Jenseits von Kunst

20.09.-06.12.1998


Eröffnung: 19.09.1998, 11 Uhr
Kuratiert von: Peter Weibel

Ort: MUKHA - Museum van Hedendaagse Kunst Antwerpen
Eine Kooperation der Neuen Galerie Graz und dem Ludwig Múzeum Budapest


 

Der gegebene Anlass zu dieser Ausstellung ist die EU-Präsidentschaft von Österreich im 2. Halbjahr 1998 im Kontext der geplanten EU-Osterweiterung. Der Inhalt dieser Ausstellung ist erstens der Versuch einer neuen Begriffsbestimmung von Kultur und zweitens einer neuen Kartographie der Moderne. Kultur entwickelt sich jenseits des geopolitischen und ethnischen Codes; sie wird geschaffen von Mitgliedern einer Gemeinschaft, die geographische, ethnische, sprachliche, politische, religiöse, staatliche, nationale Grenzen überschreitet.

 

Diese Ausstellung soll in Ansätzen die unbekannte Wirklichkeit der Kultur- und Geistesgeschichte von Österreich und Ungarn im 20. Jahrhundert vorstellen. Beide Länder haben trotz der politischen Destruktionen und Obstruktionen analytische Kunstrichtungen (wie Konstruktivismus, Kinetik, Op Art, Aktionismus, dekonstruktive Architektur) und Denkströmungen (wie Psychoanalyse, Sprachphilosophie, Spieltheorie, Kybernetik, Quantenphysik) begründet oder mitgetragen, die eigenständige, spezifische Beiträge zur Weltkultur bilden. Die Leistungen und Werke von ca. je 100 österreichischen und ungarischen KünstlerInnen und ebenso vielen WissenschaftlerInnen werden mosaikartig vernetzt und nach einem neuartigen methoden- und problemgeschichtlichen Modell der Verflechtung von Kunst und Wissenschaft präsentiert.

 

 

"Im Auftrag von Bundeskanzleramt, Sektion Kunst, Staatssekretär Dr. Peter Wittmann anläßlich der österreichischen Präsidentschaft im Rat der Europäischen Union

Wie Schiffer sind wir, die ihr Schiff auf offener See umbauen müssen, ohne es jemals in einem Dock zerlegen und aus besten Bestandteilen neu errichten zu können."
Otto Neurath, 1932

"Scientia sine arte nihil est;
ars sine scientia nihil est."
Jean Vignot, 1392

 

Kunst, Kultur und Wissenschaft werden in historischen Modellen als Entwicklungen innerhalb der Grenzen von Identitäten beschrieben. Aus einer geographischen, religiösen, sprachlichen, ethnischen, politischen und nationalen Einheit entstehe Kultur. Angesichts eines Europas, das im 20. Jahrhundert durch zwei Weltkriege zerrissen wurde, in dem Faschismus, Kommunismus, Nationalsozialismus einen ungeheuren Exodus der Intelligenz in alle Erdteile erzwangen, in dem Kultur im Namen eines Volkes oder eines Staates bis heute immer wieder zerschlagen und zerstört wird und das im Zeitalter des Postkolonialismus von einer globalen Migration geprägt ist, entlarven sich solche traditionellen Modelle von Kulturnationen als irrationale, irreale und reaktionäre Träume. In dieser Ausstellung wird ein neues Modell präsentiert: Kultur entwickelt sich jenseits des geopolitischen und ethnischen Codes; sie wird geschaffen von Mitgliedern einer Gemeinschaft, die geographische, ethnische, sprachliche, politische, religiöse, staatliche, nationale Grenzen überschreitet.

 

