Farbe geht sozusagen auf das Bild. Auch hier ist der Kontext von Formen, die einfach und reduziert sind und intensiven Farben, die sie händisch abmischt und doch industriell erscheinen läßt, von Bedeutung, wobei sie die Verbindung von Ratio und Gefühl durch Titel wie "The Frozen White", "Surprise in the Rosegarden" oder "Every Motion tends to describe a Full Circle" thematisiert. Damit und in der Verweigerung der Flächigkeit im Farbauftrag stellt sie Uniformität und Industrialität in Frage. Gleichzeitig bewegt sich und strömt ihre Arbeit und obwohl sie als Unikat ausgewiesen ist entauratisierte Mungenast Malerei in eben dieser Flüchtigkeit, enthebt sie der Schwere und verleiht ihr eine neue Dimension des Ubiquitären. Die Leichtigkeit dieser skulpturalen Malerei, die abziehbildartig mutant ist, vermittelt einerseits Losgelöstheit vom Raum und erweitert ihn andererseits. Unendlichkeit entsteht, indem sie Farbskalen ins Bild einbezieht oder Raumgrenzen mit Farbe überwindet und als Teil eines größeren Ganzen ausweist.

In der formalen Konstruktion scheint der Unendlichkeit der Linie der Punkt entgegengesetzt, der aber tatsächlich als DOT in seiner Intensität, seiner Gleichsetzung mit Loch und Energie auch eine Form von grenzenloser Tiefe angibt und den sie ironisch als HOT DOT AT ONE END auf unsere Wahrnehmungsebene zurückholt.

Neue Galerie Graz

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