Österreich und Ungarn scheinen aufgrund ihrer gemeinsamen kakanischen Geschichte (Robert Musil nannte die kaiserlich-königliche Doppelmonarchie Österreich-Ungarn ironisch Kakanien) im Kulturbetrieb dazu verurteilt, Schauplatz lieblicher Illusionen, kitschiger Klischees und abgelaufener Geschichtsbilder im Dienste konservativer bis obskurer Ideologien zu sein. Die meisten Bilder, die von Österreich und Ungarn entworfen werden, sind das Ergebnis eines kolonialen Blicks von außen, dem sich zum Teil diese Länder selbst schon unterworfen haben und der sie als Reich der Anekdoten und Kuriosa, als fröhliche Apokalypse beschreibt. Die ahistorische Bewußtseinsindustrie des Postfaschismus hat Zerrbilder von Österreich und Ungarn entworfen. Diese Ausstellung soll in Ansätzen die unbekannte Wirklichkeit der Kultur- und Geistesgeschichte von Österreich und Ungarn im 20. Jahrhundert vorstellen. Beide Länder haben trotz der politischen Destruktionen und Obstruktionen analytische Kunstrichtungen (wie Konstruktivismus, Kinetik, Op Art, Aktionismus, dekonstruktive Architektur) und Denkströmungen (wie Psychoanalyse, Sprachphilosophie, Spieltheorie, Kybernetik, Quantenphysik) begründet oder wesentlich mitgetragen, die eigenständige, spezifische Beiträge zur Weltkultur bilden. Die Leistungen und Werke von ca. je 100 österreichischen und ungarischen KünstlerInnen und ebensovielen WissenschaftlerInnen werden mosaikartig vernetzt und nach einem neuartigen methoden- und problemgeschichtlichen Modell der Verflechtung von Kunst und Wissenschaft (statt nach dem üblichen individual- und stilgeschichtlichem Modell) präsentiert.
Die in der Ausstellung skizzierte kakanische Kartographie der Kultur zeigt Wissenschaft und Kunst, die auch jenseits von Österreich und Ungarn entstanden sind, aber auch Kunst jenseits von Kunst, denn Kultur überschreitet nicht nur immer wieder die Grenzen eines Territoriums, einer Sprache, eines Staates, eines Volkes, einer Nation, einer Region, sondern als wissensproduzierendes System überschreitet Kultur auch immer wieder ihre eigenen Grenzen.

 

Diese stete Transgression der (historischen) Kunst und ihrer eigenen konsensualen Grenzen erzeugt die Dialektik der Avantgarde, jenes Motors der modernen Kunst, deren Entwicklung stets von legitimierenden Prozessen der Beobachtung und Selbstbeobachtung begleitet wird. Kunst und Wissenschaft versuchen in der Neuzeit, sich selbst analytisch zu begründen. Diese analytische Tendenz der radikalen Selbstuntersuchung in der Philosophie, der Wissenschaft und der Kunst, welche die Grenzen des Kunstbegriffs bis zur Selbstauflösung ständig erweitert, wird im Zitat von Otto Neurath metaphorisch ausgedrückt. Überschreitung von Kunst erweist sich als ein Grundprinzip der europäischen Kultur (der Moderne). Am Beispiel der gemeinsamen Kultur- und Geistesgeschichte von Österreich und Ungarn im 20. Jahrhundert, die sich besonders durch abstrahierende Methoden der Weltauffassung (in den Formalwissenschaften und -künsten) auszeichnet, werden jene europäischen Traditionslinien nachgezeichnet, die einer cartesianischen Rationalität, deren Begründungsdrang und der davon abgeleiteten Transparenz verpflichtet sind. Die analytische Beobachtung ihrer selbst gehört zum Begründungszusammenhang, zu den Kernkonstanten und zum Motor der Entwicklung der Moderne. In drei Achsen wird versucht, diesen analytischen Tendenzen des Projektes der Moderne nachzugehen.

 

 

PSYCHOANALYSE

Vom Expressionismus zum Aktionismus
In der Entstehung der Psychoanalyse zeigt sich die enge Verbindung zwischen Österreich und Ungarn. Der Dialog zwischen Sigmund Freud und Sándor Ferenczi ist einer der bedeutendsten innerhalb der psychoanalytischen Schule. Die Internationalisierung der Psychoanalyse verdankt intellektuell wie institutionell viel den Ungarn. Der emigrierte ungarische Zweig der Psychoanalyse war ebenso zahlreich und einflußreich wie der österreichische. Zur außerordentlichen Vielfalt der psychoanalytischen Schulen hat die intensive geistige und menschliche Vernetzung der österreichisch-ungarischen psychoanalytischen Szene wesentlich beigetragen.

 

Im wesentlichen hat die Psychoanalyse (mit Ausnahme einiger Kunsttheoretiker wie Ernst Kris) erst nach dem Zweiten Weltkrieg einen adäquaten Einfluß in der bildenden Kunst in Österreich und Ungarn ausgeübt. Einzelne psychoanalytische Schulen wie die von Wilhelm Reich und Theorien wie der Ödipus-Komplex haben dabei eine besondere Rolle gespielt. Die Psychoanalyse hat mitgeholfen, daß die Erben des österreichischen Expressionismus (Klimt, Schiele, Kokoschka, Gerstl) und Informel (A. Rainer, M. Prachensky, ...) diese überwinden und daraus eine neue Kunstform, den Wiener Aktionismus (G. Brus, O. Mühl, H. Nitsch, R. Schwarzkogler), entwickeln konnten. Der aktionistische Ausstieg aus dem Bild im Dreischritt (Aktion auf der Leinwand, Aktion vor der Leinwand, Aktion ohne Leinwand), die Ersetzung der Leinwand durch den menschlichen bzw. tierischen Körper und die damit verbundenen Ausstiege aus der Kunst und schließlich der Gesellschaft waren von der Lektüre der Psychoanalyse begleitet und begünstigt. Die Expression, die nach 1918 zur Emotion und im Kontext der internationalen Moderne zur Restauration verkümmert war, wurde mit den analytischen Methoden der Psychoanalyse zur Aktion transformiert. Die neue Körperkunst entstand, indem die Analyse der Malerei unter dem Einfluß der Psychoanalyse zur Körperanalyse vorangetrieben wurde. Psychoanalytische Theorien der Wirklichkeitsverfassung und davon abgeleitete körperzentrierte Wirklichkeitserfahrungen sind zu Instrumenten der gesellschaftlichen Kritik geworden (V. Export, P. Weibel). Der Aktionismus hat wesentlich dazu beigetragen, unsere Vorstellungen von Kunst und Wirklichkeit zu erweitern. Die Performances und Aktionen ungarischer Künstler (G. Body, P. Forgacs, T. Hajas) verdanken ebenfalls viele Anregungen der Psychoanalyse, insbesondere im Bereich der Medienkunst.

 

 

ANALYSE DES SEHENS

Vom Konstruktivismus zur Dekonstruktion
Die katalytische Funktion, die im 19. Jahrhundert die Entdeckung der absoluten Farbe für die Entwicklung der Kunst innehatte, übernahm im 20. Jahrhundert unter dem Einfluß der technischen Revolutionen die Bewegungs- und Wahrnehmungsproblematik. Siehe Vision in Motion von Moholy-Nagy 1947.

 

Das "abstrakte Ornament" des Wiener Jugendstils um 1900 (J. Hoffmann, K. Moser) hat mit seiner Insistenz auf dem Quadrat viele Ergebnisse der geometrischen Abstraktion und der Op Art vorweggenommen, ebenso wie der Wiener Kinetismus von F. Cizek, E.G. Klien. Aus der Auseinandersetzung um Menschen und Gegenstände in Bewegung entstand allmählich eine abstrahierte geometrische Formensprache der Quadrate, Kreise, Ringe, Scheiben, Linien, Punkte, die von L. Kassak, L. Moholy-Nagy, B. Uitz, S. Bortnyik ab 1919 in Wien und Weimar zum ungarischen Konstruktivismus entwickelt wurde, dessen Formensprache bald über die zweidimensionale Fläche hinaus in den dreidimensionalen Raum universalisiert wurde (F. Molnar, L. Peri, M. Breuer, A. Weininger). In der Folge wurden die optischen Effekte, die die autonomen Linien, Farben, Flächen durch die Trägheit der Retina hervorrufen, selbst zum Inhalt der Bilder. Die Wahrnehmungsmechanismen, die Gesetze des Sehens, wurden in der Malerei der Op Art (V. Vasarely) zum Thema, wie die Bewegung in der Kinetik (N. Schöffer). Der Problemkonnex Wahrnehmung und Bewegung hat in den 20er und in den 50er Jahren in der Kunst besonders des bewegten Bildes, im Avantgardefilm, und in der Avantgardephotographie, neue Bildformen hervorgebracht (von G. Kepes bis P. Kubelka), ebenso in den Sehmaschinen, die Scheinkörper in Scheinbewegung in Scheinräumen zeigen (B. Julesz, A. Schilling). Die maschinengestützte Wahrnehmung erlaubt neue Formen der Interaktivität zwischen Bild und Betrachter im Cyberspace. Mit zunehmender Abstraktion erreichte die universale konstruktivistische Formensprache eine Komplexität, die schließlich zur Auflösung von Quadrat und Würfel führte. Mit der zusätzlichen Quelle einer organischen Architektur (F. Kiesler) entstand eine Transformation der analytischen Formensprache der konstruktiven Flächenkunst zu einer dekonstruktiven Analyse der Raumkunst, einer Architektur der Dekonstruktion, die bei ihrer Selbstanalyse einer Logik der Dislokation und der Ortlosigkeit, einer Auflösung des historischen Raumbegriffs der Präsenz und der Schwerkraft folgt. Von einer Analyse der Bedingungen des Sehens gelangen wir zu einer Analyse der Architektur, die ihre eigene Bedingung, den Raum, auflöst.

 

 

ANALYSE DES REALEN

Vom Determinismus zur Relativität
Ähnlich wie in der modernen Kunst haben Beobachterprozesse auch in der modernen Wissenschaft eine zentrale Rolle inne. Konnte die Wissenschaft des 19. Jahrhunderts mit einem naiven Realismus das Auslangen finden, der die Naturgesetze als endgültige Beschreibungen einer an sich seienden absoluten Wirklichkeit auffaßte, so haben Einsteins Relativitätstheorie und vor allem die Quantentheorie den Beobachter in die durch Messung erfaßte Wirklichkeit einbezogen (W. Pauli, E. Schrödinger, J. von Neumann, E.P. Wigner, V.F. Weisskopf, L. Szilard). Die Analyse der Wirklichkeit steigt vom naiven Realismus zur Beobachter-Relativität auf. Die Beschreibung der Realität wird unvollständig. Kybernetische Beobachtermechanismen zweiter Ordnung, Sehvorgänge, die gesehen werden, spielen im philosophischen Konstruktivismus (H. von Foerster) und in der (Medien-) Kunst eine große Rolle. Nach der Abschaffung der Referenz auf die Realität haben mathematische Methoden als interne Prinzipien (Proportion, Reihe, Serie, Symmetrie etc.) für die Organisation der musikalischen, visuellen und plastischen Elemente gedient (Zwölftonmusik von J.M. Hauer, A. Schönberg; Avantgardefilm der 50er und 60er Jahre). Durch Zahlentheoretiker wie P. Erdös gilt Ungarn als Weltmacht der Mathematik. Zu den geistigen Grundlagen der revolutionären Kunst der 60er Jahre gehörten auch die Beschäftigung mit Systemtheorie (B. Zalai, L. von Bertalanffy, R.H. Francé, A. Koestler), Automatentheorie und Kybernetik, die die Ergebnisse der mathematischen Logik und der abstrakten Informationstheorie technisch umgesetzt hatten ( T. Nemes, H. Zemanek). Mit kybernetischen Skulpturen und Städten ist N. Schöffer hervorgetreten. Eine spezielle Form der Systemtheorie ist die Spieltheorie, die 1947 durch J. von Neumann und O. Morgenstern begründet wurde. Die Spieltheorie eröffnet aber auch wichtige Bezüge zur künstlichen Intelligenz und zur Evolutionstheorie. Das Leben wird spielbar. Was die Kunst besonders an der Evolution reizt, ist gerade der Zufall. Österreich und Ungarn haben beide philosophische Schulen geschaffen, die an einem analytischen Gesellschafts- und Wissenschaftsbegriff orientiert waren: Galilei-Kreis, Sonntagskreis (G. Lukács, K. Mannheim, K. und M. Polányi, G. Pòlya) und Wiener Kreis (R. Carnap, K. Gödel, L. Wittgenstein, K. Popper), der durch die Begründung von Philosophie als Sprachkritik (the linguistic turn) die Konzeptkunst vorbereitete. Durch den analytischen Zugang entwickelte sich nicht nur eine Konvergenz von, sondern auch eine neue Brücke zwischen Kunst und Wissenschaft, die als Produkte einer sozialen Konstruktion durch die Institutionen und Instanzen einer Gemeinschaft (I. Lakatos, P. Feyerabend) gelten.

Neue Galerie Graz

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8010 Graz, Österreich
T +43-316/8017-9100
joanneumsviertel@museum-joanneum.at

 

Öffnungszeiten

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Überblicksführungen
Sa, So, Feiertag, 14 Uhr (de), So, 11 Uhr (en). Zusätzliche Termine entnehmen Sie bitte dem Kalender. Weitere Führungen nach Voranmeldung.

Öffnungszeiten der Bibliothek
Di und Do 10-15 Uhr sowie nach Vereinbarung

Öffnungszeiten OHO!

Di bis Fr von 10 bis 24 Uhr
Sa 9 bis 24 Uhr
So und Feiertag 9 bis 18 Uhr

 

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